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Wenn die Luft brennt: Imagine Dragons live im Hallenstadion

Es reicht nicht aus zu sagen, Imagine Dragons rockten das ausverkaufte Hallenstadion in Zürich. Sie rissen die Hütte ab, bauten sie wieder auf und brannten sie anschliessend nieder. Ohne je das Feuer ausgehen zu lassen, dass sie entfacht hatten. Und jeder Funke den sie versprühten, erreichte das Publikum zielsicher.

Als Support Act der Imagine Dragons hat man es sicherlich nicht leicht. K.Flay, gebürtige Amerikanerin mit kraftvoller und rauchiger Stimme, versuchte die Menge anzuheizen. Das Publikum agierte aber bis knapp zur Hälfte ihrer Performance ziemlich verhalten. Die Gründe bleiben unklar: Lag es am Platzmangel im Stehbereich oder daran, dass dem Publikum der Sound nicht zusagte? Es war auch der erster Auftritt von K.Flay in der Schweiz, ihre Songs vielleicht noch zu wenig bekannt. Ich schiebe es doch auf das dichte Gedränge im vorderen Bereich, denn der eingängige Indie-Rock lud definitiv zum Mitwippen ein.

Das Handy hin- und herschwenken ist out – «shake it»

Als K.Flay den Song Can’t Sleep anstimmte, wachten die Zuhörer plötzlich auf, sangen den Chorus mit, schunkelten und tanzten und zückten ihre Handys. Neuster Trend scheint dabei übrigens zu sein, es so schnell wie irgend möglich herumzuwackeln. Ein Vierergrüppchen auf der Tribüne fing damit an, bei den Stehplätzen reagierten ein paar und schüttelten die Lichter wie wild zurück. Fast so als hätten sie sich in der Dunkelheit anhand des LED-Lichts erkannt und würden sich gegenseitig begrüssen.

Ausverkauft bis auf die letzte Ecke

Nach einer halben Stunde verabschiedete sich K.Flay vom Zürcher Publikum. Die Halle füllte sich zusehends – sowohl im Stehbereich als auch auf den Rängen. Auf der Fläche unten hätte man problemlos im Stehen schlafen können ohne umzufallen.

Publikum im Hallenstadion Zürich vor Beginn des Imagine Dragons-Konzert

Bild: Michelle Brügger

Zeit, sich umzusehen und herauszufinden, ob es einen typischen Imagine-Dragons-Fan gibt. Die Antwort ist einfach: Nein, der existiert wohl nicht. Das Publikum war sehr durchmischt. Von jung bis alt, vom Rocker-Chick zum Hoodie-Träger, Jeans oder Anzug war alles zu sehen. Und wie an jedem Konzert gibt es die Dauerfilmer, die den Gig nur durch ihren Display erleben. Die nervöse Nicht-im Takt-Wipperin in deiner Sitzreihe, das frischverliebte Pärchen, die alles um sich herum vergessen, die beiden Freundinnen, die den neusten Klatsch durchkauen. Die Twitterer, Instagramer, WhatsApper und Facebook-Live-Filmer. Nicht zu vergessen die Person, die zu telefonieren versucht und zig Mal schreit: «Wie?! Ich versteh dich grad nicht!» Was ich aber zum ersten Mal sah, war eine Frau, die per Facechat jemanden zugeschaltet hatte, der im Bett lag und so das Konzert live miterleben konnte.

Zehn Jahre Imagine Dragons und noch immer Feuer im Hintern wie ein junger Drache

Dieses Jahr feiern die US-Amerikaner ihr zehnjähriges Bestehen, auch wenn von der Originalbesetzung nur noch Frontmann Dan Reynolds mit dabei ist. In der aktuellen Formation spielen sie seit 2011 und schafften Anfang 2012 den weltweiten Durchbruch mit den Auskopplungen It’s Time (Platin) und Radioactive (Diamant) des Debütalbums Night Visions (Doppel-Platin). Falls jemand denkt, nach einer Dekade sei vielleicht nicht mehr so viel Energie und Magie auf der Bühne zu spüren, kauft sich am besten gleich ein Ticket für das nächste Konzert und lässt sich eines Besseren belehren. Dan Reynolds nützte jede Ecke der T-förmigen Stage aus, rannte und hüpfte herum, kniete sich auf den Boden und riss jeden einzelnen im Stadion mit sich.

Zwischendurch richtete er sich immer wieder ans Publikum mit den unterschiedlichsten Botschaften. Eine davon war, man solle am heutigen Abend alles an der Tür abgeben. Hier sei kein Platz für Hass, Religion oder Politik. Es gehe heute Abend nur um Musik. Jemand reichte ihm eine Regenbogen-Flagge, die er mit den Worten «Isn’t she beautiful?» in die Höhe streckte. Anschliessend legte er sie sich wie einen Schal um den Hals und stimmte den Song It’s Time an.

Dan Reynolds, Imagine Dragons

Dan Reynolds mit einer Regenbogen-Flagge. Bild: Evelyn Kutschera

Nebst der unglaublichen Energie auf der Bühne wurden auch gezielt plazierte Effekte eingesetzt. Wie etwa beim Song Believer, als jedes Mal beim Wort «Pain» ein Dampfstoss in die Höhe schoss. Die unzähligen Konfettikanonen in jeglicher Farbkombination, Schaumkügelchen und grossen Luftballons liessen die Menge jedes Mal beinahe ausrasten.

