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Am 23. November ist Gimmas erstes Buch «Hinter dera Maska isches dunkel» erschienen. Nachdem der Ex-Skandal-Rapper bereits 2006 ein Buchprojekt ins Auge gefasst hatte, hat er sein Ziel endlich erreicht. Zwar fiel die Wahl nicht, wie ursprünglich geplant, auf einen Roman, dafür aber auf eine umso spannendere Semi-Biographie. Wobei das Wort «Semi» aus rechtlichen Gründen gewählt wurde. Die ganze Geschichte, bis auf den inszenierten Selbstmord in der Rahmengeschichte, ist wahr. Wahr und – wie der Titel schon sagt – ziemlich dunkel.

Das Buch erzählt das Leben von Gian-Marco Schmid – früher bekannt als Rapper Gimma – von seiner Geburt bis zu seinem 33. Lebensjahr.

D‘ Story

Gian-Marco Schmid wurde am 5. März 1980 in Chur geboren. Obwohl seine Eltern die Geburt beide verpasst hätten – er betrunken in der Beiz, sie vollgepumpt mit Medis – rockte Gian-Marco das Krankenhaus. Er war sozusagen der Bob Marley unter den Babies; vif, aktiv und voller guter Stimmung.

Gute Stimmung verbreitet Gian-Marco heute noch. Das wird sofort klar, als er an der Buchvernissage vom 3. Dezember in Zürich die kleine Bühne des Jungen Literaturlabors (JULL) an der Bärengasse 20 betritt. Gian-Marcos dunkle Vergangenheit ist Geschichte. Im wahrsten Sinne des Wortes. Er hat mir ihr abgeschlossen. Seinen Frieden gefunden. Gian-Marco ist heute glücklich, sein Leben erfüllt.

Das war in seiner Kindheit anders. Gian-Marcos Eltern trennten sich – aufgrund des Alkoholkonsums seiner Mutter – als er sechs Jahre alt war. Danach ging es abwärts. Mit sieben Jahren regelmässige Platzspitz-Besuche mit der drogensüchtigen Mutter. Drogendealer gingen bei ihnen zu Hause ein und aus. Bis Gian-Marco im Alter von 13 Jahren selber begann, die daheim herumliegenden Drogen zu konsumieren. Und bald darauf in seiner Schule und im eigenen Wohnblock selbst zum Drogendealer wurde. Die Drogen veränderten Gian-Marcos Leben. Jedoch nicht nur negativ. Sein ADHS wurde durch das konsumierte Kokain im Zuge einer Wechselwirkung – ähnlich wie bei Ritalin – quasi «ausgeschaltet». Das Koks beruhigte Gian-Marco extrem und machte ihn zu einem «konzentrierten Ungeheuer» mit daraus resultierenden extrem guten schulischen Leistungen.

«Ich han si alli flachgleit. Natürlich au jedi Mengi Beruämtheita. (…) Müan nit unbeding guat usgseh. I han au dia Grusiga flachglait.»

Mit Acht wurde Gian-Marco vom Freund seiner Mutter aufgeklärt. Mit Hilfe eines Pornos. Ein gesundes Verhältnis zu Sex und Frauen konnte er nie entwickeln. Im Buch spricht Gian-Marco offen darüber: «Grundsätzlich han i eifach mol alles gfiggt, was uma gsi isch. (…) … eifach zum ina eimol dr Zipfel innaheba. Zum ina im Nochhinein säga könna: Luag, i hans gschafft, jetzt han i di pägglet und jetzt dörfsch wider hai in dis Kuahkaff.
Ich han si alli flachgleit. Natürlich au jedi Mengi Beruämtheita. Tagesschaumoderatorinna, Glanz & Gloria-Moderatorinna, Radiomoderatorinna vo jedem mittelgrossa Sender im Land. Natürlich au anderi Musikerinna. Müan nit unbeding guat usgseh. I han au dia Grusiga flachglait.»

