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Können wir The Clash verstehen?

The Clash explodierten aus dem Korsett des Punk. Sie bewiesen, dass England immer noch grossartige Rock-Musik machen kann. Doch können wir die Band heute noch verstehen?

Es ist eine fast unnatürliche Körperhaltung. Paul Simonon krümmt sich, die Beine gespreizt und die Knie nach innen geknickt. Er hält seinen Bass am Hals wie ein Zweihänder – bereit die Welt zu zerteilen.

Es war die Rockfotografin Pennie Smith, die den legendären Moment festhielt, der 1979 als Cover für The Clashs London Calling unsterblich werden sollte.

The Clash entstanden im Juni 1976, als der Manager Bernie Rhodes den ehemaligen London SS-Musikern Mick Jones und Paul Simonon den Sänger Joe Strummer vorstellte. Der Gitarrist Keith Levene verzog sich bereits kurz nach der Gründung. Terry Chimes bearbeitete das Schlagzeug.

Den grössten Fehler beging die Band – wie schon viele vor und nach ihnen – jung. 1977 unterschrieben sie einen beschissenen Vertrag mit CBS Records, der sie zu acht Studioalben verpflichtete. Aufwändige Doppel- und Dreifach-LPs mussten zu einem unverschämt günstigen Preis abgegeben werden, schliesslich hatten die jungen Kids kein Geld. Das führte dazu, dass die Band zu Beginn sogar bei CBS in der Kreide stand.

Alles kommt zusammen 

London Calling ist ein gigantisches Doppelalbum mit 19 Songs. Doch die schiere Menge beeindruckt nur, wenn einem klar wird, dass kein Song wie der andere klingt. Ob Rock’n’Roll, Punk, Reggae oder Jazz – The Clash machen keinen Hehl daraus, die Strömungen für ihre Sache zu kanalisieren.

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Der britische NME beschrieb es so: «London Calling ist das erste Clash-Album, das ihrem Mythos vollauf gerecht wird, wobei es die unverdaulicheren Aspekte dieses Mythos grösstenteils weglässt. Teilweise klingt es wie nichts, das sie jemals vorher aufgenommen haben, und doch ist das im Endeffekt die bislang Clash-mäßigste Clash-Platte. […] London Calling macht den schlecht gespielten Rock’n’Roll des ganzen letzten Jahrzehnts wieder wett.»

Nein, auf London Calling sucht man den Rotz der Sex Pistols oder die kindische Einfachheit eines Ramones-Riff. The Clash entwachsen, nein, sie explodieren aus dem Punk-Korsett in alle Richtungen. Brand New Cadillac ist eine tadellose Rock’n’Roll-Nummer. Spanish Bombs klingt wie The Cure – nur waren The Clash fünf Jahre früher. The Guns of Brixton bedient sich im Rocksteady und Revolution Rock klingt verkiffter als mancher Raggae.

London Calling ist ein Mahnmal für alle, die England musikalisch schon abgeschrieben hatten. The Clash traten die New Wave los wie keine zweite Band. Sie transportierten die Wut des Punk weiter – mit dem Unterschied, dass sie tatsächlich auch ihre Instrumente beherrschten. Und Strummer wusste, wie er die Palette der Emotionen erweitern kann.

Auch der legendäre Schreiber Lester Bangs musste sich eines besseren belehren lassen. In Psychotische Reaktionen und heisse Luft schreibt er über ein Konzert in Bristol:

«Strummer, offensichtlich willens, den Energiemangel der letzten beiden Nächte an diesem Publikum wieder gutzumachen, ist ein lebendes Hochspannungskabel, das auf der Bühne hin- und herpeitscht. Er entledigt sich seiner Gitarre, um sich auf ein Knie fallen zu lassen, aber nicht als Elvisparodie, sondern absolut ausser sich vor Ekstase, er knurrt durch seine zerrüttete dentale Bombeneinschlagsfläche, das Gesicht zerrissen von all dem Zorn, den es braucht, um von The Clashs Authentizität überzeugt zu sein, eine reuelose, ungespielte Verzweiflung, eine Wut, losgelassen auf der Bühne, die sich vor echtem Schmerz windet, der sich mit dem Nerv des Publikums verbindet wie ein Sommergewitter. Jetzt offenbart sich Pogo als erbärmlich unzulängliche Antwort auf einen Mann, der allem Anschein nach schreiend in der Falle sitzt, und das hat nichts mit eurem Klassensystem zu tun, England im Abwind oder Drüsenfieber, es sind die Fesseln des Lebens selbst und der Schmerz, sie zu durchbrechen, den man manchmal mit einem Blitz oder etwas ähnlich belanglosem gleichsetzt, das brennende Mark des Rock’n’Roll.»

Wenn uns der Text von Bangs überhaupt etwas sagt, dann, dass The Clash ein Phänomen ihrer Zeit waren. Heute ist ihre Musik gut bis unsterblich. Doch wir können retrospektiv kaum verstehen, um was es geht, wenn wir nicht selbst dabei waren. Die Wut, der Schmerz offenbarten sich in den Konzerten in einer völlig neuen Dimension. Wir können London Calling tausendmal hören, wir werden es nicht nachvollziehen können.