Es ist schwer, etwas über ein Konzert von Bob Dylan zu schreiben. Zum einen muss man der lebenden Legende gerecht werden, andererseits seinen Auftritt in kritischem Licht betrachten können. Ein gewagter Spagat. Deshalb folgt nun ein eindeutig subjektiver Erlebnisbericht.

Für mich war es bereits das dritte Konzert des Altmeisters aus den USA. 2005 war ich enttäuscht, 2007 reiste ich abermals, aber ohne Erwartungen ins Zürcher Hallenstadion. Das ist denn auch gleich mein erster Tipp für jene, die noch nie ein Konzert von Dylan erlebt haben. Der Musiker schafft es jedes Mal, Erwartungen zu zerstreuen, seine Songs so zu spielen, dass sie eigentlich nur noch am Text zu erkennen sind. Gene Simmons, Bassist von Kiss, sagte einmal, dass sie ihre Songs immer noch gleich spielten, weil es genau das sei, was die Fans wollen. Bob Dylan ist anders, wandelbar und passt seine Songs der Zeit an. Seit Beginn seiner Karriere hat er sich stets als Chamäleon bewiesen.

So ging ich wieder ohne Erwartungen, stürzte mich ins mit 8000 Besuchern bevölkerte Festival-Gelände, das nebenbei bemerkt schön und vielseitig war.

Nach dem undankbaren Part als Support, übernommen vom renommierten Schweizer Gitarristen Hank Shizzoe, – denn das Publikum hat bloss auf den grossen Act gewartet – startete endlich das eigentliche Ereignis.
Mit dem Oscar, den Dylan 2001 für Things Have Changed bekommen hatte, auf der Orgel stand der 70-Jährige im schwarzen Anzug und Hut auf der grossen Bühne. Mit seiner in Grau gekleideten Band vermochte er gleich die Bühne samt Publikum einzunehmen. Auch nach vielen Jahr ist sein Charisma immer noch einvernehmend. Die Musik von Dylan bringt Leute zusammen. Junge Hippies, Alt-68er, Familien, sogar Gruftis und Punks versammelten sich auf den weichen Holzschnitzeln. Sogar die Wolken liessen der Sonne Platz.

Gleich vorweg, ich fand den Auftritt genial. Trotz seines Alters, in dem andere bereits im Rollstuhl sitzen, schritt Dylan auf der Bühne umher, spielte sowohl am Piano als auch an der Gitarre. Natürlich fehlte auch die Mundharmonika nicht, nach dessen Einsatz das Publikum regelmässig in Jubelrufe und Applaus ausbrach. Die Songs, darunter die Klassiker Blowin‘ In The Wind, A Hard Rain’s A-Gonna Fall, All Along The Watchtower und den besten Song aller Zeiten Like A Rolling Stone wirken durch die jedes Mal andere Spielweise niemals ausgelaugt. Robert Zimmermann alias Bob Dylan scheut sich nicht, seine Meisterwerke zu verformen. Dennoch sangen die Leute lauthals „How does it feeeeeel?“ bei Like A Rolling Stone. Die Begeisterung ob den Klassikern folgte durch die Unkenntlichkeit der Songs erst bei der Ankunft des Refrains, teils sogar erst nach der zweiten Strophe. Da Dylan mehr spricht, als singt, steht eine andere Phrasierung weniger Problemen gegenüber, als dies bei andern Künstlern der Fall wäre. Auffälligste Veränderung in seinen Stücken ist die stärkere Orientierung am schnellen Rock. Die Gitarren krachen heftiger über den Drums zusammen, sogar bei langsameren Songs wie Beyond Here Lies Nothing oder Make You Feel My Love drängen sich die elektronischen Saiten in den Vordergrund. Dylans Stimme ist aufgrund der Zeit und den Konsum von Drogen, Alkohol und Nikotin rauer geworden. Ein krächzender alter Rabe, der gerade aus diesem Umstand seine Songs nicht mehr so singen kann wie vor dreissig Jahren. Wir können froh sein, dass er es lässt und sich stattdessen die Arrangements ändert wie man es von seiner Persönlichkeit her kennt.

Mögen Erstbesucher vielleicht enttäuscht gewesen sein, weil Dylan nicht so klang wie ab CD oder LP, wussten regelmässige Konzertgänger, was auf sie zukommt. Die Stimmung im Publikum war gut, es wurde getanzt. Sogar dem Musiker selbst, der sonst immer die Coolness in Person ist, liess sich zum einen oder anderen Lächeln hinreissen. Die Energie der Band und des Masterminds selbst steckte die Massen an und verhalfen dem Abend zu einem frenetischen Höhepunkt. Organisator Taifun Music darf stolz sein. Es bleibt zu hoffen, dass Bob Dylan auch weiterhin in guter Verfassung bleibt, damit wir auch in Zukunft seine Musik geniessen können.

Bild von: Gary Von Der Ahé