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Hinter Kafka Tamura steckt nicht der deutschsprachige Schriftsteller aus früheren Jahren, sondern ein mystisch und doch vertrautes Trio mit Wurzeln in England und Deutschland. Die junge Band eröffnete bereits Konzerte für ihren Label-Kollegen Milky Chance und ist nun selber auf dem Weg nach oben. Negative White hat die Drei zum Kaffee und Interview getroffen.

Kafka Tamura sind auf dem Weg nach oben (Foto: David Schneider)

Kafka Tamura sind auf dem Weg nach oben (Foto: David Schneider)

Es ist diese Art von Musik, die mit ihrem Hall und den geheimnisvollen Tönen nicht von vorneweg bekannt gibt, wo der Weg hingeht. Umso mehr taucht der Hörer ein in eine Welt voller Mystik, Geschichten und den dazu passenden musikalischen Deckmantel. Wer Kafka Tamura hört, der hört genau hin. Wie die gleichnamige Figur aus dem japanischen Buch Kafka am Strand erzählen auch die drei Musiker ihre Geschichte und packen diese gekonnt in überraschende Klangkörper. Wo soviel Surreales und Neues zusammentrifft, gibt es Fragen. Diese haben wir Emma (18), Patrick (27) und Gabriel (27) – so die Namen hinter der Band – gestellt und so einiges erfahren.

Negative White: Ich könnte das Interview standardmässig damit beginnen, dass ihr euch über das Internet kennengelernt habt oder dass du, Emma, 15 Jahre warst als ihr als Band zusammenkamt. Doch viel lieber möchte ich eure Lieblingsstelle aus Haruki Murakamis Roman Kafka am Strand hören, von dem ihr schliesslich auch euren Bandnamen herhabt.

Patrick: Für mich ist es der Beginn der Geschichte, wo Kafka ein Gespräch mit seinem Alter Ego führt. Sie sprechen dabei über die Absichten von Kafka von zu Hause und vor seinem Vater zu flüchten. Und ihm wird klar, dass er dafür sehr stark sein muss. Darum fragt ihn sein Alter Ego, ob er denn stark genug sei für diese Herausforderung. Es ist ein sehr spannendes Gespräch, das er da mit sich selber führt. Sein zweites Ich warnt ihn auch vor einem Sandsturm, was eine Metapher sein soll für die Gefahren, die während der Flucht auf ihn lauern.

Der Junge namens Kafka wird in der Geschichte auch als «stärkster 15-jähriger Bursche der Welt» beschrieben. Emma, du warst 15 Jahre alt als ihr als Band zusammenfandet. Fühltest du dich damals genauso stark wie Kafka aus besagtem Buch?

Emma: Ich bin zwar nun keine 15 Jahre mehr alt. Aber ich bin nicht wirklich hart, ich bin jedoch über die Zeit mehr und mehr gereift. Und auch meine Mut hat zugenommen. Doch als stärkstes Mädchen der Welt würde ich mich nicht bezeichnen. (lacht)

Emma (Foto: David Schneider)

Emma (Foto: David Schneider)

Du bist aber mittlerweile nicht mehr einfach das kleine Mädchen aus England. Lass und aber doch auf deinen Heimatort Southhampton zu sprechen kommen, wo auch illustre Musiker wie Craig David herstammen. Die Stadt erinnert stark an Brighton, ebenfalls gesegnet mit toller Musik und vielen Bands. Ist deine Heimat auch dein Ort wo du deine Inspiration hernimmst oder schaust du – musikalisch gesehen – weit über das Wasser?

Emma: Ich mochte es nicht wirklich zu reisen. Doch normalerweise kam die Inspiration nicht aus dem Ort wo ich herstamme, sondern vielmehr aus Geschichten, die ich hörte, welche sich zum Teil ganz woanders zugetragen haben. Ob ich es nun am Fernsehen gesehen habe oder wo auch immer. Aber auch Leute, die ich kenne, inspirieren mich und regen zu Ideen an. Es fällt mir auch einfacher diesen Leuten etwas zuzuordnen, etwas zu erzählen.

Soll also heissen, dass im schön übersichtlichen Southhampton viele interessante Menschen leben. Klingt sogar ein wenig märchenhaft.

Emma: Ja, so könnte man das sagen. (lacht)

Zu Beginn eurer Band-Karriere habt ihr an OpenMic-Shows in England gespielt, die zum Teil vom Ambiente und Publikum her ziemlich undankbar waren. Was habt ihr aus diesen Anfängen im kleinen Rahmen gelernt?

