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Am 14. Oktober war Negative White wieder im Frankfurter Café Celona, um mit dem Autor Thomas Sabottka sowie dem Illustratoren Ingo Römling eine Tasse Kaffee zu trinken. Warum niemand auf eine neue Zahnpasta wartet, worum es in „Malcolm Max“ geht und wieso es bald einen Leichenschmaus gibt.

 

Ingo Römling alias monozelle (zVg)

Ingo, du kommst direkt von der Frankfurter Buchmesse. Wie ist dein Eindruck?

Ingo Römling: Voll mit Leuten. Wahnsinnig hektisch. Ich hatte zum Beispiel am Freitag nur einen Termin, aber bis ich alle, die ich länger nicht gesehen habe, alle Kollegen, dann die Leute vom Verlag und Freunde gegrüsst habe… Da rennt man den ganzen Tag rum, auch wenn man nur eine einzige Signierstunde hat.
Ich bin noch nicht richtig bei mir. Vielleicht könnte ich die Frage morgen besser beantworten. Es war auf jeden Fall der Hammer!

An der Buchmesse hast du dein neues Comic, das im Frühjahr erscheinen soll, präsentiert: Malcolm Max. Um was geht es genau?

IR: Malcolm Max ist eine Detektiv-Geschichte. Malcolm Max ist die Hauptfigur, eine Art Geisterjäger. Charakterlich angelehnt an Sherlock Holmes, wie Robert Downey Jr. ihn spielt. Äusserlich habe ich ihn anders gestaltet und er ist nicht so exzentrisch, sondern eher arrogant. Die Geschichte spielt in London, Ende des 19. Jahrhunderts.
Seine Partnerin ist Charisma Myskina, eine Halb-Vampirin, die aus Transylvanien kommt und sich in der Londoner Gesellschaft nicht ganz zurecht findet. Sie ist eher etwas kühl und pikiert über das, was um sie herum passiert. Sie trinkt kein Blut, kann auch ohne Probleme am Tag rausgehen, aber kann nachts besser sehen und besitzt eine unglaubliche Körperkraft. Sie ist kein typischer Vampir.
Morde geschehen, deren Muster eigentlich auf einen Serienmörder hinweisen, der vor zwei Jahren dokumentiert hingerichtet wurde. Die beiden sind der Lösung auf der Spur. Momentan bin ich noch an der Zeichenarbeit. Es wird richtig spannend!

Wie kam dein Projekt auf der Messe an?

IR: Peter Mennigen, der Autor, und ich sind ziemlich erfreut darüber, wie überwältigend die Begeisterung und Neugier sind. Wir stiessen auf grosses Interesse, auch von anderen Verlagen, die an der Lizenz interessiert sind. Es sieht auf jeden Fall super aus! Das Comic wird erst im März, vielleicht April 2013 erscheinen. Eine solche Resonanz ohne eigentliche Veröffentlichung ist doch der Hammer! Jetzt muss ich aber liefern, jetzt müssen die Zeichnungen fertig werden.

Du postest auf deiner Facebook-Seite auch immer wieder Bilder und Ausschnitte aus Malcolm Max. Neue Medien spielen immer mehr eine Rolle. Bist du da froh darum?

IR: Man kann sich dem halt nicht verschliessen. Und ich find‘ es eigentlich sehr praktisch, denn man bekommt ein schnelles Feedback. Ich kann Skizzen online stellen und ich freue mich immer, wenn irgendwelche Leute was dazu schreiben. So werden die Menschen auch neugierig gemacht und kann sie einbinden. Das gab es früher nicht in dieser Form. Das kann jeder selber machen. Jeder Zeichner macht das, Autoren machen das, Verlage machen das. Die Projekte gedeihen dadurch auch nicht mehr so im Verborgenen .Es macht Spass, vorab ein wenig anzuteasen und zu gucken, wie die Leute reagieren.

Was ist wichtiger: Tintenfass oder Computer?

IR: Angenommen du bist jetzt ein Zeichner, der gerade anfängt. Ich sage dir, lerne erst mal auf Papier, weil der Computer dir die Arbeit nicht abnimmt. Das wäre, als würdest du dir einen besseren Hammer kaufen, ohne dass du hämmern kannst. Ich würde jetzt nie meinen Zeichentisch wegschmeissen, aber der Computer ist schon hilfreich. Allein schon beim Zeichnen, spart sich halt die Scannerei und erleichtert die Arbeit.

