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Die Hamburger Indie-Rocker Kettcar stellten ihr neues Album «Ich vs. Wir» in der Schaffhauser Kammgarn vor. Das Publikum blieb lange ein paar Grad kühler als die Band.

Draussen regnet es unablässig. Und in den Saal tröpfeln die Menschen. Nicht ausverkauft, aber sehr gut gefüllt ist die Kammgarn an diesem trüben Abend. Schaffhausen wird zum Wallfahrtsort einer in die Jahre gekommenen Anhängerschaft. Sie huldigen der deutschen Indie-Rock-Band Kettcar – gegründet 2001. Für viele, die den Weg in die Munotstadt finden, waren die Hamburger der Soundtrack zu jugendlichen Eskalationen.

«Raus! Fick dich.»

Bevor die Helden des Abends die Bühne besteigen, sorgen Fortuna Ehrenfeld für einen sauberen Platz. Das Projekt des Kölner Multiinstrumentalisten Martin Bechler ist wie Kettcar beim Label Grand Hotel van Cleef zuhause. Das Label ist eine kleine Familie: Gegründet wurde es 2002 von Thees Uhlmann (Tomte), Marcus Wiebusch und Reimer Bustorff (beide Kettcar).

Nun, welche Worte kann man über diese Mannschaft Fortuna Ehrenfeld verlieren? Musikalisch wollen sie sich nicht schubladisieren lassen. Mal dröhnt, mal plätschert es: Indie-Rock wird angereichert mit Elektronik – und umgekehrt. Es ist nichts, das einem die Schuhe auszieht. Aber Bechler ist ein schräger Entertainer, der im Schlafanzug auf der Bühne steht und mit einer adoleszent-intensiven Stimme gesegnet wurde. Mit ihr trägt der Mann seine Texte vor, die das wahre Juwel der Songs sind. Verträumt, aggressiv und poetisch zugleich.

Bechler gibt sich alle Mühe, das Publikum aus der Starre zu befreien. So erzählt er von einer AfD-Werbung, die auf der Facebook-Seite von Fortuna Ehrenfeld erschien. Doch der Rechtsberater des Labels beschied Bechler dann, dass man dagegen nichts tun könne. Da musste der Musiker resignieren. Er schliesst die kleine Geschichte mit einem Bekenntnis: «Sollte sich dennoch ein AfD-Sympathisant hierhin verirrt haben: Raus! Fick dich.»

Eine Bombe zum Comeback

Raus wollte selbstverständlich niemand. Denn fünf lange Jahre der Funkstille und der Ungewissheit mussten die Fans überdauern um ihre Helden wieder zu sehen. Im April 2013 legten die Hamburger eine Pause ein und Sänger Marcus Wiebusch veröffentlichte ein Jahr darauf das Soloalbum Konfetti. Niemand wusste genau, ob Kettcar überhaupt wieder aktiv werden würden.

Dann, im August letzten Jahres, kam der Knall. Mit Sommer ‘89 (Er schnitt Löcher in den Zaun) liessen Kettcar eine veritable Bombe kurz vor den Bundestagswahlen platzen. Ein Stück, das mehr vertonte Erzählung denn traditionelles Lied war. Aufgeladen mit einer politischen Botschaft, die so explizit und doch so erfrischend ohne Fingerzeig auskommt.

Im Oktober folgte das ganze Paket: Ich vs. Wir ist ein Werk mit Haltung, mit guten und grossartigen Momenten. Und nachdem sich Kettcar spontan auf dem Kaltern Pop Festival 2017 die Ehre gaben, verbreiten sie nun ihr fünftes Album live auf Tour.

«Wenn du das Radio ausmachst, wird die Scheissmusik auch nicht besser!»

Keine grossen Gesten, keine überschwänglichen Reden. Kettcar besteigen die Bühne in der Kammgarn und starten mit Trostbrücke Süd. Es ist nicht der Einstieg, den man erwartet hätte. Diese mutige Wahl überrascht trotzdem nicht. Denn Mut ist letztlich der rote Faden, der sich durch Ich vs. Wir zieht.