Gabriel: Es war eine gute Lektion für uns. Emma hat bereits davor zum Teil alleine Pub-Gigs gespielt, aber es macht einen Unterschied, ob du mit anderen Leute auf der Bühne stehst oder alleine. Und auch für uns zwei war es neu, da wir vorher noch nie in England aufgetreten waren. Wir nutzten die Gelegenheit einfach mal rauszugehen und einige Sachen auszuprobieren. Vor allem am Anfang, wenn du noch nicht genau weisst, wo du hin willst, sind solche Lokale eine gute Chance, du bei solchen Versuchen nicht gleich 2000 Leute vor dir hast. Da geht es nicht um das beste Konzertlokal, sondern darum einfach auf der Bühne zu sein. Von dem her war es eine gute Möglichkeit.

Patrick: Und schlussendlich waren die Leute bei diesen Anlässen ja auch nicht alle betrunken. Wir haben einige tolle Reaktionen bekommen. Manche Leute gaben wirklich gutes Feedback. Schliesslich war dort normalerweise das Level so tief, dass die Zuschauer es wirklich schätzen, wenn jemand etwas Sauberes vorträgt. (lacht)

Patrick (Foto: David Schneider)

Patrick (Foto: David Schneider)

Den Fuss auf die grösseren Bühnen habt ihr dann durch das deutsche Label Lichtdicht Records geschafft, zu dem auch Milky Chance gehören, für die ihr Support wart. So kamt ihr schon nach Holland, Belgien und habt ganz Deutschland getourt. Wurdet ihr dank dem Support für die Band gesignt oder ward ihr schon Teil von Lichtdicht, bevor ihr mit den Jungs auf Tour gegangen seid?

Gabriel: Die Support-Tour für Milky Chance war damals das Resultat aus dem Vertrag mit Lichtdicht Records. Ihnen war von Beginn an wichtig, uns so gut wie möglich zu unterstützen und etablieren. Es war eine Europa-Tournee die wir mit den Beiden machten und die Konzerte waren fast alle schon im Voraus ausverkauft. Es war also eine super Möglichkeit grosse Lokale zu bespielen und wir hatten ordentlich Spass.

Wie war es damals für euch, als das Label auf euch zukam und euch unbedingt unter ihre Fittiche nehmen wollte? Schliesslich sind nebst Milky Chance und James Hersey keine weiteren Künstler bei Lichtdicht Records.

Patrick: Das war natürlich ein toller Moment. Die Leute dort sind alle sehr nett und es ist als Band wirklich ein schönes Gefühl, wenn jemand voll hinter dir steht und du nicht einfach einer von hunderten Acts bist. Es funktioniert nicht so wie bei Major Lables, welche unzählige Bands unter Vertrag nehmen und dann mal schauen, welche davon funktionieren und sich schlussendlich nur auf fünf davon konzentrieren. Der Rest muss sich damit abfinden und stirbt sozusagen ab. Und uns war klar, dass so etwas nicht passieren würde, da eben nur drei Bands auf dem Label sind. Sie müssen sich also regelrecht auf uns fokussieren und das ist gut zu wissen. (lacht)

Bis wir uns zum ersten Mal per Skype «gesehen» haben, wo auch Emmas Mutter neben ihr sass und auf sie aufpasste. Patrick

Und ihr habt somit auch genug Raum um euch auf die Band zu fokussieren. Diese entstand 2011 über das gute alte Internet. Ihr wart schon eine Band, bevor ihr euch überhaupt einmal im richtigen Leben getroffen habt. Wie sah diese Entwicklung aus, bis ihr euch zum ersten Mal richtig gesehen habt?

Patrick: Ich glaube zwischen dem Kennenlernen und dem ersten Treffen waren etwa sieben bis acht Monate dazwischen. Zu Beginn waren wir oft am Skypen und ganz am Anfang hatten wir lediglich E-Mail-Kontakt. Bis wir uns dann zum ersten Mal per Skype «gesehen» haben, wo auch Emmas Mutter neben ihr sass und auf sie aufpasste. (lacht) Das war unser Anfang: viele Skype-Telefonate und das Herumsenden von Sound-Files.

Also habt ihr euch zuerst Sound-Fetzen sowie Samples zugeschickt und darauf kamen Text und Inhalt hinzu, bis euer erster Song entstanden war?

Patrick: Genau, das waren die Stücke Lullabies und Somewhere Else. Wir hatten also unsere ersten beiden Songs und mochten vor allem Somewhere Else sehr. Das Lied hat seine Kraft und wir wagten uns dann den Schritt nach aussen zu machen, indem wir den Song den Leuten zeigen wollten. So entstand darauf das Musik-Video dazu.

Das Video entstand in der Nähe von Southhampton und war gleichzeitig euer erstes richtiges Zusammenkommen. Der Clip hat eine schöne Bildsprache. Inwiefern zeigt er den Charakter der Band auch in Referenz zu den Lyrics?

