Ein Passwort wird per E-Mail an Sie geschickt

In den grossen Medienhäusern stirbt der Kulturjournalismus einen langsamen Tod. Dafür lebt er im Netz weiter – doch das ist nicht selbstverständlich.

Wo findet man ihn noch, den Kulturjournalismus? Er, der mit seriöser Kritik, sachlicher Einordnung und leidenschaftlichem Verfechten für eine Kultur mit Qualität einsteht?

Wir haben ihn lange nicht mehr zu Gesicht bekommen. Er wurde von den Verlagen durch Sparmassnahmen abgemagert, sein fahles, knochiges Antlitz sieht kaum mehr das Tagespresse-Licht. Denn der Kulturjournalismus wird immer als Supplement wahrgenommen. Ein Nice-to-have, aber kein Muss. Man kann ihn sich leisten, wenn das Geschäft floriert. Dann schmückt man sich gerne mit den Edelfedern des Feuilletons.

Aufbruch ins Internet

Aber dem Journalismus geht es nicht gut. Verzeihung – das stimmt so nicht ganz: Den Verlagen geht es nicht gut. An allen Ecken und Enden wird gespart. «Fett wegschneiden», das man in den feissen Jahren angefressen hat wie Winterspeck. Dass die Zeiten für die grossen Medienhäuser aber immer kälter werden, merkt niemand. Diät ist angesagt, bis alle fröstelnd im grauen Winter stehen.

Kulturjournalismus findet also in den traditionellen Medien kaum mehr statt. Wer braucht  schon eine Kritik der neusten Theaterinszenierung, dem letzten Album, dem gestrigen Konzert? Auf den ersten Blick: Niemand.
Allerdings trügt der Schein. Die Kultur ist immer ein Teil und Spiegel unserer Gesellschaft. Kaum je entsteht Kunst völlig losgekoppelt von unserem Umfeld. Darüber nachzudenken, zu hinterfragen, einzuordnen ist die Aufgabe des Kulturjournalismus. Gerade deshalb ist es wichtig, dass er weiterhin bestehen bleibt.

So hat sich die Kulturkritik heimlich aus den Druckerpressen ins Internet geschlichen. Er blüht da wie nie zuvor auf. Jede noch so kleine Nische erhält gleich mehrere Blogs. Das ist gut und wichtig. Doch der Online-Kulturjournalismus hat seine Grenzen. Die Ressourcen sind knapp. Zeit, geschweige denn Geld, haben die ehrenamtlichen Online-Magazine praktisch nicht. Das ist auch bei Negative White nicht anders. Seit bald sieben Jahren investieren die Reporterinnen und Reporter ihre Freizeit in das Projekt.

Die Qualität leidet

Der Ressourcen-Mangel hat jedoch Auswirkungen auf die Qualität des Kulturjournalismus‘. Tag für Tag suche ich sie: die besten Artikel rund um die Musik. Seit einem Jahr kuratiere ich für die App «Scope» die sogenannten «Mustreads» zum Thema Musik. Und ehrlich: Es ist verdammt schwer.

Einerseits erhebe ich natürlich den Anspruch, empfehlenswerten Musikjournalismus weiter zu verbreiten. Andererseits gibt es davon immer weniger. Stattdessen wühle ich mich durch die Untiefen des Netzes und stosse auf eine unüberschaubare Menge an «Fast Food». Artikel, die nicht viel mehr als ein Video, einen Streaming-Link, ein paar Tourdaten oder ein Album-Cover zum Inhalt haben. So sieht der Musikjournalismus 2016 aus: schnell, einfach, billig.

Selbst bei renommierten Portalen wie «Consequence of Sound», «Pitchfork» oder dem altwürdigen «Rolling Stone» sind Perlen selten: tiefgreifende Analysen, bewegende Reportagen, flammende Plädoyers. Sie fehlen — schmerzlich.

Gute Inhalte werden nicht verschenkt

Das überrascht kaum: Das «Rolling Stone» beispielsweise hält die grossen Geschichten bewusst für das Magazin oder die empfehlenswerte iPad-App zurück. Man verschenkt ja seine Inhalte nicht. Womit wir bei der Kernproblematik des Musikjournalismus, des Journalismus per se, angelangt sind: das Businessmodell.

Entweder steckt der gute Journalismus hinter Bezahlschranken wie beim «Rolling Stone». Oder man finanziert sich über Werbung, die wiederum von Klicks abhängig ist. Die Folge ist schnell produzierter Inhalt, der gut geklickt wird. Denn jeder will das neuste Video sehen, den neusten Song hören. Aber der Mehrwert geht dabei verloren.

Ironischerweise formiert sich unter den Hörerinnen und Hörern eine kleine, aber beachtenswerte Gegenbewegung: die Vinyl-Verkäufe steigen. Vinyl ist mehr als ein hipper Anachronismus. Vinyl ist ein Statement zum langsamen Kulturkonsum in Zeiten atemberaubender Digitalisierung.

Es gibt also keinen Grund, sich nicht auch im Kulturjournalismus Zeit zu nehmen. Ich empfehle an dieser Stelle den Artikel von Victoriah Szirmai. Und es gibt auch keinen Grund, nicht anzunehmen, dass eingeschworene Musikfreaks nicht dafür bereit sind zu zahlen.

Fassen wir uns ein Herz

Selbstverständlich braucht es Mut. Allerdings ist der digitale Kulturjournalismus kaputt. Und er muss repariert werden. Von Kulturinteressierten und den Journalistinnen und Journalisten. Mit dem neuen Layout von Negative White haben wir zumindest ein Fundament geschaffen, auf dem wir aufbauen wollen. Wer rastet, der rostet – uns deshalb arbeiten wir intensiv am Ausbau dieser Website weiter. Schon bald wird es eine Ausweitung unseres Angebots geben.