«Schaffhausen, alte Lady. Lange ist es her», sagt Marcus Wiebusch dann und lässt seinen Blick übers Publikum schweifen. Er scheint es zu bemerken und meint: «Wir dürfen auch die unter Dreissigjährigen begrüssen.» Ja, Kettcar sind in die Jahre gekommen. Die fünf Musiker stehen auf der Bühne, bis auf den Schlagzeuger Christian Hake sind alle seit den Anfängen mit dabei. Die Zeit hat Spuren hinterlassen. Runzeln und eine nicht mehr ganze so volle Haarpracht. Marcus Wiebusch selbst feiert 2018 seinen 50. Geburtstag.

Aber Kettcar kommen aus einer Zeit. Einer Ära, in der Rockstars noch nicht den visuellen Ansprüchen eines Modekatalogs genügen mussten. Sie können und dürfen altern. Die Band tut das mit Würde und einer Prise Ironie, wenn sie dann Graceland anstimmen: 

Das ist Graceland, Baby
Keiner wird erwachsen

Die stärksten Momente

Die stärksten Momente des Konzerts sind auch die stärksten auf dem Album Ich vs. Wir. Der Druck, mit dem sie Sommer ’89 vortragen, lässt einen erschaudern. Kettcar spielen ihn lauter, schneller und wütender als auf der Platte. Es ist ein Fanal, ein Donnergrollen, ein Schrei in der schweigenden Mehrheit.

Bild: Janosch Tröhler

Gleiches gilt für Mannschaftsaufstellung, neben der ersten Single das stärkste Stück auf Ich vs. Wir. Der marschierende Beat dringt wie eine Gewehrkugel in die Brust. Pulsierend, unheimlich mutet dieser Song an. Das Gefühl, das man bekommt, wenn man in den Nachrichten wieder von marschierenden Rechtsextremen hört, wird in Musik gegossen.

Endlich Ekstase

Selbstverständlich frönen Kettcar auch den Jugendjahren. Benzin und Kartoffelchips, Ankunftshalle oder Auf den billigen Plätzen sorgen mit ihrem Tempo für eine Mischung aus Euphorie und Nostalgie. Es stehen da Altherren auf der Bühne, doch sie spielen mit der Leidenschaft einer naseweisen Schülerband im Jugendtreff. Die Ausgelassenheit, die Spielfreude lassen alle potentiellen Altersspuren verblassen. Doch das Schaffhauser Publikum scheint immer ein Grad kühler als die Band.

Der Band entgeht dieser Umstand nicht. Und obwohl sich das Konzert schon dem Ende zuneigt, ruft Marcus Wiebusch in den Saal: «Bitte jetzt richtig durchdrehen!» – Nun brechen die Dämme zum atemlosen Deiche. Endlich bewegen sich die Menschen, endlich Ekstase. Das Feuer brennt und Kettcar legen Kohle nach: Ob Wiebuschs Solo-Hit Der Tag wird kommen oder Ich danke der Academy – nun sind Leute befreit von der Montagsmüdigkeit.

Offiziell schliesst die Band mit dem frenetischen Landungsbrücken raus. Schaffhausen, die alte Lady, hüpft nun wie ein junges Mädchen. Die Menge ist entfesselt und skandiert Zugabe. Noch einmal geben Kettcar eine Zugabe, auch wenn sie nicht geplant war. Also spielen sie Den Revolver entsichern, ihrer musikalischen Verneigung vor all jenen, die Widerstand leisten.

Irgendjemand sagt: «Gutmensch»
Und du entsicherst den Revolver
Empathie ohne Mitleid
Vielleicht das allerletzte Bollwerk

Wie ein Mantra wiederholen Kettcar die Zeile «Von den verbitterten Idioten nicht verbittern lassen». Es ist die wichtigste Botschaft, die Kettcar uns auf Ich vs. Wir und an diesem Abend mitgeben: Bleibt mutig.