Kleiner Ausschnitt aus „Malcom Max“ – veröffentlicht auf Facebook

Thomas, dein neues Buch Land, Luft & Leichenschmaus erscheint nächste Woche. Inwiefern unterscheidet sich das neue Buch zu bisherigen Werken?

Thomas Sabottka: Schwer zu sagen. Es hat mehr Ähnlichkeiten mit den Kurzgeschichten, die ich über die Jahre geschrieben habe. Es ist zum ersten Mal eine komplett von mir erdachte Geschichte, da ist nichts Autobiografisches mehr drin. Die Ich-Perspektive wurde auch fallen gelassen.

Ist dieses Buch speziell wichtig für dich?

TS: Total! Weil es vom Schreibprozess her, von der ersten Idee bis zur Abgabe des Manuskripts, komplett anders war. Das Spannende war, dass ich zum ersten Mal ein effektives Lektorat hatte. Wenn man eine Geschichte schreibt – ein Prozess der Jahre dauert – passieren zwei Dinge immer wieder: Nämlich, dass man viele Sachen doppelt schreibt, weil man beim Schreiben gar nicht mehr daran denkt, was bereits zuvor auf einer anderen Seite erzählt wurde.
Die zweite Sache, die ich noch viel interessanter fand, dass ganz viele Informationen in der Geschichte eigentlich fehlen. Als Autor hat man die Geschichte im Kopf. Dass etwas Schlüssiges fehlt, fällt einem nicht auf. Dafür braucht man ein Lektorat, welches weit über die Rechtschreibprüfung hinaus geht.
Weiter ist es mein erster neuer Roman, der bei Periplaneta erscheint. Die Kurzgeschichten waren in erster Linie für die Bühne gedacht. Währenddessen haben sich viele, viele Notizen für grössere Geschichten angesammelt, für die ein Verlag unabdinglich ist. Zum ersten Mal habe ich, wenn man es ökonomisch betrachtet, ein Produkt erschaffen, von dem ich verkaufstechnisch total überzeugt bin. Land, Luft & Leichenschmaus ist in meinen Augen im besten Falle massenkompatibel. Ich habe ein Buch, das auch der Buchhandel in Schubladen, die er nun mal braucht, einordnen kann. Die müssen ihren Kunden irgendwie sagen können: „Wenn du das und das liest, dann kannst du auch das lesen.“ – Das habe ich jetzt zumindest erfüllt, weil es im weitesten Sinne ein Krimi ist.

Auch im Buchhandel läuft sehr viel über Werbung und grosse Verlage. Geld wird immer wichtiger. Was hältst du von dieser Entwicklung?

TS: Vor ein paar Wochen war ich mit Marcus Testory (Die Kammer) zwölf Stunden im Auto unterwegs und wir haben viel gesprochen. Wie in der Musik, ist auch das Verlagswesen eine riesige Branche. Grundsätzlich leben wir in einer Gesellschaft des Überflusses. Keiner wartet auf eine neue Zahnpaste oder eine neue Biersorte oder ein neues Comic oder eine neue Band. Major Labels investieren für ihre Top-Acts fünfstellige Summen, um die Songs im Abendprogramm von VOX laufen zu lassen. Selbst bei Künstlern, wo man denkt: „Um Gottes Willen, die sind doch total bekannt!“. Aber die verdienen nichts mehr, weil die Labels alles in Werbung stecken und bei den Verlagen ist es genauso. Man kauft sich Buchbesprechungen ein, man kauft sich bei den grossen Buchhandelsketten Quadratmeter ein, damit das Buch dementsprechend präsentiert wird. Im Verlauf der Buchmesse ist es auch ein wenig durch die Medien gegangen, dass es im Moment in der Verlagsbranche ohnmächtige Anstrengungen im Gange sind. Stichwort Internet. Bei Amazon kann man nun als Autor direkt ein E-Book veröffentlichen. Kostet nicht so viel Geld und wenn es erfolgreich wird, kann man es auch zum Buch machen lassen. Die traditionellen Verlage zittern schon, obwohl hier in Deutschland es eine Tatsache ist, dass E-Books immer noch nicht so gut laufen. Die machen am gesamten Umsatz an die 15% aus, aber in den USA bereits 60%!

