Thomas Sabottka wurde 1968 in Ost-Berlin geboren und stieg durch seine schauspielerische Tätigkeiten in die Künstlerszene ein. Er etablierte sich in kurzer Zeit in der alternativen Szene als Autor mit messerscharfen Beschreibungen, einer guten Prise Melancholie, tiefgründigen Charakteren und bissigem Humor. Mit seinem letzten Werk Rock’n’Roll Stories passt er hervorragend in diese Textreihe.

Thomas Sabottka

Archiv 2010:
jt.Inwiefern hat dich die Musik in deiner Jugend beeinflusst?

Ich bin sozusagen mit Musik aufgewachsen. Musik bildete irgendwie immer den Soundtrack zu einem Abschnitt meines Lebens oder einer momentan emotionalen Befindlichkeit. Als ich mich in der Pubertät, der jugendlichen Sinnsuche – ja, ein Stück weit “Rebellion” – befand, habe ich viel Deutsch Punk, New Wave etc. gehört. Wenn ich später etwas melancholisch war die Swans, wenn ich schräg drauf war die Einstürzenden Neubauten, wenn ich verliebt war Marc Almond und, und, und…

Du stammst aus dem Wave-Gothik-Umfeld, bist aber in der DDR gross geworden. Wie hast du diese Zeit erlebt?

Zunächst mal würde ich nicht sagen, dass ich dem Wave-Gothik-Umfeld entstamme. Ich kenne sehr viele Künstler und Musiker aus dieser Szene persönlich, und gerade ASP haben mir damals mit der Einladung zu ihrer Tour, die Tür in diese Szene weit geöffnet. Sicherlich, ich habe eine sehr grosse Affinität zu vielen Bands dieser Szene, weil die Musik einfach viel der Musik meiner Jugend ähnelt, in der es diesen Begriff als solches – jedenfalls für mich – aber gar nicht gab.

Zur DDR. Nun, es war die Zeit meiner Kindheit, meiner Jugend. Es ging mir im grossen und ganzen gut, wenn ich im nachhinein auch sicherlich sagen kann, dass diese unbestimmte Gefühl von “unfrei” sein schon da war und ich sehr froh bin, dass ich das Ende der DDR erleben durfte. Vor allem zu einem Zeitpunkt in meinem Leben, wo ich nichts verlieren konnte, da ich eh gerade erst dabei war, mich im Leben zu orientieren.

Woher kam der Wunsch zu schreiben?

Ich kann es nicht mal Wunsch nennen. Da war nie der Moment, wo ich gesagt habe: Ich will jetzt schreiben. Ich glaube, so funktioniert es auch nicht. Ich habe es einfach getan. Früher habe ich wohl schon immer irgendwelche ausgedachten Geschichten erzählt. Irgendwann habe ich sie aufgeschrieben. Dann habe ich viele Jahre alle möglichen anderen Dinge probiert, wie z.B. Theater spielen, und bin dann mit knapp 30 wieder beim Schreiben gelandet. Wie Philippe Djian so schön gesagt hat: “Schreiben ist das, was übrig bleibt, wenn man alles andere schon probiert hat. Wenn einem nichts anderes übrig bleibt.” Also ich habe nicht den Wunsch zu schreiben, ich muss schreiben!

Wie viel von dir steckt denn eigentlich in deinen drei bekanntesten Werken Play, Rewind und Tremendista?

Da alle drei Werke in meiner, von mir selbst so betitelten, Phase der “Selbstfindung/Selbsttherapie” entstanden sind, sehr viel. Wobei man nicht denken soll, dass ich das alles, was da erzählt wird, auch wirklich erlebt habe. Aber die Gedanken, die Gefühle da drin, sind doch schon sehr autobiographisch.

Dein neustes Werk ist ein Hörbuch mit dem Titel Rock’n’Roll Stories. Ist die Musik dein ewiger Quell neuer Inspiration?