Gian-Marco Schmid alias Gimma (Foto: zvg)

Gian-Marco Schmid alias Gimma. Foto: zvg

Gian-Marco wollte sein Leben schon ein paar Mal beenden. Das erste Mal als Kind: Durch das Trinken des Inhalts einer Shampoo-Flasche wollte er sich das Leben nehmen. Ausser schaumiger Kotze wurde allerdings nichts daraus. An das zweite Mal mit 24 Jahren kann er sich nicht mehr erinnern. Er weiss nur noch, dass ihn sein Psychiater in der eigenen Dusche liegend vorfand, in einem Meer aus Scherben und Rasierklingen. Bei seinem dritten Suizidversuch stand Gian-Marco auf der Kornhausbrücke und dachte, er könne fliegen. Seine Freunde konnten ihm aber glaubhaft versichern, dass dies nicht der Fall sei. Im Suizid-Wettbewerb zwischen Gian-Marco und seiner Mutter steht es zum Schluss seines Buches 3:3.

Eines machte Gian-Marco immer aus und sollte seine Zukunft stark prägen: die Musik. Mit 13 bekam er von Mutter und Grossmutter eine Anlage mit Mikro geschenkt. Von da an nahm er seine eigenen Lieder auf. Er überspielte Instrumentals von CDs auf Kassette oder nahm von Kassette zu Kassette auf und rappte gleichzeitig über das Mikrofon dazu. Gian-Marco war vom Klang seiner eigenen Stimme fasziniert und davon, sie aufnehmen und später anderen vorspielen zu können. Gian-Marcos grösster Wunsch war, seiner Mutter damit zu gefallen. Dieser Wunsch wurde allerdings schwierig zu erfüllen, als seine Mutter selbst zum Thema seiner Songs wurde.

Gian-Marcos Biographie ist in die Rahmengeschichte seines Selbstmordes eingebettet: Er stösst mit zehn Gift-Shots (diverse Drogen und Medikamente vermischt mit Tequila) auf zehn Personen und/oder Stationen seines Lebens an, um sein Leben schliesslich zu beenden.

Ds‘ Buach

Hinter dera Maska isches dunkel erschien am 23. November im Eigenverlag durch die Markenkern AG. Geschrieben ist es in Bündnerdialekt, genauer in «Khurerdütsch». Nach einer Woche waren bereits über 1000 Exemplare, und damit die Hälfte der Erstauflage, verkauft. Vermarktet wird das Buch aus rechtlichen Gründen als Semi-Biographie. De Facto ist es aber eine Biographie. Alles im Buch (bis auf den inszenierten Selbstmord in der Rahmengeschichte) ist tatsächlich so geschehen. Auf 96 Seiten erzählt Gian-Marco seine bisherige Lebensgeschichte.

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Eingeteilt ist das Buch in 31 Kapitel à je durchschnittlich drei Seiten. Die Geschichte wird durch Illustrationen von Nadia Hunziker – in Form von kleinen Zeichnungen und Texten, die aussehen, als ob jemand mit einem dicken Filzstift ins Buch gekritzelt hätte – aufgelockert und untermalt. Da zieren mal kleine Herzen als «Herzli» beschriftet, ein auf den Kopf gestelltes Kreuz mit dem Vermerk «oba» und «una» bezeichnet oder ein «Wix-Kekx» die Seiten. Zwischentitel wirken wie mit einem grünen Leuchtstift markiert, einige Zeilen wurden geschrieben und gleich wieder durchgestrichen. Die im Buch vorhandenen Farben sind weiss, schwarz und grün.

«Und dann über die Jahre, (…) haben mich immer mehr Leute darauf angesprochen, dass ich ein Buch darüber schreiben sollte, was ich alles erlebt habe.»

