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James Bay: Vom perfekten Schwiegersohn zum Wild Child

Nach seinem sanftmütigen, ja schon fast teils kitschigem Debüt-Album «Chaos And The Calm» meldet sich der englische Singer-Songwriter James Bay mit seinem lang ersehnten zweiten Album zurück. «Electric Light» ist dabei alles andere als brav und weit weg von Kaugummi-Pop im Indie-Gewand. Bay zeigt seine rohe Seite und kann auch frech und wild.

James Bay und ich. Kann das sachlich bleiben oder werde ich da bereits im Titel persönlich? Diese Frage habe ich mir gut eine Woche durch den Kopf gehen lassen und bin zum Entschluss gekommen: Scheiss drauf, dieses Album-Review wird anders.

James Bay: Eine Hassliebe

Seit ich 2013 dank dem in London basierten Musikblog «Mahogany Sessions» und Bays Akustik-Performance von Let It Go für Burberry – ist leider schon länger nicht mehr verfügbar – auf den damals noch langhaarigen, Herzschmerz heilenden Musiker mit der Engelsstimme aufmerksam wurde, führen James und ich eine Hassliebe. Nicht dass ich je persönlich ein Problem mit ihm hatte, nur waren seine Songs leider schon zu oft der Soundtrack für selbstmitleidige Phasen eines Einsamkeit frönenden Musikjournalisten. «Buhuhu» und «Mimimi» in passend dosierten Songperlen.

James Bay dazumal – anno 2013. Bild: zvg

Aber eben, sachlich bleiben und den Fokus auf das Eigentliche legen: Mit Electric Light hat James Bay Mitte Mai nach gut drei Jahren sein zweites Album veröffentlicht. Und was für eines: War schon sein Debüt eine bunte Ansammlung von Emotionen, Gefühlslagen und Musikrichtungen, ist die Sinneserweiterung bei seinem neuen Werk gleich nochmals eine Stufe höher.

Gospel-Parts treffen auf Autotune, zerbrechliche Singer-Songwriter-Träumereien wechseln sich ab mit vor Gitarren-Riffs strotzenden Songs wie Wasted On Each Other oder Pink Lemonade. Letztere strotzen vor Rotz und Rock und sind die vielleicht schönsten musikalischen Mittelfinger, die man bis anhin im 2018 zu hören bekommen hat. Ganz viel Liebe für dieses Wagnis.

Neuer Look, neuer Sound

Bay hat zu seinem neuen Werk gleich selber offenbart, was mir beim Anhören durch den Kopf schwebte: «Irgendwann hat alles mal ein Ablaufdatum… Wenn ich mich nicht weiterentwickle, stehe ich still.» Und so krempelt der Indie-Adonis von 2015 nicht nur seine Musik mal ordentlich um, sondern auch seinen Look. Vorbei der schüchterne Bambi-Blick und ab mit dem elfenhaften langen Haar. Es gilt seit Neustem Kurzhaarschnitt mit wilder Tolle und schwarze Lederjacke für den Rock’n’Roll-Touch im Hause Bay.

Das Gute daran: Der Wandel wirkt weder gekünstelt, noch aufgesetzt. Er wirkt eher wie eine ziemlich üble Ohrfeige und das ist gut so.

Hört man sich Songs wie Just For Tonight oder Sugar Drunk High genau an, muss man nicht einmal zwischen den Zeilen lesen können, um zu erkennen, dass da wer die Nase von ein paar Damen oder Leuten an sich gestrichen voll hat und wohl zuviel Frust wie auch Staub fressen musste.

Da wirkt die Musik glücklicherweise als Katalysator und reinigt Seele und Gemüt vor allzu viel Negativität. Denn bei Lyrics wie «You build me up and in the same breath you knock me down» aus Wasted On Each Other wird schnell mal klar, dass der gute James wohl in Sachen Liebe und verlorenem Glück einiges aufzuräumen, sowie zu vergessen hat.

Auch die Phrase «Don’t fall into my arms. I’ll only disappoint you, I’ll let you down», die in Pink Lemonade erklingt, ist schon fast schmerzhaft ehrliches Songwriting, das wohl manch einer auf seine eigenen Liebeleien beziehen kann.

Damals soft, heute wild

Wenn ich mich an 2013 zurückerinnere, dann vor allem auch an die erste EP des heute 27-jährigen Sängers: The Dark Of The Morning beheimatete fünf Songs. Einer wohlgeformter und filigraner als der andere. Soft war dies meist, ja auch schnulzig. Aber auf eine Gute Art und Weise. Auch Kitsch darf sein, den hat der James im Griff. Ohne aber Gefahr zu laufen, sicher in Seifenblasen und zerplatzten Träumen zu verlieren.