Auf jeden Fall. Ich höre ständig Musik. Auch beim Schreiben. Je nach dem, wie ich gerade drauf bin, was ich gerade schreibe, ändert sich auch die Musik, die ich höre. Das ist aber vor allem auch eine Wechselbeziehung. Sehr viel Musik inspiriert mich auch konkret zu Geschichten. Zum Beispiel ist der Song “Mutterherz” von Üebermutter eine der wichtigsten Inspirationen für die Geschichte “Acca Sellowiana”. Neben der Berichterstattung über die wahren Ereignisse hinter der Geschichte damals und einem Gespräch zweier Schweizerinnen über einen Milan, der scharf auf Meerschweinchen war, welches ich belauscht habe.

Wobei der Titel des Hörbuchs sich noch mehr darauf bezieht, was ich auf der Bühne mache. Eben keine “Lesung” im klassischen Sinne, sondern “Rock’n’Roll”. Ausserdem ist es für mich eine Metapher für ein bestimmtes Lebensgefühl. Es geht also nicht darum, dass ich wirklich Elvis Presley höre… obwohl es ein paar Rockabilly und Psychobilly-Bands gibt, die ich schon höre.

Oft bestimmt Musik aber auch sogar den Rhythmus in dem ich schreibe. Damals bei “Tremendista” wollte ich z.B. dieses Flamenco, dieses Corrida-Gefühl auch in den Sätzen haben und habe beim Schreiben sehr viel Flamenco gehört. Als ich für die Livepräsentation dann mit dieser Flamenco-Band geprobt habe und wir die Texte mit der Musik zusammengebracht haben, stellte sich heraus, dass es funktioniert hat. Die Sätze lagen wirklich genau auf dem Punkt, auf dem Rhythmus der Musik. Das war schon ziemlich beeindruckend.

Die Verbindung deiner Arbeit mit der Musik sieht man auch auf der Bühne. Du warst mit ASP auf Tour, hast auch mit L’Âme Immortelle zusammengearbeitet und letztes Jahr hat dich Luci Van Org auf der Lese-Tour begleitet. Passt die Musik du deinem Schreiben oder dein Schreiben zur Musik?

Beides. Bei ASP habe ich “nur” das Vorprogramm gestaltet, aber dennoch meine Texte dementsprechend ausgewählt. Ich wusste ja, dass die Leute nicht wegen mir und meiner Geschichten da waren, also hab ich versucht, Texte auszuwählen, die sie vielleicht ansprechen könnten. Bei L’Âme Immortelle war es so, dass ich im Grunde, direkt auf Anfrage Texte für das gemeinsame Programm geschrieben habe. Luci und ich sind einfach gut befreundet und sie ist ja nicht nur Musikerin und Schauspielerin, sondern auch eine verdammt gute Autorin. Hier wurde dann tatsächlich die Musik, die Luci spielte, von uns Beiden direkt zum Programm erarbeitet/ausgewählt. Wenn ich mit meinem Gitarristen Ralph Müller auf der Bühne bin, dann kreiert er wirklich direkt Musik zu meinen Texten und meiner Performance.

Du bist nicht der typische Gothic-Autor mit düsteren Szenerien. Dennoch ziehen sich Liebeskummer und Selbstzweifel durch deine Arbeiten. Faszinieren dich die menschlichen Abgründe?

Ich würde es beinahe weniger pathetisch formulieren. Mich fasziniert der Alltag. Der ist meistens total absurd, zum kaputt lachen aber immer auch oft genug traurig…. “Das Leben ist noch verrückter als Scheisse” wie es in “Es war einmal in Amerika” heisst. Ich würde aber soweit gehen, dass ich sage, mich faszinieren die gescheiterten Helden des Alltags. Die, die vom Leben ständig in den A… getreten werden, aber irgendwie dennoch immer wieder aufstehen und weiter machen. Da ist “Liebeskummer” natürlich ein hervorragendes Feld. Denn er steckt alle Emotionen ab. Zunächst ist man traurig, wütend, verzweifelt… Irgendwann ist man drüber weg, hat sich also wieder aufgerappelt und dann lacht man oft genug darüber, wie man sich damals benommen hat, und wieso man genau diesem einen Menschen so hinterher geheult hat. Selbstzweifel würde ich es auch nicht nennen. Eher ironisch formulieren: Die Frage: Wer bin ich und wenn ja warum?

