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Wenn sie nicht gerade wegen Lärmklagen in den Schlagzeilen steht, kümmert sich die Presse ja nicht um die Bar Rossi an der Langstrasse. Wir berichten allerdings gerne über das kulturelle Angebot, das es dort zu geniessen gibt.

Tipsy Road bei einem ihrer letzen Konzert mit Sänger Davide De Vita (Foto: Sacha Saxer)

Tipsy Road bei einem ihrer letzen Konzert mit Sänger Davide De Vita (Foto: Sacha Saxer)

Gleich drei Schweizer Künstler traten am 3. Dezember in verschiedenster Formation auf und versuchten ihre Musik dem Publikum näher zu bringen. Versuchten, weil sich wieder mal eine gewisse Klientel eingefunden hatte, die ihr banales Geschwätz als weit wichtiger als die musikalische Darbietung auf der Bühne befunden hatte. Mehr dazu später.

Den Anfang machten Call Me Ishmael, ein relativ zurückhaltendes Trio aus Cello, Gitarre und Bass. Gerade der Einsatz des Cellos verleite dem Sound der Band eine spezielle Tiefe, welche die Stimme von Gitarrist Enrico Kampmann unterstütze und den Songs viel mehr Fülle bescherte. Die meist melancholischen Songs kriegten durch den Pep in Enrico’s Stimme eine herrliche Frische, so dass die kritischen Texte auch beim noch ziemlich zurückhaltenden Publikum auf offene Ohren stiessen. Dass ihm allerdings das ewige Geplaudere sauer aufstiess, zeigte Enrico mit einer netten, aber direkten Ansprache: «De nächst Song isch chli ruhiger. Es wär schön, wenn ihr das au si chönnted – bsunders ihr dett hinne.» Hat natürlich nichts genützt, und somit musste man sich einen der schönsten Songs des Abends mit dem Geschnatter irgendwelcher dämlichen Enten teilen. In solchen Momenten fragt man sich echt, wie man solche Leute am effektivsten abstrafen könnte. Vielleicht würden ja Elektroschocks wirken. Anregungen willkommen.

Der Hauptgrund, weswegen es mich an diesem Abend in die Bar Rossi verschlagen hat, war Mahmoud Kattan, Sänger der Metalband Atropas, die am 2. Januar für Eluveitie & Friends eröffnen dürfen. Für mich persönlich war seine Stimme immer die grösste Schwäche von Atropas, und deswegen wollte ich ihn mir mal so «nackt» wie möglich anhören. Und ich wurde positiv überrascht! Mahmoud kann nicht nur singen, seine Stimme hat auch eine gehörige Portion Wärme und seine Cover von HIM, Johnny Cash – der damit Nine Inch Nails gecovert hat – und nicht zuletzt Slipknot konnten echt überzeugen. Gerade letzteres klang besser als das Original. Seine Version von HIMs Version von Wicked Games von Chris Isaac zeigte zwar seine Grenzen auf, aber auch das Potential, dass in ihm steckt. Gerade bei den tiefen Passagen verschluckt Mahmoud oft die Enden der Worte. Aber er ist sich dessen bewusst und arbeitet daran. (Das ist das Tolle an solch kleinen Konzerten… man kann mit den Musikern direkt reden und sie wollen sich auch nicht grösser machen, als sie sind.) Und deswegen werd ich Atropas sicher auf ihrer Out of Control-Tour besuchen und ihn nochmals in seiner gewohnten Umgebung zu hören.

Das Highlight schlecht hin war aber Tipsy Road. Das Quintett aus Lugano spielte zwar etwas unfair gegenüber den beiden anderen Acts, da sie nicht wirklich akustisch spielten, aber in diesem Rahmen nahm ihnen das niemand übel. Das Gitarrenspiel von Christian Zatta war schlicht famos, die Keyboardklänge von Mauro Salazar meisterhaft und darüber der Gesang von Davide De Vita…

Letzterer hat sich leider entschlossen, die Band zu verlassen. Bleibt zu hoffen, dass die Jungs schnell würdigen Ersatz finden werden. Die Truppe muss sich definitiv nicht hinter internationalen Acts verstecken. Die sind so gut, dass es sich lohnen würde, extra wegen ihnen ins Tessin zu fahren, ein Konzert von ihnen zu geniessen und erst am nächsten Tag wieder zurück zu fahren. Eine echte Perle unseres Südens. Wir sollten uns definitiv mehr um unsere Tessiner Landsleute kümmern. Da schlummern uns noch unbekannte Schätze, die nur darauf warten, auch hier entdeckt zu werden.

Fotos: Sacha Saxer