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Vom Hip-Hop zum rustikalen Folk – Greis und Beni Noti wandeln mit ihrem Projekt Noti Wümié auf den Spuren Schweizer Chansonniers. Nun wurden auf der EP «Madeleine» einige Songs gebannt. Negative White hat Greis getroffen und mit ihm über den Genre-Grenzgang, das Nichtsagen und Sozialkritik gesprochen.

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Greis (vorne) und Beni Noti sind Noti Wümié (Foto: Tabea Hüberli)

 

Bei Noti Wümié machst du Chansons, Folk-Musik. Bist du als Hip-Hopper noch glaubwürdig?

Greis: Ich habe 15 Jahre Graffitis gemacht, bevor ich überhaupt begonnen habe, Rap zu schreiben. Meine Glaubwürdigkeit im Hip-Hop ist viel zu tief verankert. Egal, was ich mache: Es wird immer Hip-Hop bleiben. Bei iTunes ist die EP von Noti Wümié in der Hip-Hop-Kategorie gelandet, obwohl die Songs mehr Folk- und Chanson-Elemente haben.
Es ist nicht so, dass ich diesem Umfeld entfliehen möchte. So bin ich, ich wurde mit dieser Art Musik sozialisiert. Chanson greift aber noch weiter in die Vergangenheit zurück. Ich habe schon im Alter von fünf Jahren Chanson gehört. Deshalb ist auch dieser Stil ein Teil von mir. Diese Facette konnte ich nun endlich zeigen.

Wie kam es überhaupt dazu?

Ich probiere seit Jahren sowas zu machen. Das Problem ist, dass es mir viel schwerer fällt, Songs zu schreiben als Raps. Die Struktur ist völlig unterschiedlich. Ein Rapper muss einfach auf vier zählen und eine Zeile geht ungefähr von eins bis vier. Ein Song dagegen besteht aus mehr als nur einer Aneinanderreihung von Strophen und Refrain. Diese Komplexität und Raffiniert im Rap umzusetzen, ist auch ein Ziel von mir.
Beni Noti hat mir letztlich die Plattform gegeben. Der Grund, warum es Madeleine gibt, ist, dass Beni diese Kompositionen gemacht hat. Und plötzlich hatte ich keine Angst mehr.

Auf der EP Madeleine finden sich auch zwei neuinterpretierte Greis-Songs. Es sei nicht schwierig, diesen ein frisches Gewand zu verleihen, meint der Musiker. Der 35-Jährige veröffentlichte 2003 sein erstes Album Eis – gemeint ist das Schweizerdeutsche Wort für eins. Bekannt wurde er auch durch die Berner Chlyklass-Crew und die Band PVP.

Was schätzt du am Chanson?

Erstens muss man nicht so viel «schnurre». Man muss sich kurz fassen. Das Nichtsagen, das Aussparen ist ein wichtiger Teil. Das wäre es beim Rap auch. Weisst du, ich bin ein Rapper, der lernt. Ich bin seit zehn Jahren in einer musikalischen Lehre. Als ich mit dem Berner Rapper Baze zusammen gewohnt habe, hat er mir mir immer gesagt: «Du musst auch mal eine Pause machen. Pausen sind genauso wichtig.»
Es gibt Strophen, die ich so atemlos durchrappe, dass nichts hängen bleibt. Wenn man eine Pause macht, registriert das Hirn, was davor kam. Stephan Eicher hat zu mir gesagt: «Häb eifach mau d’Schnurre.» – Ja, das Aussparen schätze ich wirklich. In vier Zeilen sagen, wofür ich sonst sechzehn brauche.

Was kannst du mir Rap besser ausdrücken?

Rap ist mehr wie das Reden. Du kannst dir Zeit nehmen und auch mal sagen: «Auso lug, äs isch ungfähr so…ähm… Folgendermassen…» – Die Möglichkeiten der Form sind ganz anders. Rap ist rhythmischer, als Rapper bist du ein Perkussionsinstrument. Als Sänger bist du…keine Ahnung, was du da bist.

Die Live-Auftritte von Noti Wümié sind anders konzipiert als die meisten Konzerte. Ein Grossteil des Gigs besteht aus Improvisation. Freestyle und dazu Gitarrenklänge. Eine spannende und vor allem flexible Art Musik zu machen. Beim klassischen Freestyle ist man an den Beat gebunden und die Bewegungsfreiheit so auch eingeschränkt, sagt Greis.
Die sechs Songs auf der EP sind einfache Songs, die sich dank ihrer Einfachheit unter die Haut schleichen. Kleinode, die sich eben genau durch das auszeichnen, was Chansons ausmachen: Stimme und ein einzelnen Instrument.

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Noti Wümié auf den Spuren der Chansonniers (Foto: Tabea Hüberli)

 

Auf der EP finden sich nachdenkliche, emotionale und wahrscheinlich auch persönliche Texte. Funktionieren solche Songs im Chanson besser?

Schwer zu sagen. Ich möchte eigentlich glauben, dass man mit jedem Musikstil jedes Gefühl abbilden können sollte. Allerdings drückt man im Chanson Dinge auch durch die Melodie und durch die Phrasierung aus. Es anders Mau ist ein gutes Beispiel. Das gleiche Lied ist in Französisch auf Anatomy, nämlich Toucher du bois. Dort ist die Stimmung des Songs viel düsterer. In der Noti-Wümié-Interpretation ist der Song hingegen sehr flockig und fröhlich.

Du hast dir nicht zuletzt durch deine sozialkritischen Texte einen Namen gemacht. Nimmt das überhaupt einen Einfluss auf Noti Wümié? Oder grenzt du dich schon gleich zu Beginn davon ab?

Ich habe dann politische Texte geschrieben, wenn es mir danach war. Gewisse Leute fanden es cool, andere wiederum scheisse. Deshalb musste ich mir überlegen, wann ich solche Songs machen will und wann ich es bleiben lasse. Bei Noti Wümié hatte ich nicht das Gefühl, gerade etwas Wichtiges sagen zu müssen.

Mit Noti Wümié zieht Greis durch kleine Clubs und Bars. Am familiären Rahmen schätzt er vor allem die enge Verbindung zum Publikum. Hier höre man jeden Fehler, doch es mache einem auch greifbar und eine Beziehung zu den Menschen entstehe, meint Grégoire Vuilleumier, wie Greis mit bürgerlichem Namen heisst.

Auf eine EP folgt meist ein Album. Das hat der Küstler bestätigt. Wenn neben den Aufnahmen für das neue Greis-Album, das in New York aufgenommen wird und nächsten Herbst erscheinen soll, noch Zeit bleibt, darf man sich vielleicht schon bald auf neues Material von Noti Wümié freuen.

Noti Wümié im Web