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Kraftwerk attackieren das Publikum mit Nummern und Noten in 3D

«Unique Moments» heisst das vielversprechende, viertägige Musikfestival im Innenhof des erweiterten Landesmuseums, welches legendären Künstlern und ihren Alben eine (Platten)-Plattform bietet.

ein Gastbeitrag von Fabienne Hadorn

Nach Travis, Stephan Eicher und Patti Smith machten am Samstag die Elektro-Pioniere von Kraftwerk den Abschluss mit einem 3D-Spektakel.

«Wer kauft heute noch ein Platte, geschweige denn ein Album?», denke ich und bewundere wehmütig die Pop-Up-Ausstellung der 100 wichtigsten Alben der Pop- und Rock-Musikgeschichte. Und ich gebe zu, die Alben aus dem Hause Motown in Detroit, von denen einige vertreten sind, haben mir schon immer mehr gefallen als der Techno, der später in der gleichen Stadt, auch mit Hilfe von Kraftwerk, entstanden ist.

Das Festival hat passend zur Location einen musealen Charakter. Die meisten Zuschauer sind Ü40, einige haben noch ihre Kids dabei, die interessiert die Plattencovers der Top 100 abfotografieren.

Zwischen edlen Fressbuden steht eine Human Juke Box, sprich, ein geübter Karaokesänger mit aufblasbarer E-Gitarre und zwei Kartonschachteln auf dem Kopf, der von Udo Jürgens bis Black Sabbath die einfache Variante der Menschmaschine gibt.

Kraftwerk am Unique Moments in Zürich

Bild: Matthias Hoffmann

So richtig kann ich mich nicht für diesen anonymen Alleinunterhalter begeistern und befürchte, dass es mir mit dem 3D-Spektakel der vier Menschmaschinen aus Düsseldorf ähnlich geht. Wobei man sagen muss, dass nur noch der 72-jährige Ralf Hütter, ein Urmitglied von Kraftwerk, mit drei mir unbekannten Herren auf der Bühne steht.

Im Innenhof des Museums mit den altertümlichen Türmchen fühle ich mich ein bisschen wie in Shakespeares Golden Globe Theater. Vor der Bühne der stehende Pöbel, hinten auf der überdachten VIP-Tribüne die sitzenden Besserverdiener. Die mit aufgesetzten 3D-Brillen wie eine gleichgeschaltete Robotermasse wirken.

Visionäre in Thema und Sound

Und schon geht es los mit der Computerwelt und grünen Nummern, die dem Publikum um die Ohren fliegen. Ok, zugegeben, die haben damals schon sehr visionäre Themen angeschnitten, die heute aktueller denn je sind. Algorithmen, Roboter, der globalisierte Verkehr oder Radioaktivität. Und unglaublich tolle Beats und Sounds haben sie kreiert und das in einer Zeit, wo andere noch auf der Klampfe gegen Krieg und für die Liebe geträllert haben. Die Beats von „Nummern“ und Trans European Express waren ja auch die Grundsteine zur Entstehung von ersten Hip Hop Sounds von Afrika Bambaata und Kraftwerks Einfluss im Hip-Hop reicht bis zu Missy Elliot und ist auch in unzähligen weiteren Musikgenres zu finden.

Aber so richtig will das Eis bei mir nicht brechen beim Auftritt der Elektro-Pioniere in dieser geschichtsträchtigen Stätte, auch wenn der Neubau des Landesmuseums links von mir wie ein Eisbrecher droht sich in den Innenhof zu schieben und alles aufzumischen. Zu eisig und kühl ist mir die Performance der vier Herren hinter ihren Pültchen. «Machen die da überhaupt was oder ist alles nur Show? Oder soll ich es einfach als Kunst verstehen?»

Sprechende Schaufensterpuppe

Und so fange ich an «Finde den Fehler» zu spielen, um diesen Menschmaschinen im Spacelab und auf der Autobahn doch noch etwas Menschliches abzugewinnen. Und da plötzlich, nach Das Modell spricht die Schaufensterpuppe Ralf Hütter zu uns und sagt nun ganz ohne Vocoder: «Das war von 1976.» Tja, Instagram lässt grüssen!

Kraftwerk am Unique Moments in Zürich

Bild: Matthias Hoffmann

Und als nach dem Trans European Express statt Zugschienen Musiknoten zeitgleich mit der Melodie ins Publikum schneiden, höre ich raus, dass tatsächlich live Tasten gedrückt werden, weil das Stück nicht ganz fehlerfrei gespielt ist. Und als dann der Herr rechts aussen einen Stromausfall hat und hinter seinem Pult unruhig wird und mit dem Techniker im Backstage diskutiert, da freue ich mich richtig, dass er auch nur ein Mensch ist.

Umso mehr freue ich mich aber, als die vier dann für die Roboter durch Puppen mit mechanischen Armen ausgetauscht werden. Jetzt stimmt es für mich und der Auftritt hat nebst der eigenen Pionier- und Legendenbildung wenigstens die alte Selbstironie.

Über den Abend kann ich immer wieder Unique Moments of Music ausmachen. Besonders in den Beats und zuletzt die Melodie von Tour de France, bei der mir schon immer das Herz aufging. Und Ralf Hütter gibt alles beim rhythmischen Velo-Rennfahrer-Hecheln.

Tell verneigt sich nicht

Aber im Gegensatz zu den meisten Zuschauern am Konzert kann ich mich nicht wirklich vor dem Werk dieser deutschen Pioniere verneigen. Ich schiele immer wieder nach rechts, wo an der alten Museumswand ein Bild prangt, auf dem sich Menschen vor Gesslers Hut verneigen. Nur der bockige Willi Tell tut es nicht, er steht, wie ich, die von 3D-Animationen attackiert wird, trotzig hinter der auf ihn gerichteten Hellebarde der Habsburger.

Kraftwerk am Unique Moments in Zürich

Bild: Matthias Hoffmann

Die Nummern und Noten in 3D haben mich vom Fanpublikum gespalten. Aber so richtig gefallen tu ich mir auch nicht mit meinem Wunsch nach etwas Menschlichem und Persönlichen der Künstler. Denn bei Kraftwerk ist ja dieser maschinelle, unpersönliche Style gerade Programm. Like it or not! Und hey, Fakt ist und bleibt:

«Es wird immer weiter gehn, Musik als Träger von Ideen.»

Darum danke Kraftwerk, dass ihr mit eurem Ufo in Züri gelandet seid und der Musikwelt bis heute tolle Inputs gegeben habt! Und schöne Welttournee noch!