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Seit Wochen harren flüchtende Menschen in Como an der Schweizer Grenze aus. Wir haben sie besucht, Zigaretten geteilt und zugehört.

5:30 Uhr, Aufstehen. In der Ferne braut sich ein Gewitter zusammen. Der Himmel grollt. Mein Bruder und ich machen uns bereit für die Reise Richtung Süden.

In den nächsten drei Stunden ziehen verzerrte Gewässer an uns vorbei: Zürichsee, Zugersee, Vierwaldstättersee. Wir schiessen durch das Gottardmassiv, trinken überteuerten SBB-Kaffee und werden von der Sonne im Tessin begrüsst.

Nach Lugano kontrollieren drei Männer des Grenzwachtkorps den Zug. Mit strengem Blick und der Systematik von Robotern fällt ihr Blick in jedes Abteil. In Chiasso erwarten Uniformierte die ankommenden Flüchtenden. Wir kommen von da, wo sie hin wollen.

Como – die Stadt mit zwei Gesichtern 

11:00 Uhr, Ankunft in Como. Es ist ein warmer Spätsommertag. Auf dem Bahnsteig schmiegen sich dicht gedrängt die provisorischen Betten unter das Vordach.

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Endstation: Schlafplätze auf dem Bahnsteig von Como. Bild: Nicola Tröhler

Im kleinen Park «Piazza San Gottardo» vor dem Bahnhof «San Giovanni» stehen sie, die Zelte der Flüchtlinge. An den Brüstungen der breiten Treppe trocknen frisch gewaschene Klamotten. Ein grosses Schild schreit: «OPEN THE BORDERS» – Öffnet die Grenzen. Der Boden unter den Bäumen ist staubig, zertreten und ausgedorrt.

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Wir gehen weiter zum See. Der Kontrast einige hundert Meter weiter überrumpelt: Nichts deutet auf die Zustände hin. Auf der Passage «Amici di Como» sonnen sich Touristen. Kinder spielen auf einem säuberlichen Kunstrasen. Sportwagen und schwere Motorräder brummen über die Strasse. In den Cafés fliessen konstant Cappuccinos und Euros.

Seit Wochen ist Como eine Stadt mit zwei Gesichtern.

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Hier die heile Welt, wenige hundert Meter daneben das Elend. Bild: Nicola Tröhler

«In Napoli war es schlimm» 

Zurück unter den Bäumen vor dem Bahnhof. Hier sind fast ausschliesslich Menschen aus Afrika gestrandet. Einige haben Glück und schlafen in den Zelten, die Aktivisten hierher brachten. Andere liegen gefangen auf kleinen Decken unter freiem Himmel. Neben dem von den Aktivisten betriebenen Infopoint gibt es eine improvisierte Wasserstelle aus Europalletten. Zähneputzen, Waschen, Kochen, Trinken. Der Brunnen ist das Zentrum des losen Camps.

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«Ich bin seit zwei Monaten unterwegs» – Abdullah, 24, aus Gambia. Bild: Nicola Tröhler

Wir setzen uns auf die Stufen und wollen das weitere Vorgehen für die Reportage besprechen. Wie gehen wir auf diese Menschen zu? Ich zünde mir eine Zigarette an, da kommen vier junge Männer auf uns zu und fragen nach Tabak. Ich halte ihnen den Beutel hin, Filter und Papierchen auch. Einer spricht einigermassen gut Englisch. Abdullah, 24 Jahre, aus Gambia. Hochgewachsen, ein ansteckendes Lachen. Er zeigt uns sein Zelt. «Ich bin seit zwei Monaten unterwegs, bin mit dem Boot nach Italien gekommen», erzählt er uns. «Die Überfahrt war das Gefährlichste, was ich je erlebt habe.» Er will in die Schweiz, hofft auf ein besseres Leben, einen Job. Wie die Zustände hier seien, frage ich ihn. «Hier geht es uns besser. In Napoli war es schlimm. Da gab es nichts.»

Zwei Tage war er schon in der Schweiz, wurde dann von der Grenzwache aufgefangen und nach Italien zurückgebracht. Trotzdem gibt Abdullah nicht auf. «Alle meine Brüder sind in der Schweiz», meint er.

Tabak und Geschichten 

Es hat sich herumgesprochen, dass wir grosszügig mit unserem Tabak sind. Bald steht eine kleine Traube junger Männer um uns. Sie kommen alle aus Gambia. «Wir waren alle alleine unterwegs, aber wenn wir jemanden aus Gambia treffen, sind wir wie eine Familie», erklärt Abdullah. Sie fragen mich, weshalb die Grenze zu ist. Ich versuche mit Ach und Krach unser politisches System verständlich zu machen, bringe es aber nicht übers Herz, ihm die Wahrheit zu sagen: Dass er in der Schweiz kaum Chancen auf Asyl hat.

