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Das Debüt von Kafka Tamura nennt sich «Nothing To Everyone». Ein Album voller Bildgewalt, Lebenselexir und Sehnsucht. Aber auch ein Zauber, das einigen verborgen bleiben wird.

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Emma Dawkings im Studio. Bild: Julia Hönemann

Die letzten heissen Stunden gehen zur Neige und die Welt bereitet sich sanft auf eine Abkühlung vor. Die Tage werden kürzer, die Nächte länger und das Licht wird kälter. Es ist das deutsch-englische Trio Kafka Tamura, das uns mit Nothing To Everyone die Klänge eines sterbenden Songs bringen.

Inspiriert vom japanischen Erfolgsautoren Haruki Murakami, benannten sich die Engländerin Emma Dawkins und ihre deutschen Mitmusiker Patrick Bongers und Gabriel Häuser nach dem Protagonisten des Romans Kafka am Strand. Der Name mag fernöstlich anmuten, doch musikalisch reiht sich die Band in die Reihe von Schlicht-Popper wie The XX. Es sind aufs Minimum reduzierte Songs – sphärisch, getragen von der mystischen Stimme Dawkins’.

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Die Instrumentalisten Bongers und Häuser bei den Aufnahmen. Bild: Julia Hönemann

Doch in einem Punkt unterscheiden sich Kafka Tamura und beispielsweise The XX: Ihre Musik mag schlicht sein, doch wird sie durch die Unterkühlung des Arrangements nicht blutleer. Hinter den mäandernden Melodien versteckt sich ein lebenswichtiges Herz. Ein Herz, das unentdeckte Paradiese in die Dunkelheit malt, lebhaft und phantastisch.

«Wer einmal dem sanften Zauber der Band verfallen ist, um den ist es für immer geschehen» steht warnend auf einem Beipackzettel der Promo-Agentur. Dieser Zauber äussert sich nicht nur durch die verführerische Musik, sondern vor allem durch die Texte voller Zweifel, Sehnsucht, Bedauern und Zuversicht.

Man verzeiht es den herbstlichen Songs, dass sie keine Feierlaune verbreiten. Nach einem Intro folgen mit Somewhere Else und No Hope zwei Songs, die einen in ihren Bann ziehen. Ein surrealer Rhythmus, der sich fremd und vertraut zugleich anfühlt, verleiht den Songs trotz ihrer Gemächlichkeit einen eigenen Antrieb.

Das Album ist bis auf eine Ausnahme wie aus einem Guss. Diese Ausnahme heisst Bones. Während Varietät gewöhnlich ein gerngesehener Gast ist, verhält es sich beim hüpfenden Bones gegenteilig. Der Song ist Fremdkörper, der irritiert.
Wer die drei Minuten der Irritation durchhält, wird aber belohnt. Kafka Tamura schenkt uns dann Feral Child, das scheu schimmernde Kronjuwel des Albums. Wie eine Blume im ersten Morgenlicht öffnet der Song seine Blüten, die klingende Gitarre schneidet eine glasklare, liebliche Melodie aus der Stille. Einer der schönsten Songintros, die ich je gehört habe. Feral Child bleibt für mich ein Faszinosum, das ich selbst nach unzähligen Hörgängen nicht richtig fassen kann. In meinen Gedanken sehe ich die Wälder langsam in ihr buntes Herbstgewand steigen.

Mit dem abschliessenden Liar ist die nachdenkliche Jahreszeit definitiv angekommen. Herzzerreissend und berührend ist Liars, das alleine mit Gitarre und Stimme auskommt, und dennoch mutig und unumstösslich.

Kafka Tamuras Nothing to Everyone ist zwar nicht die Sensation des Jahres. Den Reiz der Musik liegt auch nicht offensichtlich auf dem Tisch. Nach und nach vereinnahmen einen die Songs. Darauf muss man sich einlassen wollen. Für alle anderen, bleibt das Album ein Buch mit sieben Siegeln.KafkaTamura_NothingToEveryone

Nothing To Everyone

3
/5
14. August 2015

Release

Lichtdicht Records

Label

Tracklist

  1. Intro
  2. Somewhere Else
  3. No Hope
  4. Bones
  5. Feral Child
  6. Lullabies
  7. Bloodstains
  8. Somewhere Else (Reprise)
  9. Bruises
  10. Nothing To Everyone
  11. Liar