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Eine Reise tief in die finnische Sagenwelt durfte erleben, wer am Mittwochabend das Z7 besuchte. Ein epischer Ausflug in die todesmetallisch-musikalisch verdichteten Höhen und Tiefen der finnischen Kalevala liessen einen für einige Stunden die kalte Realität vergessen.

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Lichtspektakel bei Amorphis (Foto: Cornelius Fischer)

Nach der eisigen Kälte des Novemberabends wärmte einem sogleich das strahlende Gesicht des Amorphis-Frontmannes Tomi Joutsen das Herz. Er schien sichtlich gut aufgelegt und mehr als motiviert, das Publikum abzuholen und auf mystische Abenteuer mitzunehmen. Das Intro und die erste Singleauskopplung des neuen Albums Shades of Gray schienen jedoch nicht ganz so passend und mitreissend, wie vielleicht gewünscht, im heimischen CD-Spieler als Earcatcher zu bezeichnen, funktionieren sie live nicht ganz so gut.
Doch das gleich darauffolgende Narrow Path mit seinem ohrwurmigen Eingangsriff machte dies wieder wett. Tomis meterlangen Dreadlocks flogen und das Publikum hatte Spass. Und spätestens mit den Klassikern Sampo und Silver Bride hatten Amorphis auch die letzte Reihe auf ihrer Seite. Nach dem ebenfalls neuen The Wanderer stellte sich das altbewährte Schema F an Amorphis-Konzerten ein, welches von alteingesessenen Fans wohl geschätzt und sehnlichst erwartet wurde. Früher oder später wird in die ganz alte Klassiker-Kiste gegriffen. Mit Songs wie Against Widows, Into Hiding und vor allem dem alles reissenden Vulgar Necrolatry wurden die Wände zum Wackeln und die Dezibel-Anzeige in (endlich) unanständige Gefilde wandern gelassen! Hier wurden die bei den clear gesungenen Passagen beobachteten stimmlichen Unsicherheiten (welche aber kein Wunder sind auf so einer Monstertournee) einfach weggegrowlt.
Mit der Rückkehr zu den von Tomi mitproduzierten Alben kamen noch ein paar zum Mitsingen einladende Übersongs wie The Smoke oder You I need. Zwischen den Songs scherzte Tomi immermal wieder mit Esa, dem ebenfalls gut aufgelgegten, überragenden Gitarristen. «Esa, play some music!», kam es von Tomi – und wie Esa das tat – seine live noch ausgefeilteren Soli treffen einen mitten in Herz und den Banger natürlich in den Nacken. A propos Riff, das Eingangsriff des vorerst letzten Songs Hopeless Days, das zwar zugegebenermassen durch ziemlich viel Keyboards unterstützt wird, riss noch einmal alles. Doch dann befand Tomi: «We’re old. We need a rest.» und die Band verliess (wohl für Bier und Zigarette) die Bühne. Das Gejohele und Klatschen liess den Finnen jedoch keine lange Ruhepause. Wozu auch – schliesslich hatte das gerade Dargebotene das absolute Gegenteil von Alters- und Müdigkeitserscheinungen bewiesen!
Für Sky is Mine, das obligate Black Winter Day und ebenfalls nicht wegzudenkende House of Sleep mit leider unüberzeugender Solo-Gesangseinlage des Publikums, wurde die Bühne noch einmal geentert und die jugendliche Frische bewiesen. Doch dann wurde das Publikum sanft wieder in die Wirklichkeit zurückgesandt, die fernen Welten entschwebten langsam. Mit Eläkeläisets Humppa-Version von House of Sleep als Outro wurde man noch in die Nacht entlassen, mit trockenem finnischem Humor im einen, unverständlichem Humppa-Gejohle im anderen Ohr.