Auch wenn Songs wie I Need The Sun To Break simpel und wie in einem Atemzug geschrieben daher kommen: Der aus Hitchin in Hertfordshire stammende Herzensbrecher schreibt ausgeklügelte Popsongs durch und durch. Clever verpackt im intimen und fassbaren Singer-Songwriter-Verschnitt.

Den Song Hold Back The River seines Debüt-Albums Chaos And The Calm hatte Bay schon zu Zeiten seiner ersten EP im Repertoire, liess das gute Stück aber über die Jahre hinweg wachsen und atmen. Und siehe da, als 2014 Hold Back The River als Single vor dem Album-Release erschien, war der Bay auf einmal in aller Munde. Damals vor allem im englischen Raum, da kommt er ja auch her. Und als ich 2014 alleine und ziemlich melancholisch ans «Barn On The Farm Festival» in Gloucester reiste, war der kommende Hype und Aufstieg des zierlich und verletzlich wirkenden Troubadours wahrlich zu merken.

Der Rest ist Geschichte: Am 23. März 2015 erschien James Bays hochkarätiger und bombastischer Erstling Chaos And The Calm und sein Name zierte jegliche Line-Ups aller namhaften Festivals in England und Europa. Auch Amerika war schnell mal angetan von Songs wie Best Fake Smile oder dem zum Davonrennen schönen If You Ever Want To Be In Love. Es folgten ausverkauft Tourneen rund um den Globus und wie jeder gut vermarktete UK-Indie-Act verfiel auch die Schweiz dem James-Bay-Fieber. Verdient, aber absehbar.

Ich reiste nach dem Release seines Albums lieber nach England zurück und hörte mir das Werk live mit Band nochmals an dem Ort an, wo die Hassliebe zwischen mir und James ihren Anfang im echten Leben nahm: Am «Barn On The Farm Festival 2015». Dieses Mal nicht mehr alleine, was im Nachhinein schon fast etwas unpassend rüberkommt. Ein Jahr zuvor mit dem Hut tragenden Gitarren-Elfen noch das Sofa geteilt, war jetzt der Andrang um einiges grösser. 2014 spielte er nachmittags vor gut 200 Leute auf dem Heuboden einer Scheune, das Jahr darauf vor gut 3000 Leuten – ausverkauft für das damalige Festival – als Headliner und mit einem mitfieberndem Publikum, das ohne zu Übertreiben jedes Lied Wort für Wort mitsingen konnte.

James Bay am Barn On The Farm Festival 2015. Bild: David Schneider

James Bay und sein erstes Album. Das war schön, das war einzigartig. Ich bin jedoch von Electric Light alles andere als enttäuscht, im Gegenteil. Eher hatte ich nach der langen Durststrecke Schlimmstes erwartet: Entweder Chaos And The Calm 2.0 in schlecht oder der Moment, bei dem der gute James auf einmal beginnt zusammen mit hörbaren Abfallproduzenten wie Kygo oder den Chainsmokers zu musizieren.

James Bay in neu – Haare weg, Lederjacke her. Bild: zvg

Doch zum Glück weit gefehlt: Haare weg, E-Gitarre her, rotzige Texte raus und saftige Provokation voraus. Dieser neue James Bay hat seinen Reiz. Ein Spiel mit dem Feuer und den Gefühlen Verflossener wie wohl auch seinen Fans. Kommt schlussendlich nicht jeder klar, wenn auf einmal auch Rock, Hip Hop, Soul und Gospel ins Werk eines eigentlich klassichen Singer-Songwriters mit einfliessen.

Aber zur Hölle ja, hau rein die himmlischen Backings bei In My Head und schrei dir bei I Found You den Herschmerz aus dem Leib. Um mir dann als Abschluss mit Slide doch nochmals kitschig wie du sein kannst die Tränen in die Augen treibst.

James, im Endeffekt haben wir uns gerne. Und das ist gut so, sagt die Pop-Bitch in mir. So warte ich darauf die neuen Songs von Electric Light bald live zu erleben und wische mir nach dem hundertsten Mal Anhören von Us die ein oder andere Träne aus dem Gesicht. Ob vor Freude oder Trauer lasse ich hier mal offen.

Electric Light

4
/5
18. Mai 2018

Release

Republic Records / Universal Music

Label

Tracklist

  1. Intro
  2. Wasted On Each Other
  3. Pink Lemonade
  4. Wild Love
  5. Us
  6. In My Head
  7. Interlude
  8. Just For Tonight
  9. Wanderlust
  10. I Found You
  11. Sugar Drunk High
  12. Stand Up
  13. Fade Out
  14. Slide