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Das Amphi Festival lockte auch dieses Jahr über 16’000 Anhänger der dunklen Szene aus allen Ländern in die Stadt, in der es verboten ist, ohne ein Kölsch getrunken und dabei neue Freunde gewonnen zu haben, wieder abzureisen. Gewöhnt hat man sich hier sicherlich schon an die schwarze Gemeinde, die einmal im Jahr in die Stadt einfällt. Es scheint wie in Leipzig zum WGT einfach normal geworden zu sein.

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Nachwuchs in der Szene – Ben Ivory (Foto: Matt Hoffmann)

Bei Temperaturen über 30 Grad haben die Besucher die wohl heissesten Tage des Jahres erwischt. Mit A Live Divided startete der erste Festivaltag laut und mit viel Stimme. Die Band um Jürgen Plangger gab alles um das wartende Publikum zu beglücken, welches trotz Hitze in wirklich geiler Laune war. Stahlmann, glitzernd und glänzend wie immer, liessen ihrerseits keine Sekunde aus um auf der Bühne ganz standesgemäss Party zu machen. Die Hits kamen bei den Zuhörern an, auch hier wurde getanzt und gehüpft, was das Zeug hielt.

Solitary Experiment verwirrten uns mit einem extravaganten Auftritt. Vier wirklich heisse Ladys in Schwarz-Rot stürmten die Bühne. Ich hintersinnte mich einen Augenblick, da ich der Meinung war, dass dies eine Band mit ausschliesslich männlichen Mitgliedern ist. Nun gut, kann ja nicht schaden. Als die Sängerin dann allerdings anfing zu singen, war das ziemlich schräg, denn kein Ton sass da, wo er eigentlich hingehören sollte. Nach ein paar Sekunden dann sogar mit einer tiefen männlichen Stimme, die Verwirrung war perfekt. Ist das nun ein Mann oder eine Frau? Als dann die Jungs der Band die Bühne stürmten, war ich doch etwas erleichtert, denn eine Stunde im Ungewissen wäre dann doch etwas zu lange gewesen. Auch hier eine solide Leistung, die zu allem auch noch richtig Spass machte.

Mit Wesselsky fand ein einmaliges Ereignis statt, wenn man Alex glauben schenken darf. Schade! Denn das hat gerockt. Alte Megaherz-Songs richtig aufgemotzt und gentlemanlike präsentiert. Songs wie 5. März oder ein Liebeslied eroberten die Gemeinde im Sturm. Nostalgie war zu spüren, jeder einzelne Song konnte mitgesungen werden. An dieser Stelle hoffe ich, dass Alex uns nicht die Wahrheit gesagt hat, und es zu einem Wiedersehen kommen wird. In weinroten Hemden standen Wesselsky auf der Bühne und liessen wohl nicht nur den Frauen ein Lächeln über die Lippen huschen.

Tanzwut waren die nächsten, die die Mainstage enterten. Hier ging es mit Dudelsack und dem Teufel ganz in Rot richtig gut ab. Vor der Bühne viele Menschen die die Abwechslung zum hauptsächlich elektronisch angehauchten Genre sichtlich zu geniessen wussten. Die Tontechnik war in diesem Falle etwas missglückt, aber dennoch feierten die aus allen Ecken der Welt gekommenen unermüdlich weiter.
Mitleid hatte ich mit den vielen kleinen Personen, die von ihren Eltern mitgeschleppt wurden. Mit einem überdimensionierten Pamir ausgestattet, sollten sie wohl genau so viel Spass haben wie ihre Erziehungsberechtigten. Kinder von kaum 10 Jahren in Strapsen und Push-Up, das geht gar nicht!

Nach einer Umbauphase, in der sogar ein Vorhang aufgehängt wurde, stieg auch die Neugier des Publikums. Die Show von Agonoize stand bevor. Von Kennern waren wir vorgewarnt, im Fotograben nicht zu dicht bei den Künstlern zu sein. Als Chris L. auf die Bühne schwebte stand neben ihm eine Künstlerin die sich das Gesicht mit langen Spiessen durchbohrte. Nichts für schwache Gemüter. Diese konnte man auch schnell an dem kleinen Strom der sich von der Bühne wegbewegte erkennen. Als dann bei der jungen Dame echtes Blut floss, war auch ich etwas shocked, den Schock-Effekt haben sie aber sicherlich erzielt. Anscheinend wussten die vorderen Reihen, was folgen wird, als Chris mit einem grossen Messer wieder auf der Bühne erschien. Einige beherzte Schnitte in Silikonpolster an Hals und Handgelenken und das Kunstblut schoss meterweit ins Publikum. Dies schien aber nicht zu stören, nein tosender Applaus und wildes Geschrei war die Quittung für diese Aktion. Insgesamt war die Show für meinen Geschmack etwas too much, allerdings das, was das Publikum erwartet hatte. Musikalisch eine astreine Darbietung, die die überhitzen Gemüter sicherlich nicht abgekühlt hat.

