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Júníus Meyvant spielte im Zürcher Club Mascotte. Ein Abend zwischen Spässen und Konzentration.

Das Mascotte. Eine ehrwürdige und alte Adresse im Zürcher Nachtleben. Udo Jürgens hat eine Weile über dem Club gehaust. Hier spielen alle: laute und wilde Rockbands, ruhige und träumerische Singer-Songwriter.

Sechs Jahre sind seit meinem letzten Besuch – damals spielten Royal Republic – ins Land gezogen. Die Schweden brachten das Publikum zum Schwitzen. Heute lockt erneut ein Mann aus dem Norden. Aber keiner, der besonders laut oder schweisstreibend ist. Júníus Meyvant ist ein isländischer Hüne. Bart, langes blondes Haar. Etwas zu dünn um als Wikinger durchzugehen. Trotzdem erwartet man von einem Mann seiner Erscheinung eher knochenbrecherischer Metal als samtiger Soul. Aber so ist das mit Meyvant: Man hatte auch nicht erwartet, dass er einst auf der Bühne sein Zuhause finden wird. Beinahe wäre er Profi-Skateboarder geworden. Nun kurvt er noch in den Musikvideos rum.

Also das Mascotte. Eigentlich ein ungeeigneter Ort für Konzerte. Der Raum ist breiter als lang, stösst vielleicht nach fünf, sechs Reihen bereits an die Bar. Dafür umarmt das Publikum die Bühne regelrecht. Kaum woanders kommt man den Künstlern so nah, dass man ihre Deo-Marke erschnüffeln könnte. Gerade deshalb werden sich die ersten Plätze direkt vor der Bühne sofort in Beschlag genommen und verteidigt.

Dylan und Deutsch

Erst nimmt Snorri Helgason das Rampenlicht in Beschlag. Das Mascotte verstummt, nur hinter der Bar klirren die Gläser. Mit groben Lederschuhen, schwarzem Hemd und rotbrauner Mütze steht er da: ein singender Holzfäller, die Gitarre umgehängt und eine Mundharmonika ins Gestell vor dem Mund eingespannt. Helgason klingt wie Bob Dylan mit einer Überdosis Country-Melancholie – mit dem Unterschied, dass Helgason tatsächlich singen kann.

In gebrochenem Deutsch erzählt der Isländer, dass er die Sprache seiner Zeit in der Universität gelernt hatte, mittlerweile aber wieder vergessen. «Der nächste Song…» – «Heisst!», ruft jemand aus dem Publikum. «Heisst, danke…», sagt Helgason. «Der nächste Song heisst Autumn Skies – herbstlicher Himmel.» Die Übersetzung ist so holprig, dass es klingt wie «hässlicher Himmel». Aber hey, er beherrscht das Deutsche besser, als wir Isländisch je können werden.

Kurz darauf bestätigt sich die Vermutung: Helgason outet sich als fanatischer Dylan-Fan und stimmt den Song Abandoned Land an. Ein Lied, das Dylan schon 1975 aufgenommen, doch erst ein Jahrzehnt später veröffentlicht hat.

In der Pause zwischen Helgason und Meyvant frage ich den Security-Mann an der Tür, wie viele Leute drin sind. «Genug», antwortet er. «Wie viel genau?», bohre ich nach. «Darf ich nicht sagen. Auflage der Gewerbe- und Feuerpolizei.» – «Bullshit…», denke ich mir und bestelle ein Bier.

Witze und Perfektion 

«Hello, I’m Axl Rose.» So begrüsst Júníus Meyvant sein Publikum. Mit seiner Band im Rücken ist er nicht nur lauter, sondern erzeugt auch spürbar mehr Druck als Helgason. Und schon bedauert man, dass die Bläser aus der Konserve kommen. Wären sie live, würde die Wucht einen umhauen.

Meyvant und seine Band scheinen währenddessen schon in eine andere Dimension gewechselt zu haben. Stoisch starren sie Löcher in die Luft, keine Regung zeichnet sich auf ihren Gesichtern. Pure Konzentration, die nur ein Ziel hat: Perfektion.

Zwischen den Songs gibt sich der Isländer als jovialer Sprücheklopfer, kontrastiert das Bild des perfektionistischen Artisten. Wie gesagt; man weiss nie, was von ihm zu erwarten ist. Es ist kaum zu beurteilen, ob seine Witze reissende Seite bloss Schauspiel oder Teil seiner Persönlichkeit ist.

Zuversicht und Hoffnung

Wenn es überhaupt ein Programm gibt, dann ist es der unbändige Wille zur Variation. Da branden die Drums sanft ans Ufer des Arrangement, dann knallen sie wie Feuerwerk an Silvester. Meyvants Finger springen zielstrebig über die Gitarrensaiten. Mal sind die Songs laut und rasant, mal entspannt und umnebelt wie Fahrstuhlmusik. Und Fahrstuhlmusik ist hier keinesfalls negativ gemeint. Nein, es ist schliesslich der Soundtrack zum Aufstieg. So haftet auch Meyvants Klängen eine Aura der Zuversicht, der Hoffnung an. Selbst dann, wenn er in eine Blues-durchtränkte Ballade verfällt.

Meyvant liefert dann die Zusammenfassung seines Lebens gleich selbst: «Life is what happens while you’re busy making plans.» John Lennon hat das gesagt. Man spürt, dass Meyvant weiss, was dieses Zitat wirklich bedeutet. Dass er die Pläne über Bord geworfen hat. Ja, er lebt ihn, den Moment. Kostet ihn mit Anschlag auf den Saiten aus, nährt sich an jeder Faser der Musik.