Ein Passwort wird per E-Mail an Sie geschickt

Oscar And The Wolf steht für Licht und Dunkelheit in einem. Die Musik der belgischen Formation um Sänger und Mastermind Max Colombie wirkt gleichzeitig beschwingend und auf eine reizvolle Art düster. Wir wollten mehr über diese Nuancen auf und abseits der Bühne wissen. Eine Begegnung der übersinnlichen Art.

An einem Festival mit der Grösse eines Zürich Openairs herrscht stets eine gewisse Hektik. Nicht unbedingt mit Stress verbunden, doch es ist stets viel los und die Zeit scheint zu rasen. So brummte uns vor lauter Konzerten und Eindrücken am vierten und letzten Tag des Festivals langsam der Schädel. Aber es galt klaren oder bei gegebener Hitze vor allem kühlen Kopf zu bewahren, denn zum Abschluss des Tages trafen wir zwischen den Klängen von Tent Stage und Backstage den Sänger der aufstrebenden Electro-Pop-Gruppe Oscar And The Wolf. Mit richtigem Namen Max Colombie, geboren 1991 im belgischen Jette und auf der Bühne eben Oscar – Ausdruck für das Poetische und Strahlende – und der Wolf, für den mystisch dunklen Gegenpart.

Nach dem Stand um das kommende zweite Album – erscheint laut Aussage 2017 – sollte es gehen, von dem vor kurzem die Single The Game erschien. Und auch ein Wenig um die Zeit hier in der Schweiz, vor allem wie das Konzert so war. Doch falsch gedacht, denn Max braucht keine vorbereiteten Fragen um einem gut zwanzig Minuten bei der Stange zu halten.

Es folgte eine Begegnung der besonderen Art, durchaus im positiven Sinn, wenn auch alles andere als erwartet. Statt nun jedoch den Geist und das Denken dieses kunterbunten Musikers umschreiben zu wollen, haben wir die schönsten Passagen aus dem Gespräch herausgepflückt. Ob Interview oder Offenbarung seiner Selbst, Max Colombie hat mit Oscar And The Wolf Grosses vor.

Bewegung und Tanz

«An dem Punkt, an dem ich in meinem Leben gerade stehe, möchte ich Musik machen, welche die Leute in Bewegung und zum Tanzen bringt. Ich bin selber der Typ Mensch, der gerne auch gut zu Balladen oder langsamer Musik tanzen kann. Aber es gibt einige Songs da draussen, die niemanden locker lassen und jeden vom Hocker reissen. Und genau dort will ich mit meiner Musik hin. Vielleicht habe bin ich schon nahe dran, vielleicht auch nicht. Heute hatte ich das Gefühl, dass das Publikum ziemlich tanzlustig war und sowas ist schön. Bei diesen grossen Festivals sieht man die Leute oft mitklatschen oder schreien, doch ich bevorzuge es wenn sie sich dem Tanz hingeben.»

Das ist, was ich sehen will: Menschen, die sich im Moment verlieren, provoziert durch die Musik.

«Ich persönlich bevorzuge Auftritte an Festivals. Hier merken die Leute, dass sie frei sein können und sie sind auch viel eher in festlicher Stimmung. Es geht manchen vielleicht in erster Linie nicht darum, ein Konzert zu hören, sondern eher sich in dem Ganzen verlieren zu können und zu feiern. Dabei geht es mir in erster Linie nicht darum, dass die Leute sich in meiner Musik verlieren, sondern dass sie sich in ihrem eigenen Universum gehen lassen können. Sich auch von sich selber lösen zu können. Das ist, was ich sehen will: Menschen, die sich im Moment verlieren, provoziert durch die Musik.»

Foto1_Concert_ZOA16

Sich völlig gehen lassen

«Mir geht es als Musiker nicht darum, als dieser Jesus-artige Typ rüber zu kommen, von dem die Zuhörer alles glauben sollen, was er von sich gibt. Vielmehr will ich, dass sie auf ihre eigene Religion hören. In dem Ganzen bin ich mehr wie ein Medium, das hilft zu übertragen, aber welches nicht die Bibel selber darstellen will.