Bereits im Jahr 2006 fasste Gian-Marco den Entscheid, ein Buch zu schreiben:

«2006 habe ich das erste Mal gesagt, dass ich ein Buch schreiben möchte. Das war sozusagen auf meiner Bucket List. Ich habe mir aber viel Zeit gelassen. Ich wollte zuerst einen Roman schreiben, weil ich Musik machte. Ich dachte: Ich erzähle ja auch Geschichten in der Musik, also werde ich einen Roman erzählen. Und dann über die Jahre, durch das, was mir passiert ist, haben mich immer mehr Leute darauf angesprochen, dass ich ein Buch darüber schreiben sollte, was ich alles erlebt habe. Und ungefähr vor vier Jahren stand die konkrete Idee im Raum. Ich und der Literat Gion Mathias Cavelty sind zusammengesessen und fanden: Komm, wir machen das jetzt! Dann haben wir angefangen, konkret an einer Idee für ein Buch zu feilen. Das war vor vier Jahren und es hat dann die Zeit gebraucht, um die ganzen Texte zu entwickeln und es brauchte Zeit, um das Ganze abzuschreiben, was wir entwickelt hatten, und es hat Zeit gebraucht, um es zu redigieren. Und ja, die letzten vier Jahre haben wir an dem gearbeitet.»

Dr‘ Dialäkt

Die gewählte Sprache des Buches, «Khurerdütsch», ist sehr erfrischend und sympathisch (was vielleicht auch daran liegt, dass ich «Khurerdütsch» einfach «herzig» finde). Der Einstieg in den Dialekt ist für den Nicht-Kenner zu Beginn etwas gewöhnungsbedürftig. Der Nicht-Kenner wird ab und zu auf Wörter treffen, die er nicht auf Anhieb versteht. Im Kontext der Geschichte wurde die Bedeutung – zumindest mir – aber immer schnell klar.

«Im Schweizerdeutsch kann ich mich so ausdrücken, dass es für mich den Effekt erzielt, den ich mir in der Sprache wünsche.»

Bei der Lektüre hat sich in meinem Kopf eine bestimmte Aussprache der Wörter gebildet. An der Vernissage im JULL – die aus den Programmpunkten Buchdiskussion, Lesung, Raum für Fragen aus dem Publikum und anschliessender Signierstunde bestand – klingt die Aussprache von Gian-Marcos Dialekt jedoch teilweise ganz anders, als von mir Nicht-Dialekt-Kennerin ausgemalt.

Auf die Frage, warum Gian-Marco sich beim Schreiben seines Buches für Bündnerdialekt entschied, muss er lachen: «Das ist mega witzig, das ist ja die Frage, die man mir schon bei der Musik gestellt hat. Damals noch aus kommerziellen Gründen. Und jetzt wird mir die Frage aus kulturellen Gründen gestellt. Der Fakt ist halt einfach: Die Sprache, das ist eine, die ich beherrsche. In der ich modellieren kann, die ich mir gefallen machen kann, wie ich will. Hochdeutsch ist schon etwas schwieriger. Englisch geht gar nicht. Ich kann die Sprache zwar – ich kann auch Französisch und Italienisch –  aber im Schweizerdeutsch kann ich mich so ausdrücken, dass es für mich den Effekt erzielt, den ich mir in der Sprache wünsche. Auch eine gewisse Gewalt entwickeln oder Romantik oder Schönheit, ein bisschen Filigranität. Und das kann ich beim Bündnerdialekt, bei anderen Sprachen kann ich es nicht. Darum denke ich, ergibt es am meisten Sinn, mich in diesem Dialekt auszudrücken.

Es gibt übrigens konkrete Pläne, das Buch zu übersetzen. Die hochdeutsche Übersetzung ist sogar schon recht weit. Auf diese freue ich mich sehr, weil der Übersetzer, ein Freund von mir, auch aus dem Hip Hop-Umfeld kommt. Er ist aus der Berliner Szene und ein sehr guter Journalist. Ich werde zweimal nach Berlin fliegen, um die Übersetzung mit ihm zu machen. Wir haben auch Anfragen von einem kompetenten Übersetzungshaus in der Schweiz erhalten und es gibt Ansätze, das Buch in weitere Sprachen zu übersetzen. Aber ich glaube, anders als es auf Deutsch zu übersetzen, lohnt sich dann wahrscheinlich nicht.»