Emma: Ich finde der reale Aspekt ist in dem Video schön festgehalten. Vor allem das rote Band hat seine Rolle. Es ist etwas, das du beim ersten Anschauen nicht erwartest. Da kommt dieses Tuch aus meinem Mund und wirkt doch wie etwas ganz Normales. Wir sind einfach eine Band und doch kommt etwas Spezielles dabei heraus. Und genau diese Erfahrung wollten wir auch auf unser Album bannen. Für uns war es ein guter Startpunkt für alles, was darauf folgte.

Auch bei den Lyrics gestaltet ihr eure eigenen Szenerien und Emotionen. Wenn man da den Link macht zu den japanischen Geschichten, welche den Bandnamen inspiriert haben, ist es auch so, dass ihr dieses Mystische und Fantasievolle ebenfalls in eure Musik fliessen lässt?

Patrick: Ein wenig schon, schliesslich haben wir am Anfang oft über diese Dinge geredet. Wenn ich Musik mache, erschaffe ich auch eine gewisse Ästhetik und eine Grundstimmung, die ich während dem Prozess selbst empfinde. Ein Schritt heraus, abseits von dem täglichen Leben und den damit verbundenen Situationen sowie Umgebungen. So entsteht etwas Neues, etwas das über den Rand der Realität hinausgeht.

Eure Musik-Videos gehen ebenso über die alltägliche Realität hinaus. Erst gerade habt ihr den neusten Clip zu Lullabies veröffentlicht und davor mit einem bunten doch zugleich nachdenklichem Video zu Bones überrascht. Wie steht ihr hinter diesen Verbildlichungen eurer Lieder, erarbeitet ihr das Konzept dazu mit oder ist alles produziert?

Patrick: Wir arbeiten seit Beginn mit demselben Video-Team zusammen, für alle vier bisherigen Clips. Und ihre Kamerafrau hat zudem auch unser Album-Artwork entworfen, es ist also ein sehr freundschaftliches Zusammenarbeiten. Die Zusammenarbeit für das erste Video, also zu Somewhere Else, war eine sehr enge. Da haben wir konkret unsere Ideen eingebracht und aufgezeigt, was wir wollen. Von da an haben wir ihnen mehr und mehr freie Hand gegeben, wenn es um die Umsetzung ging. Denn wir wussten, dass wir ihnen vertrauen können und es gut kommt. Wir tauschen uns zwar immer noch über Ideen aus und geben Feedback, aber schlussendlich kommen sie immer mit sehr tollen Einfällen zu uns.

 

Auch wenn es um euer Auftreten als Band geht, habt ihr eine klar Linie. Wie wichtig ist euch dieser künstlerische Aspekt, dass sowohl der Auftritt als Band als auch das Artwork und eure Performance mit der eigenen Musik zusammenfliesst?

Gabriel: Das ist sehr essentiell und ist Teil des ganzen Konzepts. Was du als ausgefallen siehst, ist im weitesten Sinne dieser realistische Touch. Es mag zwar fantasievoll wirken oder danach aussehen, aber es geht uns mehr um dieses «Abseits der Realität»-Ding als um ein eigensinniges und unnahbares Auftreten. Wir denken oft darüber nach und kümmern uns sehr um all dies. Dieses Gesamthafte ist uns sehr wichtig.

Gabriel (Foto: David Schneider)

Gabriel (Foto: David Schneider)

Patrick: Es ist ein spannender und lustiger Teil vom Dasein als Musiker. Auch die Videos sind immer eine kreative Angelegenheit. Deshalb erscheinen wir auch immer selber in den Musik-Videos, um auch da zu interagieren. Die visuellen Stücke sind genauso von grundlegender Wichtigkeit und folgen dem Konzept «nichts geschieht aus Versehen».

Auch auf der Bühne setzt ihr eure Musik live als auch visuell gekonnt um. Ihr funktioniert eigentlich als Trio, tretet aber auch als ganze Band mit Mitmusikern auf. Was bevorzugt ihr persönlich, wenn es um eure Auftritte geht? Entfaltet sich das Ganze eher als volle Band oder im Trio?

Gabriel: Für uns fühlt es sich besser an, wenn wir mit den anderen zusammen auf der Bühne stehen können.

Emma: Es fühlt sich kompletter und besser an.

Gabriel: Ja, so ist es. Ich will nicht sagen, dass es so mehr nach dem Album klingt, aber mehr nach dem wie es sein sollte. Und wenn es nur wir Drei sind müssen wir zudem auf eine Art wie Kompromisse machen und Dinge weglassen, welche es eigentlich zu hören gilt. So könnten wir nicht alles alleine spielen, wollen aber auch keine Backing-Tracks laufen lassen. Deshalb geniessen wir es am meisten, wenn wir zu fünft auftreten und unsere Musik sich entfalten kann.


 

Kafka Tamuras Debütalbum Nothing To Everyone ist seit August 2015 erhältlich. Wer sich also in traumhaften und lyrischen Gefühlsfahrten verlieren möchte, dem sei die Welt und Musik dieses vielversprechenden Trios empfohlen.