Sabottka an einer Lesung in Zürich, 2011 (Foto: Janosch Tröhler)

Land & Luft und Leichenschmaus ist auch als E-Book erhältlich.

TS: Periplaneta hat von Anfang an gesagt, dass es ein E-Book für das Amazon Kindle Tablet geben wird. Der E-Book-Markt hat natürlich Potential. Aber das klassische Buch wird, zumindest in unserem Raum, nicht dadurch abgelöst. Immerhin sind die E-Books von Periplaneta preislich attraktiv. Die Praxis von grossen Verlagen finde ich seltsam, wenn sie ein Hardcover rausbringen für 25.95 Euro und das E-Book kostet dennoch 22 Euro. Wo ist denn da der Kaufanreiz? Bei Periplaneta kostet ein E-Book einfach die Hälfte.

Wie seht ihr die Zukunft des Prints?

IR: An der Buchmesse gab es unheimlich viele E-Reader-Angebote. Verlage, auch im Comic-Bereich, sind dabei ihren Back-Katalog digital umzustellen. Ich hab vorgestern mit einem gesprochen, der Perry Rhodan, diese Science-Fiction-Klassiker-Erstausgaben, gerade komplett digitalisiert und für E-Reader bereitstellt. Ich kann es ehrlich noch nicht wirklich einschätzen.
Das ist so wie damals, als die CD kam. Da sagten alle: „Ach diese Schallplatten, die wird’s nie mehr geben! Diese riesen Dinger sind völlig unnötig.“ – Sind aber noch immer nicht ausgestorben. Vielleicht wird es dann in die Richtung gehen. Bücher bleiben einfach Sammlerobjekte und der Massenmarkt wird digital. Letztes Jahr habe ich ja auch noch gesagt, dass das Buch nicht aussterben wird. Doch die Akzeptanz gegenüber E-Readern ist grösser, als ich dachte.
TS: Bei Comics auch?
IR: Auch Comics werden digital.
TS: Sind nicht die meisten Reader schwarz-weiss?
IR: Die Comic-Apps sind meistens fürs iPad erhältlich. Es gibt Reader, die dem iPad ähnlich sind. Ich habe aber ehrlich nicht die Zeit gehabt, mich genauer damit zu befassen.
TS: Im E-Book-Markt ist eine Menge Potenzial drin. Zunächst werden die Lesegeräte immer besser…
IR: Billiger.
TS: Billiger, aber auch besser. Ich weiss immer noch nicht, ob ich das Ganze gut finden soll. Ich steh‘ viel zu sehr darauf, ein Buch in der Hand zu halten. Hardcover aus der Folie reissen und daran zu riechen. Was mich bei E-Books bisher gestört hat, war, dass du bisher keine Möglichkeit hattest so ein E-Book zu verleihen. Ich kaufe sehr viele gebrauchte Bücher. Ich könnte zwar Ingo meinen E-Reader ausleihen, aber ich kann ihm diese Datei nicht geben.
Ich habe gehört, Amazon arbeite an einer Prime-Mitgliedschaft, wo man jährlich bezahlt und ein E-Book im Monat gratis downloaden kann. Mehr in Richtung Bibliothek. Wenn sowas von Verlagsseiten her gemacht wird, kann sicher noch einiges aus dem Markt rausholt werden.
IR: Hunderte Bücher immer dabei.
TS: Tausende. Damit fährst du dann in Urlaub…
Ich denke ähnlich wie Ingo. Früher oder später läuft mehr überDownloads, trotzdem wird es noch Bücher geben. Wie im Musikmarkt auch, wo gestreamt wird. Aber es gibt noch genügend Leute, die CDs kaufen, weil da noch etwas Besonderes dabei ist. Man darf nur die Entwicklung nicht verneinen.

Wir sassen vor einem Jahr schon einmal hier. Was hat sich seither getan?

IR: Eine Menge.
TS: Wir sind älter und fetter geworden. Okay, Ingo ist nicht fetter geworden.
IR: Doch, doch, ein bisschen schon.
Ich hab ja damals schon an Malcolm Max gearbeitet. Wobei das damals noch in der Vorbereitungsphase war.
TS: Du hast mir von Die Toten erzählt.
IR: Genau. Im Laufe des vergangenen Jahres war das eine echte Horizonterweiterung. Durch die Comic-Arbeiten habe ich eine Menge dazugelernt, neue Leute getroffen und Perspektiven gewonnen.
TS: Ich war mitten im Arbeitsprozess. Effektiv, schön, interessant war es. Deprimierend war die Erkenntnis, dass die Besucherzahlen an meinen Lesungen kontinuierlich zurückgegangen sind. Man denkt immer, wenn man permanent dranbleibt, steigert sich das Interesse, doch ich habe es genau umgekehrt erlebt.

