Ein Passwort wird per E-Mail an Sie geschickt

Was für ein verdammt geiles Konzert! Marteria präsentierte sein neues Album« Zum Glück in die Zukunft II». Ich erlebte eine Nacht, in der sowohl Künstler als auch das Publikum durchgedreht sind. Der Rostocker mit dem tätowierten Po sorgte mit seiner Entourage für eine brutal gute Stimmung im Zürcher Komplex und meinte: «Das war schon krass!»

marteria_001

Wegen ihm war das Publikum hin und weg: Marteria. (Foto: Luca Michelli)

 

Ich bin 30 und mache Detox. Stets weigerte ich mich, aus dem Alter ein grosses Thema zu machen und dennoch geschah etwas, als ich anfing die Drei zu tragen. Ich glaube, dass es Marten Laciny (31) alias Marteria ähnlich erging, denn er rappt in seinem Track Kids: „Keiner hat mehr Bock auf kiffen, saufen, feiern / alle auf Salat – keiner mehr verstrahlt / Jeder macht Diät – niemand isst mehr Fleisch / In der guten alten Zeit war’n alle Donnerstags schon breit / Ich sitz‘ auf’m Sofa, rauch‘ das ganze Zeug allein“.

Das Komplex ist voll. Das Durchschnittalter liegt bei 20 und ich kämpf mich durch die Menge, ganz nach vorne. Ich will den Typen, der mir aus der Seele spricht, von Nahem sehen. Zuerst aber heizt sein DJ Kid Simius ein. Der junge Soundkünstler aus Spanien, der fette Beats raus lässt und mit dem Dröhnen bis ins Innerste meines Körpers dringt. Ich bin fasziniert von diesem Mix aus elektronischen Klängen, Dubstep und Rock. Er holt die Plastikklarinette hervor, stellt sich an den Rand der Bühne und spielt seine E-Gitarre mit der Zunge. Der Typ ist durchgeknallt und genial.

Dann kommt er: Marteria. Mega gut drauf und mit einer Riesenfreude legt er mit OMG! los. Ich erinnere mich an meine kurze Hip-Hop-Zeit, werfe die Arme hoch und gebe den Kopfnickerscheiss. Eintagsliebe erklingt als nächstes und beim Track Kids merke ich, wie ernst er seine Texte meint: „Keiner tätowiert sich Wu-Tang auf n’Arsch“ und tatsächlich: Er lässt die Hose runter und ein sündhafter Fleck wird entblösst. Ich lach‘ mich kaputt. Wenigstens ist es Wu-Tang – aber wer tätowiert sich überhaupt irgendwas auf den Arsch? Marteria – ich verzeih ihm, denn seine Texte sind schlau, durchdacht, witzig und politisch. Dass er verdammt gut aussieht, erklärt die kreischenden Girls, bei denen ich nicht sicher war, ob ich sie mir eingebildet habe. Aber nein: Die waren echt. Weshalb ich mir dann auch die Kommerz-Frage stelle. Wo soll ich Marteria einordnen? Mir bleibt keine Zeit zum Nachdenken, denn die Stimmung am Konzert wird immer heftiger. Bei Bengalische Tiger dreht das Publikum durch und auch Marteria ist beeindruckt: „Ihr seid ja ganz krass drauf da unten!“ Ein Riesenkreis bildet und auf Countdown rennen alle ineinander rein (oder halt einfach pogen, wie sich das nennt). Marteria lässt sich inspirieren und springt ins Publikum. Fünfmal Stagediven ist crazy – der Typ ist crazy! Das Publikum, er und seine Band tauschen eine unglaubliche Energie aus.

Dann wird’s ruhig und grün. Alle, die den Künstler kennen, wissen wer jetzt kommt. Es ist Marsimoto, Marterias Alter Ego. Beim Track Grüner Samt drifte ich in eine andere Welt ab: „Endlich wird wieder gekifft / du hast doch längst vergessen wie das ist / das kleine grüne Gold in deiner Hand – grüner Samt“. Marsimoto trägt ein silbern grünes Gewand, hat eine hohe Stimme, die nicht von dieser Welt scheint. Ich habe Lust mich auf ein Sofa zu werfen, zu rauchen und für eine Kifferewigkeit nicht wieder aufzustehen. Glücklicherweise steh ich noch immer in der bebenden Menge und nach der Zugabe verabschiedet sich der Rostocker mit seinen beiden DJ’s, seinen Backgroundsängern und der Band.

Wo ordne ich Marteria ein? Zu oberst, ganz klar. Er bietet musikalische Qualität, eine vielseitige Show, bei welcher ich ausgeflippt bin und ganz nebenbei bemerkt ist der Typ super sympathisch, wie ich an der Afterparty erlebe. Ich bin 30 und mache die Nacht durch. Am nächsten Tag esse ich meinen Salat und schwöre mir nie wieder verstrahlt zu sein.