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Ein Gespräch mit Rio Wolta über Transparenz, den Kunstbegriff, Zweifel und Selbstzweifel.

Rio Wolta (Foto: Nicola Tröhler)

Rio Wolta (Foto: Nicola Tröhler)

Wie bist du zur Musik gekommen?

Das war in der Schule durch einen Klassenlehrer, der selber in einer Band gespielt hat. Seine Instrumente lagen deshalb immer im Schulhaus rum. Der Musikunterricht bestand auch daraus, dass er sagte «Macht mal». Im Nachhinein schätze ich, dass er ein Lehrer war, der die Noten beiseite liess. Das Ausprobieren stand im Vordergrund.

Hast du vor Swing For The Nation schon was veröffentlicht?

Ich habe lange in der Band Blanket gespielt und zwei EPs sowie ein Album veröffentlicht.

Was war für dich der Auslöser, um Rio Wolta ins Leben zu rufen?

Ich ging fort von Zürich, mit der Band zu spielen wurde komplizierter. Trotzdem habe ich weiter Songs geschrieben. In Berlin hat sich alles ergeben. Ich wollte die Songs fertig arrangieren, sehen, was daraus entsteht.

Hattest du Zweifel? 

Ich zweifle immer. Das ist der Nachteil im Vergleich zur Arbeit in einer Band: Du musst dich selbst immer wieder überzeugen. Als Band gehst du raus mit einem Song, aber im Notfall kannst du die Schuld immer noch auf den anderen schieben. Alleine ziehst du dich komplett aus. Das braucht Überwindung.

Wie schaffst du diese Überwindung?

Die Melodie ist entscheidend. Wenn ich eine Melodie habe, lege ich sie lange beiseite, um zu sehen, ob ich sie danach immer noch gut finde. Wenn die Melodie mich noch anspricht, muss ich mir selber sagen: Es ist jetzt gut. Fertig. Denn selbst das wirklich Gute, kannst du klein reden.

Bei Swing For The Nation sticht Shotgun mit seinem Drive heraus. Weshalb hat dieser Song eine so andere DNA als die Übrigen?

Ich kann nicht sagen, dass Shotgun eine andere DNA hat. Am Ende hat man stets mehr Songs als auf ein Album passen. Es ist die reine Auswahl. Ich hoffe, du hast nichts Tiefgründiges erwartet. Einige Songs im gleichen rockigen Stil habe ich verworfen, aber Shotgun hat es geschafft, weil er konsequent ist.

Das Album wirkt nachdenklich. Bist du eine nachdenkliche Person?

Jeder denkt nach, nicht?

Die Frage ist, wie sich das Nachdenken äussert.

Ich behaupte: Wenn jemand etwas veröffentlicht, ist das immer durchdacht. Hoffentlich.

Du könnest aber auch fröhliche Sommermusik veröffentlichen. 

Ich glaube nicht, dass diese Musiker nicht nachdenken. Es ist eine andere Verarbeitung. Man sagt ja immer, dass jene, die fröhliche Musik veröffentlichen, auch glücklich sind. Aber meistens ist es doch das Gegenteil. Es gibt die Aussage: Jede Veröffentlichung ist ein Ausdruck deiner Unzufriedenheit.

Ist das bei dir so?

Jeder braucht ein Feindbild. Es funktioniert nicht ohne Feindbild.

Was ist dein Feindbild?

Da gibt es mehrere, aber die müssen unbedingt geheim bleiben. Sonst ist es vorbei und du beginnst, zu verarbeiten.

Musik ist als keine Verarbeitung…

Es ist einfach etwas, das ich erschaffen möchte. Ich kann gar nicht erklären, weshalb. Musik bleibt für mich immer interessant, ich kann sie nicht durchschauen, nicht erklären. Sobald ein Song durchschaubar ist, sobald vorhersehbare Melodien da sind, wird es für mich langweilig.

Ich möchte Musik finden, die undurchschaubar ist. Musik, die sich nicht fassen lässt, weil ja das ganze Leben auf Transparenz und Erklärungen ausgerichtet ist. Man hat Facebook-Profile, muss sich darstellen und zeigen, die eigene Arbeit verkaufen. Ich bin nicht sicher, ob das der richtige Weg ist. Auf jeden Fall geht die Spannung verloren. Es ist langweilig, wenn alles sichtbar ist.

Als junger Musiker musst du dich aber auch verkaufen.

Ich bin per se der Meinung, dass sich jemand, der nach Kunst strebt, und das so sagt, sicher keine Kunst mehr macht. Aber natürlich haben viele den Anspruch, Kunst zu machen – da nehme ich mich nicht raus. Der wichtigste Aspekt hier bleibt, dass es von einem selbst kommt.

Doch sobald du mit dem Verkauf, der Promotion beginnst, richtest du den Blick auf die anderen. Man beginnt zu justieren, damit es bei den Menschen ankommt. In diesem Moment hat die Sache für mich keine Chance mehr, Kunst zu sein.

Die entscheidende Frage ist trotzdem: Weshalb veröffentlicht man etwas? Denn die Veröffentlichung hat immer mit einem Publikum zu tun. Für mich ist das Live-Spielen eine wichtige Form, nicht nur der Tonträger. Beim Tonträger kann man sich heute fragen, ob es ihn noch geben muss. Wenn eine Band sich entscheidet, nur live zu spielen, kann ich das nachvollziehen. Allerdings ist das Konzert an sich schon eine Veröffentlichung.

Trotzdem musst du die Leute anzusprechen, damit sie an dein Konzert kommen. 

Sicher, aber ich möchte meine Musik einfach in den Raum legen und sie nicht packen, in das Konzert hineinzerren. Würde ich so denken, könnte man das in der Musik hören.

Ist es dir wichtig, dass die Menschen deine Musik so verstehen, wie du es tust?

Nein, ich verstehe sie selbst nicht. Ich kann das nicht in Worten beschreiben, deshalb mache ich ja Musik. Wenn ich eine Melodie habe, ist es mir wichtig, dass ich das nicht begreife. Ich kann heute mein Album hören und es nicht nachvollziehen.

Das habe ich noch keinen Musiker sagen hören… 

Ich kann es nicht nachvollziehen. Ich kann dir nichts Gescheites dazu sagen. Man kann ja auch nicht sagen, im Dezember 2016 schreibe ich ein neues Album und ab diesem Zeitpunkt hat alles einen Einfluss. Das ist Bullshit. Wenn ich das behaupten würde, könntest du mich einliefern.

Kannst du dir vorstellen, dass sich deine Einstellung zur Musik ändert?

Klar, sie ändert sich täglich. Du kannst morgen ein Interview mit mir führen und ich werde mir überall widersprechen. Ich will mich nicht einschränken. Aber natürlich man hat seine… Hach, «Prinzipien» ist so ein dummes Wort. Aber es gibt Dinge, für die man einsteht. Das wird auch in fünf Jahren noch so sein Doch sogar das kann sich ändern. Vielleicht wirft man dann seine alten Werte über den Haufen und genau das schafft danach etwas Grossartiges. Weil man an diesen scheinbar gesetzten Dingen zweifelt. Weil man an sich selber zweifelt. Zweifeln ist wichtig – auch an seiner eigenen Meinung.

Was ist für dich das Schönste, was deine Musik bei den Menschen auslösen kann?

Dass sie zuhören.