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Zur Gambia-Familie gehört auch Julius, 25 Jahre alt. Zehn Monate dauerte seine Reise von Westafrika nach Europa. Seit 22 Tagen wohnt er jetzt schon in Como. Er möchte nach Deutschland, doch die Grenzen sind überall zu. Österreich, Schweiz, er hat es versucht und nicht geschafft. «Ich möchte einen Asylantrag stellen, ein gutes Leben führen. Zuhause habe ich Handys verkauft und repariert. Vielleicht kann ich in Deutschland dazulernen», sagt er.

Der Tabak ist ein Eisbrecher. Wir rauchen zusammen, sie erzählen und ich höre zu. «Italien ist das Problem. Die EU muss etwas machen!» Jetzt sprudelt Julius vor Aufregung. «Ich war vorher in einem Camp in Abruzzo. Das Essen war schlecht. Es gab jeden Tag das Gleiche.» Er zeigt mit Fotos auf seinem Handy. Spaghetti und Reis. «Wir waren in einem alten Gebäude untergebracht. Es stand zehn, zwanzig Jahre leer. Manchmal fiel die Heizung mehrere Tage aus, wenn die Pellets aufgebraucht waren. Der Boss des Camps gab uns kein Taschengeld, sondern einen Zettel mit dem Guthaben. 17.50 Euro jede Woche. Damit konnten wir in seinem Laden einkaufen. Einmal wollte Zigaretten kaufen. Er hatte nur Rothmans, schreckliche Marke. Ich rauche Marlboro, das ist meiner Meinung nach die beste Marke. Er wollte 7.50 Euro für die Rothmans. Dabei gab es Marlboro im Supermarkt für 5 Euro. Aber er gab uns ja unser Taschengeld nicht.»

Als die Behörden vorbeikamen, schickte der Camp-Leiter ihn vor, weil er gut Englisch spricht, erzählt Julius aufgebracht. Da beschwerte er sich über die Zustände. Geändert hat sich nichts, dafür bekam der Gambier die Quittung für seine Ehrlichkeit. Der Leiter weigerte sich, die Papiere für Julius einzureichen. «Der Boss bekommt Geld vom Staat für das Camp. Deshalb hat es ihm gar nicht gefallen, dass ich mich beschwert habe. Er verdient sein Geld mit uns.»

Ich kann nicht einschätzen, was uns Julius da erzählt. Er hatte in Gambia einen Job, seine Familie schickt ihm nun Geld über Western Union, damit er sich durchschlagen kann. Julius, dessen Vater bereits tot ist, ist für seine Mutter eine Investition. Er soll einmal gut verdienen und das Geld zurück in die Heimat überweisen. Man kann darüber diskutieren, ob Wirtschaftsflüchtlinge unsere Hilfe benötigen oder nicht. Die Gesetzeslage heute sieht schlecht aus für die meisten, mit denen wir gesprochen haben. Doch abhalten lassen sie sich dadurch von ihrem Vorhaben nicht. Wir müssen also einen Weg finden, wie wir mit ihnen umgehen. Trotzdem fühle ich mich immer wieder etwas hilflos und beschämt, umgeben von Menschen, die alles aufgeben haben, um das zu leben, was für mich Alltag ist.

Eine Kleinigkeit – für uns

Während Julius sich seine Wut vom Herz spricht, schiessen wenige Meter neben uns Touristen Selfies auf einer Skulptur. Wir verabschieden uns von den Gambiern. Auch wenn hier Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern zusammenkommen, bleiben die Nationen unter sich.

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Ich schenke einem Algerier noch eine Zigarette und wir machen uns auf einen Rundgang ums Camp. Wir treffen Amir Mohammed, 17 Jahre, aus Äthiopien. Er spricht kaum Englisch, wir können kaum kommunizieren. «Ich schreibe einen Artikel über euch», versuche ich zu erklären. «Du schreibst unsere Asylanträge?», fragt er halb überrascht, halb erfreut. «Nein, ich bin Journalist. Magazin, Zeitung.» Ich behelfe mich mit Pantomime, die den Jugendlich bloss noch mehr zu verwirren scheinen. «Ich möchte in die Schule, Deutsch lernen», erklärt Amir dann in mehreren Anläufen. Und danach will er Mechaniker werden, denn er mag Motorräder. Von Äthiopien reiste der Jugendliche nach Ägypten, verbrachte zehn Tage auf dem Mittelmeer, um nach Italien zu gelangen. Er will wissen, wie das Leben in der Schweiz so ist, und schaut mich dabei an, als sei ich im Begriff, das Paradies zu beschreiben. «Sicher, aber streng», antworte ich.

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Amir Mohammed (links) ist wie alle seit Wochen unterwegs. Bild: Nicola Tröhler

Für uns wird es Zeit, die Rückreise anzutreten. Wolken schieben sich über die steilen Hügel. Es wird ein Gewitter geben heute Abend. Wir steigen in den Zug nach Lugano. In Chiasso stehen wir eine Weile, warten, bis die Grenzwachen wieder alles kontrolliert haben. In zwei Minuten haben wir eine unsichtbare Linie überschritten – für uns eine Selbstverständlichkeit, für Abdullah, Julius und Amir ein fast unerreichbarer Traum.

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