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Kettcar – Ich vs. Wir

Mit Spannung erwartet wurde «Ich vs. Wir», das neue Album der Hamburger Rockband Kettcar. Es hat seine guten und seine brillanten Momente.

«Es war einer dieser Zyankali-Tage…» Mit diesen Worten eröffnen die Hamburger Band von Kettcar ihr neues Album Ich vs. Wir.

Mit dem Song Ankunftshalle setzt die 2001 gegründete Band den Ton für das ganze Werk: rasanter Indie-Rock, verspielte Melodien und nachdenkliche Texte.

Dass sich mit Ich vs. Wir etwas Grossartiges anbahnt, hatte man ahnen können. Das Album wurde fulminant angekündigt: Die Single Sommer 89 (Er schnitt Löcher in den Zaun) sorgte für ein Erdbeben in der deutschen Poplandschaft. Ein Stück, das mehr eine musikalisch untermalte Geschichte denn konventioneller Song ist. Aufgeladen mit politischer Botschaft, wie man es lange nicht mehr gehört hatte. Von einer Durchschlagkraft, wie man sie lange nicht mehr gespürt hatte.

 

Wie erwartet, ist auch Ich vs. Wir gepackt mit Betrachtungen der Gesellschaft. Gerade jene Momente, in denen Kettcar ihre Botschaft mit Sturm und Drang vorspielen, sind sie unfassbar gut. Kettcar vermeiden es tunlichst, plump und polemisch zu werden. Stattdessen setzen sie auf Poesie, wenn sie in Wagenburg über rechten Tendenzen in Deutschland singen:

Wo Egoschweine erst alleine und dann zusammen nur an sich denkend
Sich zu einem Wir verlieren
Und jedes Wir sind viele Ichs
Und viele Ichs wollen dann die Wagenburg, die Wagenburg formieren

Die Genialität in Kettcars Songwriting manifestiert sich endgültig in Mannschaftsaufstellung. Die Fussball-Nationalmannschaft wird zur Allegorie für den Rechtsruck, für die Alternative für Deutschland. Monoton treibt der Song marschierend vorwärts, drängt wütend das momentane Klima ins Bewusstsein. Ohne das Pathos zu bemühen, klagen Kettcar an. Ihr Psychogramm der «Volksseele» ist akkurat, die Präsentation raffiniert:

Einen Nationalisten als hängende Spitze
Zwei, drei Mitläufer für rassistische Witze
Für die Standards eine, die zuschlagen kann
Und die schweigende Mehrheit als zwölfter Mann

«Jeder weiss, worum es geht», sagen Kettcar in Mannschaftsaufstellung. Unverblümt zeigen sie mit dem Finger auf die Schuldigen, also auch auf uns, die schweigende Mehrheit. Es ist eine bedrückende Momentaufnahme. Doch so düster dieses Pop-Rock-Album nun erscheinen mag, verabschieden sich Kettcar mit Den Revolver entsichern versöhnlich und optimistisch. Eine musikalische Verneigung vor all jenen, die Widerstand leisten:

Irgendjemand sagt: «Gutmensch»
Und du entsicherst den Revolver
Empathie ohne Mitleid
Vielleicht das allerletzte Bollwerk

Wie ein Mantra wiederholen Kettcar die Zeile «Von den verbitterten Idioten nicht verbittern lassen». Vielleicht ist es die wichtigste Botschaft, die Kettcar uns nach ihrer besorgten Umschau in unserer Lebenswelt mitgeben möchten.

«Gewohnheit, der Motor, Angst, das Benzin»

Neben ihren kritikreichen Songs finden sich auf Ich vs. Wir auch Stücke, die sich «bloss» den Menschenleben widmen. Benzin und Kartoffelchips ist eine Erinnerung an wilde und schwierige Jugendtage. Nichts, was man noch nie gehörte hätte. Nichts, was besonders bemerkenswert wäre, abgesehen von dieser einen Zeile im Refrain: «Irgendwann ist irgendwie ein anderes Wort für nie.»

Oder Trostbrücke Süd, die Beschreibung einer Busfahrt als Schicksalsgemeinschaft. Auch hier: Man hat sowas schon mal gehört, was Trostbrücke Süd zwar nicht schlecht macht, aber eben auch nicht herausragend. Natürlich brilliert der Frontmann Marcus Wiebusch dennoch mit vielschichtiger Lyrik. Und wieder eine Zeile, die hängenbleibt: «Wenn du das Radio ausmachst, wird die Scheissmusik auch nicht besser.»

Bild: Andreas Hornoff

In Das Gegenteil der Angst zeigt sich Wiebusch selbstkritisch. Balladesk arrangiert, pendelt dieser Song zwischen Liebeslied und persönliche Reflektion. Auf den billigen Plätzen werfen Kettcar einen Blick auf die Luxusgesellschaft aus der Perspektive der weniger Vermögenden. Die Strassen unserer Viertels beschreibt unser aller Leben dann so treffend wie möglich: «Gewohnheit, der Motor, Angst, das Benzin.»

Keine schlechten Momente

Kettcars Ich vs. Wir hat seine brillanten Momente. Wenn sie anklagen, wenn die Wut durch ihren glatten Indie-Rock durchsickert, wenn sie Kritik geschickt verpacken. Und das Album hat seine guten Momente. Wenn die Band über das Leben philosophiert.

Was Ich vs. Wir glücklicherweise nicht hat, sind schlechte Momente. Trotzdem ist es nicht einfach, dieses Album gleich in sein Herz zu schliessen. Das Hindernis ist die Schwere der Texte. Es ist ein Album, das nicht nebenbei zum Abwasch gehört werden kann. Ich vs. Wir fordert volle Aufmerksamkeit, verlangt unsere ganze Kapazität, die Welt und uns als Teil davon zu hinterfragen. Der Druck und die Intensität auf dem Album fokussieren die Gedanken.

Die Songs tun das selbst dann, wenn sie nicht auf den ersten Blick politisch aufgeladen sind. Das macht Ich vs. Wir zu einem faszinierenden und im positiven Sinne anstrengenden Album. Kettcar sind mutig mit diesem Album, denn kaum ein bekannter Popact hat wie sie den Mumm, sich politisch derart zu exponieren. Die Herausforderung, dieses Album zu hören und zu begreifen, lohnt sich aber: Am Ende dieser aufreibenden 42 Minuten ist man selbst mutiger geworden.

Ich vs. Wir

5
/5
13. Oktober 2017

Release

Grand Hotel van Cleef

Label

Tracklist

  1. Ankunftshalle
  2. Wagenburg
  3. Benzin und Kartoffelchips
  4. Sommer '89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)
  5. Die Strassen unserer Viertels
  6. Auf den billigen Plätzen
  7. Trostbrücke Süd
  8. Mannschaftaufstellung
  9. Das Gegenteil der Angst
  10. Mit der Stimme eines Irren
  11. Den Revolver entsichern