Siehst du dich selber als einer der gescheiterten Alltagshelden oder gab es eine solche Phase in deinem Leben?

Sicherlich. Ich gehöre immer dazu. Selbst wenn ich in die Rolle eines Ex-Knackies schlüpfe, der als Resozialisierungsmassnahme Strassen fegt, steckt da ein Stück von mir und meinem eigenen Leben drinn. Immer. Auch mich tritt das alltägliche Leben oft genug ganz kräftig in den Hintern, ich stehe aber eben auch irgendwann wieder auf und fange dann sogar an, darüber zu lachen. Genau wie, die meisten Helden, meiner Geschichten. (Wobei da meistens nicht die Helden, sondern das Publikum/der Leser lacht!)

Wie überlebt man als Autor, der nicht auf den Bestsellerlisten steht und dessen Bücher nicht in zig Sprachen übersetzt werden?

In dem man zunächst mal ein ganz normales Leben führt. Keine Eskapaden. Keine teuren Autos, keine Villen, keine Reisen, kein Sex, Drugs & Rock’n’Roll. Ansonsten nach der Devise: “Kleinvieh macht auch Mist”. Jede Lesung wirft ein paar Euro ab. Jede verkaufte CD, jedes Buch, jeder Auftragstext den ich schreibe… und in der Summe reicht es dann schon, um über den Monat zu kommen. Wenn nicht, dann geht man eben morgens noch irgendwo Zeitungen austragen oder Pakete packen. Die Frage stellt sich in dem Sinne ja für mich nicht, denn wie oben gesagt, ich muss schreiben. Also gruppiert sich alles andere drum herum und wird dementsprechend angepasst. Auch die Lebensweise. Ich will an der Stelle aber auch nicht verleugnen, dass ich das Glück habe, eine Lebensgefährtin zu haben, die mich voll unterstützt. In jeder Hinsicht.

Die Lesungen finden oft im familiären Rahmen statt

Kein Sex, Drugs & Rock’n’Roll? Haben deine Lesungen in kleinen, vielleicht abgedrehten Locations nicht das Flair des Rock’n’Rolls?

Ok, Überführt. Falsche Formulierung. Ich meinte damit, dass man einfach kein Leben führen kann, bei dem man ständig Party macht, ständig unterwegs ist, sich besäuft, mit dem Taxi fährt, sich eine DVD nach der Anderen kauft, ständig ins Kino oder Essen geht… man muss ein relativ bescheidenes, normales Leben führen und ab und zu doch den Cent dreimal umdrehen, bevor man ihn ausgibt. Aber ich fühle mich in erster Linie extrem frei dabei.

Das Andere. Natürlich. Ich propagiere das ja selber, dass meine Auftritte “Rock’n’Roll” sind!

In der Schublade habe ich immer etwas. Weil ich ja eben auch ständig irgendetwas schreibe. Das Problem ist eher die Veröffentlichung. Der etablierte Literaturbetrieb ist immer noch sehr konservativ und tut sich schwer damit, neue Wege zu gehen. Darum passe ich mit den Sachen, die ich so mache, da nirgendwo in eine Schublade und sie können/wollen mich nicht vermarkten/veröffentlichen. Also mache ich einfach weiter wie bisher und warte, bis sie es endlich kapieren, dass meine Art der Literatur durchaus ein Publikum, ja sogar Fans hat. Auf eigene Kosten kann und will ich nicht mehr veröffentlichen. Jetzt ginge es also darum, einen Verlag zu finden, der bereit ist mich vor allem auch ausserhalb der o.g. Szene bekannt zu machen, damit es auch relevante Verkaufszahlen bringt, die wiederum weitere Veröffentlichungen und Auftritte absichern würden. Sprich: Wenn nicht demnächst eine meiner Bewerbungen bei diversen Verlagen erfolgreich ist, wird es vorläufig kein gedrucktes Werk von mir geben. Aber das Publikum muss nicht auf Geschichten von mir verzichten. Ich trete ja weiterhin verstärkt live auf und demnächst wird in einem Internetradio eine regelmässige Reihe starten, wo ich immer eine exklusive Geschichte vortrage. Denn da meine Stories momentan nicht ins gedruckte Buch und auf den “normalen” Literaturmarkt zu passen scheinen, muss ich eben nach anderen Wegen suchen, wo sie hinpassen könnten. Das mit dem Radio ist momentan der Vielversprechendste davon.