Gespanntes Warten auf VNV Nation bewegte uns dazu, den raren Schattenplatz aufzugeben und wiederum die Mainstage aufzusuchen. Die Show wollte sich keiner entgehen lassen, so war der Platz vor der Bühne bis auf den letzten Meter besetzt. Dies schien auch Ronan Harris zu gefallen, der wohl überwältigt war ob der vielen Zuschauern, die ihm voller Vorfreude die Hände entgegen streckten. Da die Temperatur etwas zurückgegangen war, wurde getanzt und frenetisch gefeiert. Die Stimmung lässt sich kaum beschreiben. Ausnahmsweise habe ich mich mitten ins Getümmel begeben und war hin und weg. Jeder, der mittendrin stand, schien mit dem Tanzvirus angesteckt worden zu sein. Illusion wurde vom ganzen Platz mitgesungen, es war einfach unvergesslich und schlicht perfekt.

So endete dann auch der erste Festivaltag. Schmerzende Füsse, ein bisschen Sonnenbrand, aber so etwas hält uns Redakteure und Fotografen von Negative White ja schliesslich nicht davon ab, für unsere Leser das Beste zu tun. Denn der zweite Festivaltag stand noch bevor.

Nach einem beschwerlichen Marsch durch die Mittagshitze, hörten wir gerade noch das Ende des Gigs von X-RX. Zum dritten Mal in Folge am Amphi, schafften es die Jungs trotz Waschküchenartigem Klima die Zuhörer zum Hüpfen und Tanzen zu bringen – Morgengymnastik genannt.
Einmal mehr fällt auf, dass die Menschen hier in der Tat wegen der Musik und des gemeinschaftlichen Feierns angereist sind. Ich habe nicht einen überalkoholisierten Besucher gesehen, was für Anlässe dieser Grössenordnung doch sehr aussergewöhnlich ist. An dieser Stelle muss man auch mal sagen, dass die Organisation wirklich straff aber top durchgeplant war. Kaum sind die Bands von der Bühne startet auch schon der Soundcheck der nächsten, die dann auch pünktlich beginnen kann. So auch für den nächsten Act – Ben Yvory. Viel Bass und eine einwandfreie Stimme begeisterten die Fans und solche, die es noch werden sollen. Drumsoli sowie reichlich melodiöse Seiten, ein schöner Einstieg für die kommenden Bands.

Unser erster Höhepunkt des Tages waren The Beauty of Gemina, die sich schon am Vortag mit einigen Fans am sogenannten Beach am Rheinufer getroffen haben. Michael Sele, wie gewohnt unprätentiös, betrat die Bühne als letzter. Im Vorfeld wurden sie von Mark Benecke angekündigt mit den Worten: Zeigt, dass das Amphi die Schweizer lieb hat. Das war aber kein Problem, denn die Männer überzeugten von Beginn weg. Mac gab alles an den Drums, David bediente den Bass vom Feinsten und Marco liess die flinken Finger spielen. Sogar in der Sonne blieben die Fans stehen und ich bin sicher, dass nach diesem Festival noch einige mehr dazu gekommen sind. Mein persönlicher Lieblingssong Dark Rain kam auch zum Zuge, so konnte ich nur glücklich sein.

Letzte Instanz läuteten dann den eher instrumentalen Part des Abends ein. Schon der Soundcheck war witzig – mit einem Paukenschlag liessen sie dann auch die hinteren Reihen feiern. Noch immer hielt sich das Publikum da auf, wo Schatten zu finden war. Keine Fusspitze ragte in den sonnigen Bereich. Schloss man die Augen, konnte man sich ein paar Momente gehen lassen zu den Klängen von Cello und Co.
Umbra et Imargo rockten derweil das Staatenhaus, in dem es zwar stickig, aber deutlich kühler war. Hier unterhielten sie das Klientel mit Lyrik vom feinsten. Eine Augenweide von Frau auf der Bühne, was will man da noch mehr? Sonne? Also wieder raus an die Luft.
Gerade noch rechtzeitig zu Diary Of Dreams. Black Wedding leitete ihren Gig ein. Charismatisch wie immer stand Adrian Hates mit Sonnenbrille bewaffnet auf der Bühne. Einige alte Hits und das Publikum sammelte sich auch in der brennenden Sonne an, um keinen Augenblick der Show zu geniessen. Wie immer ein Garant für gute Stimmung und Party.

OOMPH! sollten für uns dann den krönenden Abschluss zu diesem Abend bilden. Mit Unzerstörbar rockten die Jungs um Dero Goi trotz der noch immer heissen Temperaturen so richtig los. Wie wir auf dieser Tour schon öfter miterleben durften, stürmte er auch dieses Mal die Bühne im Superman-Outfit. Da ich OOMPH! Nun schon das vierte Mal live erleben durfte darf ich sagen, die haben das richtig im Griff. Immer dieselbe Power, immer ein hohes Mass an Professionalität und Freude, an dem was sie tun. Hut ab!

Das Festival war für uns an dieser Stelle zu Ende. Die Organisation war wirklich top, das darf ich guten Gewissens sagen. Es gab null Verspätung, was bei 40 Bands in zwei Tagen wirklich eine Leistung ist. Wir hoffen euch einen tollen Einblick gegeben zu haben und freuen uns auf das nächste Jahr!

Köln, das hat gerockt!