Auch wenn eingefleischte Fans um die B-Stage wissen, ging ohrenbetäubender Beifallssturm los, als Imagine Dragons mitten im Stadion auf einer runden Bühne auftauchten. Diese war mit acht vom Boden aufsteigenden Scheinwerfern beleuchtet. Zur Belustigung aller entschuldigte er sich dafür, dass er kein Deutsch könne. Daniel war der einzige, der ein paar Worte auf Deutsch wisse. Er gab diese natürlich zum besten und lieferte direkt die Übersetzung ins Englische. Dan meinte dann, jede andere Nation ausser den US-Amerikanern könne mindestens zehn Sprachen und dennoch akzeptiere sie jeder trotz ihre Dummheit. Sie hätten noch eine Menge Arbeit vor sich und er bedanke sich für unsere Geduld.

Am Ende des Akustik-Sets ging die Band mitten durchs Publikum zurück zur Bühne. Ob da wirklich jeder freiwillig sofort Platz gemacht hat oder die Gelegenheit nutzte, diesen Musikern so nah wie möglich zu kommen? Verdenken kann man’s niemandem.

Ach wie gut, dass niemand weiss…?

Noch immer hüten sie das Geheimnis um ihren Namen, der angeblich ein Anagramm für ein Statement sei, das der Frontmann damals gegenüber seinen Bandkollegen tätigte. Rund um den Globus rätselte man, versuchte mit Scrabble und Mithilfe von Software hinter das gutgehütete Geheimnis zu kommen. Inzwischen wurde darum so viel Wind gemacht, dass die Lösung wohl eher eine Enttäuschung sein würde, so Wayne Sermon 2013 in einem Interview. Sie würden es deshalb der Fantasie aller überlassen, die bessere Ideen zu Tage fördere als die tatsächliche Bedeutung. In einem Interview vor Veröffentlichung ihres aktuellen Albums Evolve verriet Wayne, sie würden Hinweise auf dem Album und Cover einfliessen lassen. Es scheint, als hätte man trotzdem noch nicht sicher sagen können, wofür der Name Imagine Dragons steht.

Negative White Member Kultur

Hörbare Weiterentwicklung

Auch wenn sie sich einen Spass aus dem Hype um ihren Namen machen, ist das nicht das Rezept ihres Erfolges. Das verdanken sie ihrer Musik und den Texten, die auf dem aktuellen Album noch tiefgründiger sind als bisher. Ihr Frontmann leidet seit Jahren unter Depressionen; ihre erste Single It’s Time schrieb Dan am Küchentisch, als er akut unter Depressionen und Angstzuständen litt. Am Ende der «Smoke + Mirrors Tour» im Februar 2016 nahm er sich eine Auszeit, sah keine andere Möglichkeit mehr als sich entweder Hilfe zu holen oder seine Familie und sein Leben zu verlieren. Er ging es ganzheitlich an, stellte seine Ernährung um und fing an zu meditieren.

«Ich kenne die Wolken, die um einen herum sind. Sie geben einem das Gefühl, allein zu sein und man nur noch das sieht, was alle anderen zu haben scheinen und einem selbst fehlt. Es ist nur Teil eurer Reise. Redet mit euren Freunden, der Familie, einem Therapeuten. Nimm dir nie das Leben. Das Leben ist lebenswert. Bleibe bei uns, es lebenswert.»

Die Veränderungen in seinem Leben bilden die Basis für das aktuelle Album. Reynolds war es wichtig, über das zu schreiben, was sein Herz ihm sagt. Über seine Depression zu schreiben und sie offen anzusprechen und nicht nur Stärke zu demonstrieren. Stärke aus dem Schmerz zu ziehen, ohne den Schmerz zu verstecken. Sinnbildlich gesprochen feiert Evolve das Öffnen der Jalousien und das Licht, das durchscheint. Dies sprach er auch am heutigen Konzert offen an, bevor er den Song Demons anstimmte.

Bis zum letzten Paukenschlag

Anders als sonst blieben Imagine Dragons auf der Bühne und kündeten an, sie würden es sich heute schenken, kurz zu verschwinden um dann für die Zugaben nochmal wiederzukommen. Sie würden jetzt mit den Zugaben weiterspielen und so das Set beenden.

Normalerweise geht ein Grossteil der Besucher, sobald die Zugaben beginnen. Nicht so am heutigen Abend. Die Menge tanzte, klatschte und sang zum letzten Song Radioactive, bis sprichwörtlich der letzte Paukenschlag erklang. Und selbst dann bewegte sich keiner aus der Halle, bis sich die Band unter tosendem Applaus beim Publikum bedankt hatte und von der Bühne verschwanden.

Was bleibt? Ein Erlebnis der Extraklasse voller Energie, mitreissend, hypnotisierend, mit Feuer im Herzen, das durch Musik neu entfacht wurde. Und der Wunsch, ein weiteres Mal an einem ihrer Konzerte dabei zu sein.

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