Ganz egal, denn aus dem Osten meldet sich eine neue Metalformation namens Defrage. Estland mag nicht gerade bekannt für seine Musikexporte sein, doch mit Defrage könnte sich dies ändern.

Defrage in der Met-Bar Lenzburg (Sacha Saxer)

Defrage in der Met-Bar Lenzburg (Sacha Saxer)

 

sax. Wer in der letzten Zeit durch Zürich gelaufen ist, und die Promotionabteilung der Estländer nicht gesehen hat und noch weniger von ihnen angesprochen wurde, musste entweder blind sein oder nicht ansatzweise an Rockmusik interessiert ausgesehen haben. Schon vor gut zwei Monaten traf ich auf die Jungs, als ich, wie üblich mit Stöpseln in den Ohren, um mich vor den banalen Geblöcke der exzessiv mitteilungsbedürftigen Passanten abzuschirmen. Ihre Masche ist ganz simpel. Sie suchen sich Leute aus der Menge raus, von denen sie denken, dass ihnen die Musik von Defrage gefallen könnte und sprechen sie mit den Worten: “Do you speak English? You look like you listen to rock music…” an. Als ich angesprochen wurde, die Ohrhörer noch dort, wo sie hingehören, dachte ich erst, dass es sich um irgendwelche Touristen handelte, die nach dem Weg fragen wollten. Hilfsbereit, wie Negative White-Mitarbeiter nunmal sind, stellte ich die Musik ab, klaubte die Stöpsel aus den Ohren und fragte, wie ich denn helfen könnte. Dass die Frage, ob ich gerne Rock oder Metal hören würde, mehr rhetorisch war, war auch ihm bewusst, lief ich doch mal wieder mit einem Band-Shirt durchs Niederdorf. Und schon waren wir im Gespräch. Nach einer mehr als aberlustigen Eskapade mit einem sturzbetrunkenen Kerl, der uns aufs übelste beschimpfte, was ihm aber irgendwie niemand übel nehmen konnte, da er ganz klar in einer anderen Realität zu leben schien, kaufte ich mir ihr Album Jackal und war nach dem Durchhören schon begeistert.

In der Zwischenzeit waren Defrage nicht untätig, konnten einen Gig im Dynamo sichern und spielen auch als Vorband von Battalion im Rock City in Uster. Am 2. November hatten sie allerdings eine Headliner-Show in der Met-Bar in Lenzburg. Auf dem Heimweg vom Ultravox-Konzert an Allerheiligen wurde ich, zusammen mit einem Fotografenkollegen, zum fünften Mal in dieser Woche von der PR-Maschinerie, die mittlerweile um ein paar hübsche Mädels erweitert wurde, angesprochen. Mittlerweile konnte ich nur noch grinsen, da ich sie schon von weitem erkannte. Als sie uns sagte, dass sie am nächsten Tag ein Konzert in der Met-Bar in Lenzburg geben würden, war für mich die Abendplanung vom Freitag auch schon abgeschlossen. Gemütliche Location, eine Band, die schon auf Konserve richtig gut rüber kommt, was will man mehr?

Nachdem ich das Album schon ein gutes Dutzend mal gehört hatte, war ich natürlich gespannt, wie sich die Jungs aus Estland auf der Bühne präsentieren würden. Schon vor dem Konzert mischten sich die Bandmitglieder, der Tourmanager und ihre Promo-Equippe unters Volk, das durchaus etwas zahlreicher hätte erscheinen dürfen, und unterhielt sich über Gott und die Welt. Die Band ist super sympathisch, total auf dem Boden geblieben, was sie hoffentlich auch bleiben werden, und auch auf der Bühne hatten sie keinerlei Starallüren und unterbrachen ihr Konzert auch mal kurz für eine Rauchpause, sehr zum Gefallen des Publikums. Das ist der Grund, wieso ich kleine Clubkonzerte so mag. Sie sind viel spontaner, gehen mehr aufs Publikum ein als grosse Stadionkonzerte vor  tausenden von Zuschauern. Defrage hat auf jeden Fall gezeigt, dass sie live einiges drauf haben und wissen, wie man eine Menge Spass verbreitet. Ich werde auf jeden Fall am 21. Dezember im Rock City in Uster sein, wenn Defrage den Club für Battalion aufheizen wird. Das wird sowieso ein sehr unterhaltsamer Abend werden, so wie ich die beiden Bands jetzt erleben durfte. Gute Musik, sympathische Musiker, was kann an so einem Abend schon schief gehen?

 

Fotos: Sacha Saxer