Wo siehst du denn den Grund für das Ablehnen deiner Arbeit?

Nun, hier muss man etwas unterscheiden. Es ist ja nicht das Publikum, das meine Arbeit ablehnt, sondern der kommerzielle Markt. Sprich: Jeder, der auch nur ansatzweise kommerziell-ökonomisch denkt und arbeitet. Veranstalter, Booker, Verlage etc. Das hat schlicht damit zu tun, dass es für solche Unternehmer im wirtschaftlichen Sinne, immer wichtig ist, eine Schublade zu haben, wo sie dich vermarkten können. Würde ich z.B. Vampirgeschichten schreiben in denen kleine Mädchen sich in pubertierende Knaben verlieben, die sich dann als Vampire rausstellen… Du verstehst was ich meine? Oder noch besser: Regionalkrimis ist momentan so ein Ding. Verkaufen sich wie geschnitten Brot, sind meistens schlecht. Aber schreibe ich Krimis? Wenn mich jetzt ein Veranstalter (für Auftritte) oder ein Verleger fragt: Was machen sie denn Herr Sabottka, kann ich nur sagen: “Rock’n’Roll”. Das können die nicht vermarkten, darum lehnen sie es ab. Und gerade der Literaturmarkt ist so dermassen konservativ… was möglicherweise daran liegt, dass Literatur immer noch gerne diesen eliteren Kunst-Beigeschmack hat/haben soll. Es gibt keine Independent-Bewegung wie in der Musikbranche, die ja vor einigen Jahrzehnten wirklich alles durcheinander gewirbelt hat. (Über die heutige Entwicklung mit Casting-Shows etc. brauchen wir nicht zu diskutieren.) Die wenigen, guten kleinen Verlage, die es gibt, haben bei allem Rebellentum, aber oft genau dasselbe Problem. Du musst dich als Verlag für eine Linie entscheiden, damit der potentielle Buchkäufer weiss, wenn er die Bücher deines Verlages sieht, das erwartet mich, darum kaufe ich es. Und genau da liege ich auch wieder zwischen den Stühlen. Es gab schon zwei kleinere, sehr gute Verlage, die Interesse an meinen Arbeiten hatten, aber nicht den finanziellen Background, diese zu realisieren, da sie dafür eine komplett neue Schiene in ihrem Programm hätten aufmachen müssen. So etwas kann ein kleiner, mittlerer Verlag sich aber nicht unbedingt leisten.

Ich glaube aber dennoch, dass es irgendwann klappen wird und ich einen guten Verlag von meiner Arbeit überzeugen kann. Es läuft halt über Umwege und es dauert viel länger, als wenn ich mich hinsetzen würde und etwas schreiben würde, was die auf jeden Fall kaufen würden. Aber die angesprochene Radiosache… ich habe in einer Radiosendung live gelesen und da waren ca. 8000 Hörer online. Wenn das jetzt regelmässig stattfindet und die Zahlen gleich bleiben, dann sind das auch durchaus kommerzielle Argumente für einen potentiellen Verlag. Und bevor Du fragst, warum ich das überhaupt will. Weil ich vom Schreiben leben will und nicht mal mehr nebenbei Pakete packen will.

Bilder: Janosch Tröhler