Dr‘ Rap

Die Sprache des Buches ist sehr melodiös und geht stellenweise in Rap über:

As isch dr Tag kho, wohni das ganza nüma ushalta
woni mit da Ernegia nüma kann huushalta
woni d Lebensbatteria nuno will usschalta
Exit-Strategia ufmacha an Wurf in da Urgwalta

Bruch dr Schnuuf pfiif us, brech zäma, Bruch-
-stella nüma kleba oder kitta,… Schnitt nümä näha
gsehna Zug nöchra, werfa Froga uf, lesa khönder
denn in Ziitiga dä Kerli will sterba wegam Blues

Angst voram Ver-säga, mini Nerva zwänzig Johr
zum bersta agstrengt gspannt wia dr Boda voram
Erdbeba, Chorus voller Erzengel vor mr holend
mini Handglenk zum zer-säga

Hinter dera Maska isch as dunkel

I lacha für eui, setza a Maska uf
legg a Maska ab, legg a Maska ah
Maska hinter Maskena

Gian-Marcos Vortrag seines Buches an der Lesung im JULL ist natürlich viel ein spezielleres Erlebnis als die eigene Lektüre der Geschichte. Liest Gian-Marco ein Kapitel aus dem Buch vor, so kommt der Rapper Gimma zum Vorschein. Aus diesem Grund frage ich Gian-Marco nach der Lesung, ob Pläne bestehen, sein Buch auch als Hörbuch zu vermarkten: «Ja, es wird ein Hörbuch geben. Wir haben allerdings von der ersten Firma, die uns ein Angebot gemacht hat, eine dermassen bescheuerte Offerte erhalten, dass die Idee dadurch ein bisschen zurückgeworfen wurde. Aber ein Hörbuch möchten wir eigentlich machen, ja. Was man konkret sagen kann, ist, dass es ein Theater zum Buch geben wird. Marco-Luca Castelly wird dieses Theater nächsten Herbst in Chur inszenieren.»

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Dr‘ Humor

Obwohl das, was Gian-Marco in seiner Kindheit erlebt hat, überhaupt nicht lustig ist, bringt einem das Buch immer wieder zum Lachen oder Schmunzeln. Gian-Marco erzählt seine Geschichte in einer zynischen, tragik-komischen Art und Weise. So wird auch die Lesung immer wieder vom Gelächter des Publikums unterbrochen. Animiert durch Gian-Marco, der selber oft an – teilweise unpassenden – Stellen des Buches lachen muss und die ganze Vernissage so zu einem heiteren Event macht. Überhaupt zieht er das Publikum sofort in seinen Bann seiner Präsenz. Gian-Marco ist lustig und sympathisch. Er macht keine Show und scheint – trotz des Buchtitels Hinter dera Maska isches dunkel – authentisch zu sein. Ein glücklicher Mensch, der zu seiner dunklen Vergangenheit steht, sie hinter sich gelassen hat und unverkrampft damit umgeht.

Passend zur Rahmengeschichte des Buches mit den zehn Todes-Shots, stösst Gian-Marco während der Lesung nach jedem Kapitel auf eine Person bzw. Station seines Lebens an. Ich frage ihn nach der Lesung, was der Inhalt dieser Shots war. Gian-Marco lacht: «Das war Braulio!» Da ich Braulio nicht kenne, bestellt Gian-Marco kurzerhand zwei Braulio-Shots für uns beide und wir stossen an. Gian-Marco erzählt: «Braulio kommt aus der Nordregion Italiens. Es ist ganz ein furchtbares Gesöff. Und den meisten Braulio-Absatz auf der Welt – neben Mailand – hat Chur. Das ist unser Hausgetränk. Wir trinken keinen Jägermeister mehr, dafür immer und überall Braulio.»

