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Wir haben mit Martin Engler von Mono Inc. über das neue Album «Terlingua», Kritiker und Single-Auskopplungen gesprochen.

Martin Engler von Mono Inc. (Foto: Sacha Saxer)

Martin Engler von Mono Inc. (Foto: Sacha Saxer)

Negative White: Terlingua. Wie kommt man auf die Idee, in so einem kleinen Nest Urlaub zu machen?

Martin Engler: Wir haben im März 2014 in Austin, Texas ein Festival gehabt und hatten die Wahl, ob wir direkt zurückfliegen oder fünf Tage später. Wir haben gesagt, wir nehmen die 5 Tage später und kucken uns was an. Ganz klassisch bei Google «Was ist interessant?» Für uns waren nicht die klassischen Sehenswürdigkeiten wo viele Leute sind interessant, sondern wir wollten Natur sehen. Ich hab in meinen jungen 20er Jahren in Los Angeles gewohnt und deswegen natürlich die ganzen Sachen wie Yosemite Nationalpark, Death Valley und so. Sowas wollt ich dann einfach wieder erleben und dem Rest der Band, die noch nie drüben waren, auch zeigen. Da hab ich gefragt: «Habt ihr da nicht auch Bock drauf? Wir fahren einfach in so einen Nationalpark.»
Das war der Big Bend Nationalpark, so ca. 8-10 Stunden Autofahrt von Austin entfernt und ist an der mexikanischen Grenze. Das kannte ich noch nicht, das kannte die Band noch nicht und so haben wir gemeinsam was neues entdeckt. In diesem Nationalpark gibt es nur eine Unterkunft, aber die ist Jahre im Vorfeld ausgebucht. Über die Rezeptzionistin dieser ausgebuchten Lodge kriegten wir den Tipp, dass es da einen privaten Vermieter gibt, der eine Ranch besitzt und den würde sie mal anfragen. So kamen wir dazu, dass wir 5 Tage Terlingua und den Big Bend Nationalpark kennenlernen durften.

Das muss ja ganz schön was bei euch ausgelöst haben, immerhin handeln gleich fünf Songs von Terlingua und der Umgebung.

Ja, es hat insofern etwas ausgelöst; als es dann im September darum ging, wo wir die Platte aufnehmen, hatten wir die grandiose Idee, diese Ranch anzufragen, ob die nicht verfügbar wäre für einen längeren Zeitraum und haben uns dann nochmals für fünf Wochen auf dieser Ranch in Terlingua eingemietet, sind dahingefahren mit einem Truck voller Equipment und haben ähnlich wie Rick Ruben das mit Johnny Cash gemacht hat, im Wohnzimmer quasi ein Studio eingerichtet und haben dann da aufgenommen. Wir haben da nicht nur nur aufgenommen, sondern haben dort angefangen, uns gedanklich auf ein neues Album einzulassen. Da haben wir komponiert. Da haben wir Ideen ausprobiert und wenn du irgendwo hinkommst, wo du noch nie warst, wo ganz neue Einflüsse auf dich wirken, dann öffnest du natürlich dein Paradigma enorm.
Ein weiterer Vorteil war, dass es da kein WLAN gab und Handynetz nur, wenn wir hinten auf den Berg raufgekraxelt sind. Das heisst, du bist auch nicht immer am Zahn der Zeit und liest nicht jeden Tag die ganzen Facebook-Nachrichten von Fans und Plattenfirmen und wie sie sich alle die neue Platte so vorstellen, sondern wir waren wirklich völlig frei. Und nach ein, zwei Wochen war es dann auch so, dass wir auch Kopfmässig total frei waren und nicht mehr jeden Tag hinters Haus auf den Berg gekraxelt sind um unsere Emails abzuholen. Wir haben uns gesagt, alle drei Tage reicht auch, was soll schon passieren? Und dass hat dann natürlich das Album letztendlich beeinflusst.

Das ist jetzt das zweite Album mit deutschen Songs. Beim ersten Album gab’s ja einen ziemlichen Split in der Fangemeinde. Habt ihr schon Reaktionen auf die neuen Songs?

Ja. Es ist so. Das ist nunmal die Bürde, wenn du ein bisschen erfolgreicher wirst – frag den Grafen – wenn du Kritiken liest; der erste schreibt: «Wunderbar, geniale deutsche Texte.», der zweite schreibt: «Die deutschen Texte sind ja Scheisse.». Der eine findet das gelbe Cover super, der andere findet Schwarz ist die einzige Farbe.
Es ist ja nicht mehr Kritik in Form von «das und jenes könnte man besser machen», sondern es ist dann wirklich eine Geschmacksfrage. Wir haben mittlerweile so eine breite Hörerschaft, dass es uns faktisch gar nicht mehr möglich wäre, selbst wenn wir wollten, die Leute alle glücklich zu machen. Es geht einfach nicht.

Jetzt geht’s auf Tour mit dem Album und ich hab gesehen, dass da ein Stopp in der Schweiz fehlt. Kommt da noch was oder haben die Schweizer Fans da einfach Pech und müssen halt nach Süddeutschland?

