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Ein experimenteller Auftakt mit emotionaler Fortsetzung wurde im Komplex 457 geboten: Der Abend mit Caspian und HIM zog alle Gefühlsregister. Die Finnen von HIM zeigten, dass sie mit Bombenstimmung, einer sorgfältig ausgewählten Setlist und begeistertem Publikum nicht nur für eine Rock’n’Roll-Show sondergleichen, sondern auch für eine spannende Zeitreise sorgen können.

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(Foto: zvg)

Ruhig und gelassen betraten die amerikanische Post-Rock-Band Caspian am Donnerstagabend die Bühne des Komplex 457, um das aufgeregte Publikum mit ihrem experimentellen Sound passend auf die Hauptband des Abends einzustimmen. Ihr rein instrumentaler, schwerer und verspielter Stil schien im Publikum zu polarisieren. Von begeisterten Jubelrufen bis hin zu verständnislosem Kopfschütteln teilte sich die Menge von Beginn an, doch das sollte nicht so bleiben. In rund einer halben Stunde steigerten sich ihre vielschichtigen Soundgebilde aus Synthesizern, technisch anspruchsvollen Gitarren- und Bassriffs und einem mitreissenden Drumset von Song zu Song. Mal dominierten liebliche Synthie-Klänge, mal schwere, doomige an die isländische Metalband Sólstafir erinnernde Riffstrukturen. Der experimentelle Faktor ihrer Songs passte als solcher hervorragend besonders zum letzten HIM-Album Tears on Tape, welches ebenfalls mit komplexeren, instrumentellen Passagen arbeitet. Ihre Darbietung gipfelte in einer atemberaubenden Drum-Collage, zu welcher sich nach und nach die gesamte Band mit Drumsticks ausgerüstet versammelte und dem Publikum gehörig einheizte.

Nachdem dieses Ende das gespaltene Publikum doch wieder etwas zusammengeschweisst hatte, war man nun bereit für HIM. Man, das waren vor allem die nun dichter besetzten vorderen Reihen, die eine bessere Sicht zur Bühne versprachen. Nach einer schier endlosen Umbaupause erlosch das Licht – das instrumentale Intro von Tears on Tape,  Unleash the Red, erklang. In einem Rutsch betrat die gesamte Band HIM die Bühne – Instrumente wurden gesattelt und die albumgetreue Überleitung zu All Lips go Blue geschah ebenso aus einem Guss. Die strahlenden Gesichter der Bandmitglieder sprachen Bände und liessen den einen oder anderen Fan innerlich aufatmen, denn «dank» jensten Eskapaden von Sänger Ville Valo hatte sich die Band eine Zeit lang einen mieserablen Ruf als Live-Band eingehandelt. Die Grinsebacke Ville hielt aber, was sie versprach und es sollte diesmal grossartig werden.
Im Refrain vom nachfolgenden Buried alive by love wurde erstmals das Publikum in seiner Textfestigkeit getestet – und bestand offensichtlich. In einer der leider wenigen Ansprachen lobte Ville die Location und freute sich über das gut gefüllte Komplex. Mit Rip out the Wings of a Butterfly und Right here in my Arms wurden zwei Klassiker vom Stapel gelassen, die ordentlich rockten. Daraufhin wurde in die doomige Ära der Bandgeschichte abgetaucht: The Kiss of Dawn kam in Überlänge daher, denn für den letzten Drittel überliess Ville seinen Mitstreitern die Bühne und alle Scheinwerfer wurden auf den hervorragenden Gitarristen Linde gerichtet, welcher dem Song eine Extraportion Würze verpasste und die Gitarristen im Publikum wohl vor Neid erblassen liessen. Das an eine inspierierte Jam-Session erinnernde Solo-Medley hätte wohl noch ewig weitergehen können, wäre Ville nicht wieder aufgetaucht und hätte wieder zum eigentlichen Song, der gemeinsam beendet wurde, und sogleich passenderweise zu I will be the end of you übergeleitet.
Die darauffolgenden vier Piano-Töne sind wohl jedem HIM-Fan ins Herz gebrannt: Join me in Death funktioniert auch noch nach 13 Jahren und verwandelte einen überdies für ein paar Minuten wieder in einen schmachtenden Teenager. Mit Your Sweet 666 kam für einige womöglich ein überraschender Klassiker vom Debütalbum, rockte zusammen mit Passions Killing Floor jedoch gewaltig. Die gleichnamige Single vom neuen Album Tears on Tape lässt sich mit böser Zunge auch live vielleicht als etwas belanglos bezeichnen, wurde jedoch vom Klassiker Wicked Game sofort übertrumpft und mit einem weiteren Solo-Medley, das schlussendlich zum Sleepwalking Past Hope-Riff ausgebaut wurde, demonstrierten Linde und Tieftöner Migé erneut ihr Können auf den Saiteninstrumenten. Die bekannte Liebe der Band zu Black Sabbath wurde im nächsten Klassiker It’s all Tears offensichtlich, das mit Sabbath-Riffs ausgeschmückt wurde. Nun ging es schon in beachtlichem Tempo auf die letzten drei Songs zu – das energische Soul on Fire wurde erneut begeistert mitgesungen, das ruhigere, verträumte Into the Night hingegen leitete zum vorerst letzten Song über: The Funeral of Hearts. Dieser Song war das Stichwort für die Fans – wie auf Kommando leuchteten Feuerzeuge und zahllose Wunderkerzen im Saal auf und boten eine eindrückliche Lichtuntermalung für den Beginn des Songs. Nach einer kurzen Verabschiedung war auch schon Zeit für die Zugabe – ein weiterere Debüt-Klassiker sorgte für einen gelungenen Abschluss: When Love and Death Embrace liess das Publikum ausgepowert und glücklich zurück. Der oft gehörte Satz «wär ich doch noch einmal jung» wurde für zahlreiche Fans für ein paar Stunden an diesem Abend quasi Wirklichkeit. Und HIM bewiesen endgültig, dass sie eine geniale Live-Band sind, wenn sie denn wollen… Es ist oft eine Frage des Ville(n)s.