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«Mit Neil Young zusammenarbeiten – der Gedanke gefällt mir»

Joan as Police Woman aka Joan Wasser wird in Zürich ein keyboardlastiges Konzert geben. Im Interview denkt sie über ein Kollaborationsalbum nach.

Am 4. April spielt Joan Wasser aka Joan as Police Woman im Zürcher Kaufleuten. Negative White hat vorab mit der Musikerin über ihr neues Album und mögliche Kollaborationen gesprochen.

 

Ich hätte fast den Interview-Termin verpasst, weil ich gerade in dein Album versunken war.

Joan Wasser: Und, was denkst du?

Ich habe mehrere Kritiken gelesen, die es als traurig und düster bezeichnen. Ich finde es verträumt und eigentlich recht zufrieden. Was ist denn deine eigene Einschätzung?

Verträumt trifft es gut. So nehme ich es wahr. Dass eine gewisse Melancholie drinsteckt, kann ich nicht abstreiten. Aber es ist sicher kein trauriges Album. Klar, es ist eher leise und wohl auch etwas ernsthaft. Aber zufrieden. Ich fühlte mich sehr bei mir selber, als ich es aufnahm. Im Grunde ist es mir ja egal, was die Leute aus meinem Album heraushören. Aber zeitgleich ist es auch gut zu wissen, dass meine Selbstwahrnehmung auch mit jener anderer übereinstimmt.

Weshalb klingt das Album verträumt?

Alles begann damit, dass ich mit Drum-Maschinen herumspielte. Damit habe ich schon vor längerer Zeit begonnen, integrierte die Sounds aber nie in meine Solosachen. Ein zweiter Punkt ist die Tatsache, dass ich jeweils erst so gegen Mitternacht richtig kreativ werde. Das sind also Songs, die mitten in der Nacht entstanden sind. Und das hatte auch zur Folge, dass ich auf den Demos sehr leise sang. Die Songs sind also leise komponiert. Das schlug sich auch auf die Studioaufnahmen nieder.

«Das sind Songs, die mitten in der Nacht entstanden sind.»

— Joan as Police Woman

Gitarren findet man auf der Platte praktisch keine. Ist das jetzt die Zukunft von Joan as Policewoman?

Schwer zu sagen. Im Moment habe ich den Eindruck, dass auch meine nächsten Songs in diesem Stil daherkommen dürften. Wobei ich schon wieder woanders bin. Ich versuche derzeit, von den Songs so viel wie möglich wegzunehmen und sie auf ihre Essenz zu reduzieren. Das wird möglicherweise noch verträumter.

Weshalb die Reduktion?

Ich glaube, ich höre einfach selber je länger desto weniger laute Musik. Oder aggressive.

Wie kommt das?

Ich habe in meinem Leben sehr viel laute Musik gemacht Vielleicht werde ich einfach alt. Aber ich denke, es hat damit zu tun, dass ich die Musik als Fluchtmöglichkeit vor dem Chaos der Welt verstehe. Da draussen gibt es viel Hässlichkeit. Die Welt ist verrückt. Und die Musik ist eine von sehr wenigen Möglichkeiten, sich dieser Welt zu entziehen. Also soll sie schön sein. Ich suche das in der Musik und bin mir sicher, dass es vielen anderen Menschen auch so geht.

Joan as Police Woman mit Blumenstrauss

«Ich mag Neil Youngs Musik. Macht der eigentlich so Kollaborationssachen?» Bild: zvg

Du arbeitest oft mit anderen Musikern zusammen. Gefällt dir das besser als die Arbeit solo?

Das Schöne am Zusammenarbeiten ist, dass dabei immer etwas entsteht, was ich alleine nicht hingebracht hätte. Es ist äusserst spannend, andere Musiker zu finden, mit denen das Komponieren richtig Spass macht. Und ich lerne dabei auch viel mehr, als wenn ich alleine Songs schreibe oder aufnehme. Eigentlich würde ich gerne wieder mal eine Duo-Platte aufnehmen. Was denkst du, mit wem soll ich mich zusammentun?

Hmm… Tom Waits oder Neil Young?

