Ein Passwort wird per E-Mail an Sie geschickt

Im August hat die britische Band White Lies ihr drittes Album «Big TV» veröffentlicht. Wir haben mit dem Bassisten Charles Cave gesprochen und wissen, weshalb das neue Werk das beste bisher sein soll.

Die Musik von den White Lies kann nicht als fröhlich bezeichnet werden. Wieso werden Menschen trotzdem von eurer Musik angezogen?

Charles Cave: Die Menschen waren schon jeher vom Melancholischen fasziniert. Einige der erfolgreichsten Werke in der Musik sind ziemlich melancholisch wie etwa die 3. Symphonie von Henryk Gorecki. Die Tatsache, dass unser Leben nur ein Zufall und sehr kurz ist, hat eine gewisse Attraktivität. Es ist eigentlich eine einschüchternde Sache. Doch es ist gehört wohl zur menschlichen Natur, diese melancholischen Seiten des Lebens anzunehmen. Andererseits kann unsere Musik ja sehr aufbauend sein. Man muss sich nur die Konzertbesucher ansehen, wie sie jubeln. Ich sehe niemanden, der dann mies drauf ist.

Das dritte Album gilt als wichtiges, aber auch schwieriges Werk. Wie gestaltete sich der kreative Prozess bei Big TV?

Es ist tatsächlich ein wichtiges Album. Es klingt vermutlich blöd, aber das dritte Album zeigt die Berechtigung deiner Karriere. Jeder kriegt auf irgendeine Weise die Möglichkeit für ein erstes Album. Wenn man mit der dritten Scheibe noch Fans dazugewinnt, ist das eine grossartige Leistung. So beweist man, dass man das Potential hat, weiterzumachen. Wir denken, dass Big TV unser bisher bestes Album ist. Es gibt uns Mut und Hoffnung für das, was noch kommen mag.
Der kreative Prozess war ein Vergnügen. Wir nahmen uns ein Jahr Zeit um es zu schreiben und aufzunehmen. Es war sehr entspannt, wir arbeiteten viel zuhause bei Harry McVeigh. Das ICP Studio in Brüssel, wo wir das Album dann aufnahmen, ist keines der typischen, sterilen Studios. Es hat Charakter und viel Charme. Wir waren voller Begeisterung und Enthusiasmus, wir standen nicht unter Druck, hatten keine Angst oder Zweifel.
First Time Caller war das erste Stück. Das ist der beste Song, den wir je geschrieben haben, definitiv der beste auf dem Album. Dieser lucky strike gleich zu Beginn gab uns viel Selbstbewusstsein. Wir wollten sehen, was als nächstes kommt.

Was war die grösste Inspiration für den Sound von Big TV?

Wir haben uns nicht gross um den Sound gekümmert, sondern konzentrierten uns auf das Songwriting und die Melodien. Es ist vor allem die Melodie der Stimme, die Big TV von den anderen Alben unterscheidet. Die Songs klingen auch dann noch gut, wenn sie nur mit der Stimme und einem Piano oder einer Gitarre gespielt werden. Sogar Bigger Than Us, einer der erfolgreichsten Titel vom letzten Album Ritual, ist akustisch nur im Refrain wirklich gut. Die Strophen würden wir heute sicher anders machen.

Innerhalb von sechs Jahren wurdet ihr zu den begehrtesten Rockbands aus England. Ist das manchmal nicht surreal?

Um ehrlich zu sein, ich habe nicht viel darüber nachgedacht. Ich lebe einfach mein Leben, treibe mich selber weiter an, immer härter zu arbeiten. Aber es fühlt sich nicht so merkwürdig an. Ich glaube, wir sind eine gute Band. Gute Bands haben Erfolg. Wir haben fünf Jahre vor den White Lies an unseren Fähigkeiten gearbeitet, gelernt die Instrumente zu spielen und Songs zu schreiben. Nach den zehn oder elf Jahren, in denen wir nun zusammen Musik machen, in denen wir alles gaben und uns jeden Tag aufopferten – Irgendwie haben wir uns das verdient. Wir sind sehr stolz darauf, was wir alles geschafft haben. Aber dem Moment, wo wir das alles als selbstverständlich ansehen, sollten wir nicht mehr erfolgreich sein.

Bald werdet ihr wieder auf Tour sein. Wie kriegst du den Kopf frei?

Ich versuche, so viel Zeit wie möglich draussen in der Stadt zu verbringen. Es geht nicht einmal unbedingt ums Entdecken, sondern um den Spaziergang. Ich muss jeden Tag mindestens vier Meilen gehen. Ob ich jetzt einfach geradeaus gehe oder einfach durch die Strassen meandere, spielt keine Rolle. Am späteren Nachmittag setze ich mich gerne in ein schönes Café, lese vielleicht ein Buch oder höre Musik.
Das Schlimmste, was du auf einer Tour machen kannst, ist dein Leben mit Warten zu verschwenden, in der Garderobe oder dem Tourbus rumzuhocken. Ich nehme auch keinen Laptop mit, weil es einfach eine grosse Versuchung ist. Man will ja nur kurz nachschauen, was so läuft, und plötzlich sitzt man da vier Stunden. Und man hat nichts getan, ausser E-Mails gecheckt, etwas auf Facebook geschrieben und vermutlich noch was Dummes auf Ebay gekauft!

Am 15. November spielt ihr in Zürich. Was verbindest du mit der Schweiz?

Peter Fischli und David Weiss. Das sind zwei meiner Lieblingskünstler. Natürlich denke ich auch an Schokolade und Berge. Das sind für mich die drei grossen Merkmale.