Und wie sieht es mit der Zukunft aus?

IR: Bright and shining! Ich bin im Moment guter Dinge und einfach sehr, sehr neugierig, wohin die Reise geht. Ich habe ein gutes Gefühl. Es gab vergangenes Jahr zwar eine Flaute, aber das ist nicht ungewöhnlich.
Malcolm Max hat 57 Seiten! Ich zeichne seit neun Monaten konzentriert daran und bin, obwohl ich es nicht wollte, in Termindruck geraten. Jetzt muss ich mich ranklotzen, aber es ist trotzdem geil!
TS: Ich bin angespannt und unruhig. Ich verspreche mir von Leichenschmaus viel, befürchte aber – wie das so ist bei hohen Erwartungen -, dass ich dann ganz doll auf die Fresse falle. Der Verlag und ich müssen uns fragen, wie wir das Buch verkaufen können. Lesungen haben sich bei mir nicht grundsätzlich erledigt, aber sind vorerst zurückgeschraubt. Nun überlegen wir uns, welche Möglichkeiten das Internet bietet. Mein Verleger hat das schön zusammengefasst: „Man muss es irgendwie schaffen, in diesem extrem flüchtigen Medium nachhaltig aktiv zu sein.“
Ich gehe nun mit diesem Buch gezielt auf Buchhändler in Frankfurt zu. Natürlich nicht bei den Ketten, da hat man keine Chance, aber zu den wenigen verbliebenen Unabhängigen. Es kann natürlich sein, dass ich bei der Tantiemen-Überweisung bitterlich heulen werde.
IR: Man kommt da nicht drum herum, diesen Weg der kleinen Schritte zu gehen. Der Hype ums Internet klingt langsam ab, weil die Leute merken, welches Eigenleben dieses Medium hat. Die Internetuser sind ja nicht blöd. Die wissen mittlerweile, wie was geht und funktioniert. Deswegen sind die Verlage als „Andockstation“ noch immer relevant. Berühmte Autoren wie Kai Meyer sind den ganz klassischen Weg gegangen. Es gibt die Ausnahmeerscheinungen wie Fifty Shades of Grey, die erst auf Amazon veröffentlicht wurden, aber da ist viel Glück dabei.
TS: Viele Autoren machen den Fehler, dass sie eine Website haben, doch diese nicht bewirtschaften. Ich versuche, möglichst viel im Internet zu realisieren, denn der finanzielle Aufwand ist gering. Lesungen ohne Publikum sind für mich ein Minus-Geschäft. Dagegen brauchen Posts im Internet zwar viel Zeit, doch wenigstens bleibt der Verlust aus. Momentan erarbeite ich ein Konzept mit der kostenpflichtigen Werbung bei Facebook. Ich habe mit Matze Ambré gesprochen, der das für Die Kammer gemacht hat. Dennoch braucht man ein paar vernünftige Pressestimmen und Leute im Internet und im Leben, die darüber reden.

Stehen Besuche in der Schweiz an?

TS: Ich möchte gerne, aber ich weiss im Moment grad nicht wie, weil der letzte Termin für die Schweiz im Frühjahr in Zürich wurde abgesagt. Ansonsten, ich hab vorhin noch kurz über Facebook mit Janosch Tröhler (Redaktionsleitung Negative White) gechattet. Wenn ihr eine Idee habt, her damit!
IR:Es ist nichts Konkretes. Letztes Jahr gab die Absicht, an die Zürcher Comic-Börse zu gehen. Hätte auch fast geklappt, aber es gab ein logistisches Problem. Da wär ich mit dem Zwerchfell Verlag aufgelaufen. Vielleicht klappt es nächstes Mal. Splitter Verlag hat schon ein bisschen mehr Marketing-Power im Hintergrund, die sind da schon ein bisschen breiter aufgebaut.

Wir bleiben gespannt auf mögliche Besuche, Land, Luft & Leichenschmaus und Malcolm Max im Frühjahr! Vielen Dank fürs Interview!

Aufgezeichnet von Fiona Styner.