«Die Idee, das Leben an dem Moment zu beenden, wo man findet, es sollte beendet werden, finde ich wahnsinnig spannend.»

Kopfkrisana

Wie Gian-Marco in seiner Geschichte offenbart, stand er schon mehrmals in seinem Leben an dem Punkt, an dem er nicht mehr weiter wollte:

«Die Idee, das Leben an dem Moment zu beenden, wo man findet, es sollte beendet werden, finde ich wahnsinnig spannend. Ich habe mir oft in meinem Leben überlegt, ob etwas so extrem verschissen oder so extrem schön ist, dass es jetzt aufhören müsste. Ich habe sowohl oben als auch unten die gleichen Erlebnisse gehabt. Wenn etwas nicht mehr zu toppen ist, fragt man sich einfach, wie es noch weitergehen soll. Und wenn man ganz unten ist, fragt man sich, wie es noch weiter runtergehen soll. Und diese Gedanken habe ich relativ häufig. Die ganze Geschichte ist etwas, das mich begleitet und beschäftigt hat. Ich habe eigentlich immer wieder über das geschrieben. Ich war lange Zeit sehr destruktiv unterwegs, in allen Belangen. Irgendwann lässt das nach. Irgendwann findet man Dinge spannender oder lebenserhaltender oder schöner und kriegt eine ganz andere Perspektive.»

D‘ Familia

Gian-Marcos Vergangenheit ist dunkel, die Erlebnisse in seiner Kindheit erschreckend. Ich kann mir vorstellen, dass keiner der Protagonisten im Buch gerne an die dunklen Ereignisse zurückdenkt. Doch das Buch und die Geschichte sind jetzt öffentlich. Jeder kann schwarz auf weiss lesen, was in Gian-Marcos Kindheit vor sich ging. Jeder kann sich ein Bild über sein Leben und seine Familie machen. Doch was war die Reaktion seiner Familie? Haben seine Eltern das Buch gar schon gelesen?

Gian-Marco führt aus: «Ja, das ist ziemlich eine interessante Frage. Der Punkt ist der, die wollen es gar nicht lesen. Mein Vater etwa sagt mir ziemlich klar: Was in dem Buch steht, weiss ich. Ich muss es nicht lesen, um mich zu quälen. Es bringt mir nichts Neues. Meine Grossmutter ist recht ähnlich und meine Tante auch. Im Prinzip diejenigen, denen ich das Buch gewidmet habe. Wir haben die Geschehnisse oft genug privat diskutiert. Sie wissen, was im Buch steht und müssen es nicht lesen. Sie waren aber alle an der ersten Vernissage in Chur. Sie feiern, dass ich das Buch geschrieben habe. Aber sie wollen sich nicht damit auseinandersetzen. Mit etwas, was wir als Familie schon vor langer Zeit abgeschlossen haben. Und wirklich auch tatsächlich abgeschlossen haben, also inklusive mir.» Auf meine Rückfrage sagt Gian-Marco: «Natürlich habe ich Frieden geschlossen. Ich habe meiner Familie auch gesagt, was im Buch steht. Das habe ich alles vor Veröffentlichung des Buches mit ihnen besprochen. Wir mussten das auch. Wir mussten einige Dinge auch rechtlich abklären. Die Leute, die in dem Buch vorkommen, die wussten, was auf sie zukommt.»

«Ich mache viel lieber Lesungen als Rap-Konzerte, es ist viel angenehmer und funktioniert einfach besser.»

Ich frage Gian-Marco, ob es Mut brauchte, sein ganzes Leben der Öffentlichkeit zu offenbaren. Gian-Marco: «Nein, denn ich habe das eigentlich früher bei meiner Musik schon recht exzessiv gemacht. Das machte meine Songs auch aus. Also die Songs, die jetzt nicht superlustig waren. Bei diesen Liedern habe ich eigentlich immer Geschichten erzählt von dem, was ich erlebt habe und wusste. Viele Leute haben das nicht verstanden, viele Leute dachten auch, das sei ein Gimmick oder erfunden. Aber Tatsache ist halt einfach: Das ist alles passiert und das war die Basis meines Musikschaffens. Das hat damals schon funktioniert und ging auch schon in die Welt und nachher war das viel einfacher.»