Das kann ich dir ehrlich gesagt nicht sagen. Wir haben glücklicherweise für sowas eine Agentur und die arbeitet das für uns optimale Routing aus. Es kommt ja auch immer darauf an, wie man von A nach B über C kommt und gleichzeitig logistisch früh genug in D um da die Halle schon aufzubauen. Und geht’s ja auch um Verfügbarkeit. Ich kenn als einen genialen Club das X-Tra in Zürich, aber es kann natürlich sein, dass genau an dem Tag zwischen München und  Wien oder so, das nicht verfügbar war. Dann geht’s halt irgendwann nicht. Aus Rostock oder Kiel bist du nicht so schnell in Zürich. Ich fänd’s schade, wenn es nicht dazu kommt, aber ich bin da eigentlich optimistisch, dass wir irgendwann auch wieder in der Schweiz spielen.

Meiner Meinung nach ist It Never Rains einer der stärksten Songs, den ihr je geschrieben habt.

Vielen Dank.

Kommt da eine Single-Auskopplung oder bleibt der explizit dem Album vorenthalten?

Ich glaube nicht, dass es eine dritte Single geben wird, weil wir auch keine Single-Band sind. Wir sind eine Album-Band. Bei It Never Rains haben wir auch beim Arrangement darauf geachtet, dass es eben kein 08/15-Ablauf – Strophe, Bridge, Chorus, 3:30min – dass es das eben nicht ist, sondern dass es ein Song ist, der atmet, auch mal Platz lässt und sich einfach nicht an irgendwelche gepressten Normen halten muss. Ich finde ihn so wie er ist perfekt. Und darum hätte ich auch ein echtes Problem damit, ihn auf Single-Mass einzukürzen. Ich glaube, das geht auch gar nicht. Und das muss es auch nicht. Ich finde es immer wieder toll – auch wenn ich an meine Zeit als Fan zurückdenke – wenn du eine Platte kaufst und entdeckst dann einen Song auf dieser CD, wo du sagst: «Wow, das ist mein Liebling.» und das war keine Single. Ich fand das immer cool, wenn es eben keine Single war, sondern meine Entdeckung vom Album. Lasst doch It Never Rains so ein Titel sein.
Ich finde auch, dass er einer der wichtigsten Titel vom Album ist, gerade weil mir die Geschichte sehr am Herzen liegt, die da erzählt wird.

Er ist auch sehr aktuell.

Genau. Die Geschichte ist leider sehr aktuell. Ja nun nicht nur in Texas, sondern auch hier. In Texas ist es die Wüste, bei uns ist es das Mittelmeer, in Asien geht es auch gerade los. Eigentlich geht’s dort schon länger, aber jetzt kommt es gerade in den Medien. Es ist thematisch also leider wirklich sehr aktuell.

Wenn ihr einen einzigen Song nochmals neu aufnehmen dürftet mit der heutigen Technik, eurer heutigen Erfahrung, welcher wäre das?

Wenn ich die Wahl hätte, dann würde ich keinen nochmals neu aufnehmen. Weil die Songs und auch das Soundgewand ist ein Abbild seiner Zeit. Ich glaube, wir würden es nicht mehr so hinbekommen, ein Temple of the Torn heute nochmals so klingen zu lassen, weil wir heute eben dieses ganze Knowhow haben. Ich finde zum Beispiel, dass das Album Temple of the Torn ist noch so roh, eckig und ungeschliffen, weil’s auch von Urerfahrenheit nur so strotzt. Das macht aber auch den Charme so einer Platte aus. Wir könnten das heute zwar nochmals aufnehmen, dass es schöner klingt, ich könnte das alles nochmals viel besser singen, weil ich jetzt zehn Jahre mehr Erfahrung mitbringe. Aber ich glaube, es würde den Effekt der Songs nicht verbessern. Insofern sollten wir da die Finger von lassen.

Es gibt ja unzählige Bands, die zum x-jährigen Jubiläum eines Albums sich sagen: «Komm, wir nehmen das nochmals neu auf.»

Ja gut, wir haben das bei unserem Best-of-Album auch gemacht, dass wir zwei alte Titel nochmals neu aufgenommen haben, aber da ist es ja so, dass die damals noch aus Demostadien stammten und von einem anderen Menschen gesungen wurden. Da fanden wir es legitim, dass die Leute die Songs auch mal mit meiner Stimmen hören.
Aber jetzt seh ich keine Notwendigkeit mehr für sowas und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass wir in absehbarer Zeit nochmals so ein Best-of veröffentlichen.

Damit wären jetzt auch die ganzen Kritiker, die euch Ausverkauf vorwerfen, ruhig gestellt.