Tom Waits? Darauf wäre ich nie gekommen. Neil Young eigentlich auch nicht. Aber dieser Gedanke gefällt mir. Ich mag Neil Youngs Musik. Macht der eigentlich so Kollaborationssachen?

Weiss ich nicht. Er arbeitete jedenfalls mal mit Crosby, Stills & Nash zusammen.

Gut, das ist irgendwie 40 Jahre her. Aber das wäre ein interessantes Projekt. Ich will auch eine zweite Platte mit Benjamin Lazar Davis aufnehmen. Mit ihm habe ich ja vor zwei Jahren etwas gemacht. Kennst du das Album?

Ja, ein sehr gelungenes Projekt.

Danke. Das ist jetzt lustig. Ich habe lange nicht über ein Kollaborationsalbum nachgedacht. Jetzt, da du die Frage stellst, habe ich Lust darauf bekommen.

«Ich habe lange nicht über ein Kollaborationsalbum nachgedacht. Jetzt, da du die Frage stellst, habe ich Lust darauf bekommen.»

— Joan as Police Woman

Mich fasziniert an deinem Werdegang, dass du schon als kleines Kind Musik gemacht hast, aber erst in deinen späten 30ern Solo-Künstlerin wurdest. Weshalb so spät?

Mit Acht begann ich, Violine zu spielen. Das wurde halt an der öffentlichen Schule angeboten. Ich spielte und ich sang auch gerne. Dann, mit Zwölf oder Dreizehn, wurde ich rebellisch, zornig. Ich hörte auf zu singen und hätte wohl nur geschrien. Ich hörte auch nur Metal und Hardcore-Sachen.

Wie kamst du denn in eine Band?

Eigentlich sah ich die Violine nicht als Bandinstrument. Doch ich bekam dennoch die Gelegenheit, in einer mitzuspielen. So begann ich zu verstehen, wie Bands  funktionierten. Immer wieder fragten mich meine Bandkollegen, ob ich da oder dort zweite Stimmen singen könnte. Ich rief jeweils: Nein!

Weshalb?

Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, zu singen. Da waren so viele grossartige Sängerinnen und Sänger um mich herum. Was hatte ich schon zu bieten? Ich fühlte mich wohl an meiner Violine, hier konnte ich mich verstecken.

Weshalb ändertest du deine Meinung?

Mein damaliger Freund, Jeff Buckley, ertrank. Das stürzte mich in so viel Schmerz, ich hatte solche Gefühle bis dahin nicht gekannt. Ich wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte. Aber ich stellte fest, dass ich sie mit der Geige nicht ausdrücken konnte. Dann fand ich irgendwo an einem Strassenrand eine Gitarre. Sie war völlig zerfleddert und grauenhaft verstimmt. Aber ich nahm sie und komponierte meinen ersten Song. Dann begann ich in der Band Antony and the Johnsons. Die Sängerin half mir in meiner schweren Zeit enorm. Und dann wollte sie, dass ich ihre Show mit einem eigenen Song eröffne. Ich konnte nicht Nein sagen.

Weshalb nicht?

Das wäre wahnsinnig undankbar gewesen. Sie hatte mein Leben gerettet – und nun wollte sie mir diese Chance geben. Ich war gezwungen zu singen. Ich musste es tun. Es war, als würde es um Leben und Tod gehen. Aber ich fühlte mich hundselend. Ich wäre am liebsten gestorben, als ich zum ersten Mal auf der Bühne sang.

Und heute?

Heute nicht mehr. Meist geniesse ich das Singen sogar. Manchmal glaube ich fast nicht, dass dieser Wandel passiert ist. Und dass Menschen ihre Wohnungen verlassen, um mir zuzuhören.

Du kommst vom Rock. Dein neues Album kommt aber praktisch ohne Gitarren aus. Wie machst du das auf der Bühne?

Ich habe zwei Keyboarder am Start. Und selber spiele ich auch manchmal Keyboards. Und Gitarren. Drum-Computer und Samples wird es nicht geben. Wir spielen live.


Joan as Police Woman ist am Mittwoch, 4. April, live im Kaufleuten Zürich und am Donnerstag, 5. April, im Fri-Son Fribourg zu sehen.