«Ich werde auch oft gefragt, ob das Buch eine Art Therapie für mich war. Das war es aber ganz und gar nicht. Ich habe davor schon in meinen Liedern alles niedergeschrieben. Das Buch erzählt eigentlich nichts Neues, was nicht bereits Thema meiner Lieder war. Wenn man die Lieder gehört hat, dann hat man eigentlich alles schon einmal gehört. Im Buch ist es einfach viel konzentrierter und es ist irgendwie viel angenehmer, damit vor die Leute zu stehen. Die Leute akzeptieren das. Du kannst vor den Leuten lesen; das kannte ich davor nicht. Ich meine, ich habe das Publikum früher als Gimma nicht ruhig gekriegt. Und jetzt mache ich Lesungen und finde es ansprechender, auch für mich als Typ. Ich mache viel lieber Lesungen als Rap-Konzerte, es ist viel angenehmer und funktioniert einfach besser. An den Rap-Konzerten musstest du auf einen Schlag 10 000 Leute oder 5000 Leute oder nur schon 1000 Leute begeistern. Und an einer Lesung hast du einen Raum von 50 bis 100 Leuten, die es auch interessiert, was du machst. Diese Leute kommen wegen dir an die Lesung und wollen nicht danach noch 17 andere Bands sehen. Sie kommen an eine Lesung und haben eine entsprechend andere Erwartungshaltung. Die erwarten von dir eigentlich etwas, das inspiriert. Bei dem Gedanken stattfinden dürfen, die komplexer sind.»

S‘ Zitat

Was sagen andere Autoren zu Gian-Marcos Buch? Das Zitat der Autorin Romana Ganzoni gefällt mir persönlich sehr gut und ist bezeichnend für die Geschichte: «Kräftige Schilderung der aussergewöhnlichen Kindheit und Jugend eines hochbegabten Underdogs in der Provinz, die überall sein könnte auf dieser seltsamen Welt voller Mütter und Väter und Kinder, in eigenwilliger Sprache, überraschenden Wendungen und starken Metaphern, bewusst unaufgeräumt und gnadenlos, zum Teil heftig rhythmisiert, ein Drogen- und Antidrogenepos für die Westentasche, Notfallration für Desperados, zu Tröstende oder solche, die bisher keinen Zugang zu diesen Welten hatten, streckenweise mit liturgischen Drall.»

Ds‘ Fazit

Ich habe Gimmas Musik nie gehört, kannte seinen Namen bisher nur am Rande. Aus früheren medialen Skandalgeschichten und aufgrund seines Hits (oder Unhits) Superschwiizer.

Doch Gian-Marcos erstes Buch Hinter dera Maska isches dunkel hat für mich alles verändert. Es hat mich berührt, Gian-Marco hat mich berührt. Obwohl ich Gimma (oder Gian-Marco) weder musikalisch noch sonst irgendwie zu kennen glaubte, habe ich durch die Lektüre seines Buches das Gefühl, ihn kennengelernt zu haben. Ich bewundere seine Offenheit, welche sich durch sein ganzes künstlerisches Schaffen zieht. Schon in seinen Songs ging es immer um sein Leben und seine Erlebnisse. Er musste nie Geschichten erfinden, um sich interessant zu machen. Es ist erstaunlich, wie er mit seiner Vergangenheit, die manch einem Filmdrama in nichts nachsteht, umgeht. Gian-Marco strahlt eine erfrischende Fröhlichkeit, Offenheit und Ehrlichkeit aus, von der sich manch einer eine Scheibe abschneiden könnte. Gian-Marco alias Gimma hat mit seiner dunklen Vergangenheit abgeschlossen. Er hat sie an zehn Gift-Shots sterben lassen.