Ja, Ausverkauf… Wir haben jetzt zwei Top Ten-Alben in Folge gehabt und das ist für einige Leute nicht mehr spannend. Sie suchen sich dann neue, unbekannte Themen. Das ist ja auch toll, weil auch gerade die unbekannten, neuen Bands brauchen diesen Support von den Fans, die irgendwann weiterreisen. Das kann man auch nicht aufhalten. Wir haben das ja selber erlebt, dadurch, dass wir Subway to Sally supportet haben – oder ASP oder Unheilig. Dadurch kamen viele Fans dann zu uns, die uns dann gesagt haben: «Wir kommen jetzt nur noch zu euch, zu den anderen gehen wir nicht mehr, das ist uns jetzt zu Mainstream.» Und die wandern dann zu unseren Supports, die wir mitnehmen, ob das jetzt Unzucht ist oder Lord of the Lost, weiter. Die haben dann kurzfristig einen grossen Zuschauerzuwachs, die Leute gehen dann dort auf zwei, drei Konzerte und dann kommt das Nächste. Aber so muss das auch sein. Sonst würden ja gar keine Bands mehr nachkommen.

Ich hab euch auch via ASP kennengelernt, damals in Zürich.

Siehst du. Wir sind dem ASP auch sehr dankbar für diese Gelegenheit. Das war eine grossartige Tour und genauso ist es mit Unheilig oder Subway to Sally. Das sind Bands, ohne die wir niemals dahin gekommen wären. Aber ab einem gewissen Zeitpunkt hat uns das auch nichts mehr genutzt. Dann musste das Baby «Mono Inc.» schon alleine laufen lernen. Irgendwann musst du anfangen, deine eigenen Fans zu generieren, weil sonst hast du ja nur diese Szenesucher, die ein paar Mal kommen, aber nicht unbedingt sehr treu bleiben.

Vor allem in der Schwarzen Szene…

Vor allem in der Schwarzen Szene, ja. Aber wir haben von den statistisch gesehen 15 000 in Deutschland glaub ich 10 000 sehr, sehr treue Fans, die immer wieder auf die Tourneen kommen und unsere Platten kaufen. Ohne die wär’s ja gar nicht möglich. Und denen sind wir natürlich auch sehr dankbar.
Und ganz im Ernst, und deswegen muss ich da total schmunzeln drüber, wenn die Leute schreiben: «Mono Inc. ist nicht mehr Gothic.» Da denke ich: «Alter, was denkst du, wer definiert was Gothic ist? Du kannst nicht in mich hineingucken und wenn du dir die Mühe machen würdest, dich mit den Texten und dem Feeling so einer Platte auseinanderzusetzen, dann finde ich, dass gerade Terlingua ein Statement ist.» Ich finde es an sich eine sehr, sehr düstere Platte.
Ich wurde in einem anderen Interview angesprochen, dass es ja jetzt eine sehr positive Platte geworden ist. Da wären auch zwei Songs übers Wetter dabei… (An dieser Stelle musste ich etwa gleich ungläubig geblickt haben, wie Martin, als er das damals hörte.) Ich ganz perplex: «Was?» «Ja, It Never Rains und dann habt ihr auch noch An Klaren Tagen, ein Song über Reisen in ferne Länder bei gutem Wetter.» Ich sagte dann: «OK, da steht: ‹Ich hab alles gesehen, Rom und Paris. An klaren Tagen…›, aber…» Was soll ich dazu sagen? Ich mein‘, hör‘ doch einfach den Song zu Ende und sag‘ nochmal, dass es eine fröhliche Nummer ist.
Und solche Menschen sind dann natürlich auch die, die das kritisieren und sagen, dass es ein so positive Platte geworden ist. Ich finde, es ist eher eine sehr nachdenkliche Platte.

Ich finde, es ist eure bis lang erwachsenstes Album.

Vielen Dank. Schön, das aus deinem Mund zu hören, weil ich seh’s genauso. Es ist halt so. Wir sind erwachsen geworden als Band. Wir haben neue Sachen ausprobiert, aber ich finde es ist von der ersten bis zur letzten Note unverkennbar Mono Inc.
Das ist ja immer wieder eine Herausforderung, wenn du eine neue Platte machst, dass du versuchst, neue Horizonte zu erreichen und neue Einflüsse zuzulassen, ohne aber deinen Sound preiszugeben. Daran haben wir zehn Jahre gearbeitet, dass wir aus Hunderten von Bands herauszuhören sind. Und das will man ja nicht aufgeben. Diesen Spagat hinzubekommen, neue Sachen zu machen, ohne seine Roots zu verlassen, dass ist uns, glaube ich, ganz gut gelungen. Klar, um einige Kritiker glücklich zu machen, hätten wir natürlich auch Voices of Doom 2 machen können. Dann hätten die Hurra geschrieen, aber alle, die Mono Inc. kennen, seit sie Kein Weg Zu Weit im Radio gehört haben, die würden sagen: «Was soll dass denn jetzt?»
Es ist breit gefächert und du kannst nicht alle glücklich machen. Und darum geht’s auch gar nicht mehr. Es geht darum, dass wir uns glücklich machen, dass wir eine Platte machen, hinter der wir 100% stehen, weil dann bist du so gefestigt, dass du sagen kannst: «Hey, dir gefällt’s nicht? OK. Das ist dein Problem und nicht mein’s.» Diese Eier hast du natürlich nur, wenn du selber stolz bist.

Das find ich doch ein schönes Schlusswort.

Danke.