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Adel Tawil ist schon seit Jahrzehnten im Musikbusiness unterwegs. Auf Solopfaden wandelt er aber erst seit 2013. Dieses Jahr brachte er sein zweites Album «So schön anders» heraus, das in der Schweiz eine Woche lang Platz 3 der Charts belegte. Am Montagabend gastierte er in der Halle 622 in Zürich.

Mit rund 3000 Zuschauern war das Konzert beinahe ausverkauft. Mit so vielen Menschen eine Verbindung aufzubauen ist schwierig. Noch schwieriger ist es, wenn relativ gedämpftes Bühnenlicht vorherrscht und sowohl Künstler als auch Publikum in eine feine Nebelwolke eingehüllt werden.

Am Ende der Halle hatte ich manchmal eher den Eindruck man befinde sich in einem Festzelt mit Livemusik, weil mehr geschnattert als zugehört wurde. Wer mich kennt weiss, wie allergisch ich auf sowas reagiere. Wieso bezahlt man Eintritt für ein Konzert, wenn man dann doch nur die ganze Zeit redet und der Künstler auf der Bühne damit zur Hintergrundberieselung degradiert? Da kann ich es mir auch zu Hause auf dem Sofa mit einem Drink bequem machen und eine CD einlegen.

Lange Aufwärmphase

Manchmal war ich wirklich froh, dass meine Ohrstöpsel die teilweise viel zu grellen Höhen abdämpften. Es hörte sich zwischendurch an, als stünde Adel Tawil in der Mitte der Halle, während der Rest der Band weiter auf der Bühne spielen würde. Tontechnisch hat mich dieser Abend nicht überzeugt.

Brauchte es deshalb fast acht Songs, bis das Zürcher Publikum auch am Ende der Halle anfing zu tanzen, zu klatschen und lauthals mitzusingen? Dafür war im Endeffekt nur ein sympathischer Spruch und ein von vielen nicht bemerkter Patzer bei Du erinnerst mich an Liebe notwendig: «Da singt man einen Song jahrzehntelang und vergisst die letzte Strophe. Aber das ist nicht so schlimm, weil das Publikum textsicher ist.» Sagt’s und stimmt Ich ging wie ein Ägypter an und überlässt den Rest der ersten Strophe dem Publikum. Dies scheint auch noch den letzten Besucher von seiner eigenen kleinen Musikwolke in die Halle 622 befördert zu haben.

«Im Endeffekt will ich Songs singen, die man im Bauch fühlen kann. Lieder, die ganz ich sind.»

Am 15. Mai dieses Jahres hatte ich das Privileg, Adel Tawil in einem ganz intimen Rahmen auf der Stage24 zu erleben. Seine wunderbare Stimme und die bewegenden Texte lassen meine Seele tanzen. Wenn du dann auch noch die Emotionen in den Augen siehst, verstärkt sich das um ein Vielfaches. Direkt vor mir sang er sich damals ein weiteres Mal mitten in mein Herz.

In einem grossen Konzertsaal wie der Halle 622 ist das schlichtweg nicht möglich. Dennoch kann man das Gefühl vermitteln, jeden einzelnen direkt angesprochen zu haben, so wie er es mit seinen Songtexten bei mir schafft. Dafür ist ein Dialog mit dem Publikum ausschlaggebend, der zum Teil auch den Reiz eines Livekonzerts ausmacht. Der Künstler steht auf der Bühne und erzählt etwas über die Motivation zum Song, ein damit verknüpftes Erlebnis. Oder auch einfach nur eine Anekdote aus seinem Leben. Es ist das Extra, das man zum performten Song erhält und den Unterschied zum reinen Musikhören ausmacht.

Lichtermeer zum Träumen

Vor dem Song Zuhause stellt Adel den Zuhörern eine Frage: «Erinnert ihr euch noch, als man früher bei Balladen das Feuerzeug ausgepackt hat? Heute ist das etwas moderner mit dem Mobiltelefon.» Er forderte uns auf, den Saal zum Leuchten zu bringen. Und siehe da, einige Leute packten ihre Feuerzeuge aus. Wundervoll, wie die Halle im Lichtermehr erstrahlte!

«Jaaaaaa!! Ihr seid stolz darauf, alt zu sein. Sowas zeigt man mit ’nem Feuerzeug»

Bei einem der letzten Songs setzte Adel den Text von Stark auch musikalisch geschickt um. Zwei akustische Gitarren spielten die erste Strophe sanft und ruhig, während der ganze Saal mitsang. Bassgitarre und Schlagzeug kamen erst bei der zweiten Strophe dazu und verliehen dem Song eine Stärke, die gleichzeitig im Text abgesprochen wurde.

Die dritte und letzte Zugabe Erinnern wurde mit der passenden Überleitung angekündigt, sie würden das Zürcher Publikum in sehr guter Erinnerung behalten. Nach knapp zwei Stunden entliess uns Adel Tawil nach rauschendem Applaus in die dunkle Nacht. Auf die Frage «Ist da jemand?» hat er an diesem Abend über 3000 Antworten mit nach Hause genommen. Wir waren hier und wir waren gerne hier. Sicherlich nicht zum letzten Mal und jetzt schon gespannt darauf, welche neuen Songs in der Zukunft unsere Herzen berühren werden.