Und bei diesem Sich-gehen-lassen glaube ich, dass es dem Publikum einfacher fällt in diesen Zustand zu gelangen, wenn sie sehen, dass dasselbe bei mir auf der Bühne passiert. Wenn ich selber Künstler auf der Bühne sehe, die sich völlig gehen lassen oder jedenfalls den Eindruck dessen erwecken wie zum Beispiel St. Vincent, ist es für mich einfacher zu verstehen, dass es völlig in Ordnung ist sich in diesem Moment zu verlieren. Diese Art von Atmosphäre mag ich sehr.»

Foto2_Concert_ZOA16

Quellen der Dramaturgie

«Worin ich mich zurzeit am meisten selber finde, ist in der Serie Stranger Things. Eines meiner letzten Konzerte habe ich voll und ganz dem Charakter Eleven aus dieser Science-Fiction-Serie gewidmet. Für mich war es wichtig, meine Performance so aussehen und klingen zu lassen, als wäre es der Soundtrack zu Stranger Things. Ich mag diese Dramaturgie und das Filmische. Wie auch zum Beispiel The American Horror Story. Dies sind Quellen für die nötige Attitüde und Ausstrahlungskraft auf der Bühne.»

Ich will dieses Überdramatische herausfordern und nicht davor Halt machen.

«Ohne diese Serien wäre es mir nicht möglich so unheilvoll und elegant dort oben zu stehen. Ich wäre eher wie ein verlorener, kleiner Junge, der im Kreis herumläuft. Doch mit der Hilfe dieser Einflüsse gelingt es mir während den Konzerten ganz in diese Welt einzutauchen und mich ab einem gewissen Punkt inmitten einer Szene aus der Serie wiederzufinden.Wenn ich mich dann in solch einer Szene verliere und darin aufgehe, kann ich die volle Dramaturgie aus mir herausholen. Das ist etwas woran ich noch arbeite, dieses Überdramatische herauszufordern und nicht davor Halt zu machen.»

Foto3_Concert_ZOA16

Innere Dämonen bekämpfen

«Der Unterschied zwischen Max und Oscar ist, dass ich als Oscar auf der Konzertbühne ganz andere Arten von Dämonen bekämpfe als im Vergleich zu Max im richtigen Leben. Wenn ich Oscar bin, bekämpfe ich die Dämonen in der Fantasie und als Max bekämpfe ich die Dämonen im wahren Leben. Was auch immer, ganz alltägliche Dinge und Probleme, die jeder hat – «daily problems», wie man sagen würde. Wohingegen ich während eines Auftritts versuche mir vorzustellen, dass meine Probleme verdammte, riesig grosse Dämonen sind. Dämonen aus meiner innersten Fantasie, gegen dich ich zu kämpfen habe.

Und so kämpfe ich dann, als wäre es meine volle Verantwortung herauszufinden, was zur Hölle eigentlich los ist. Denn ganz ehrlich, meine grösste Frage und mein grösster Kampf im Leben sind, dass ich nicht weiss, was zum Henker wirklich abgeht. Wir alle tun Dinge meist nur, weil wir Instinkte und ein Gewissen haben. Aber ich fühle, dass wir von einer stärkeren Macht getrieben sind als nur unseren Instinkten. Doch ich weiss nicht, was diese grössere Macht wirklich ist – und genau dies versuche ich auf der Bühne herauszufinden. Nicht nur, dass ich sie finden will, ich will sie gleichzeitig auch bekämpfen.»

Freiheit im Glauben

«Mir geht es in erster Linie gar nicht darum, dass die Leute die Botschaft hinter meinen Textern verstehen und all das, was ich hier erzähle. Sie werden dies wohl auch nie wirklich können. Nicht, dass sie nicht klug genug wären dazu, aber sie werden es niemals nur durch meine Musik verstehen können. Schliesslich hat jeder Einzelne seine eigene Art Dinge zu interpretieren und sozusagen auch seine eigene Religion in sich. Und das ist, was ich will: Pure Freiheit in dem Glauben, an was du glauben willst. So dass man jeden bei der Hand nehmen kann, auch wenn er völlig etwas anderes glaubt. Und doch gleichzeitig die Kraft zu haben, auf das Eigene zu vertrauen. Diese Art von Freiheit im Glauben und dem Dasein ist mir wichtig, genauso wie die Harmonie zwischen den verschiedenen Ansichten.»