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Nach der Tour durch Deutschland mit Diary of Dreams spielten The Beauty of Gemina auch zwei Akustik-Konzerte in voller Länge. Negative White war in Mels vor Ort und weiss, weshalb das Alte Kino ein ganz besonderer Ort für die Band ist.

17:00 – Soundcheck

Das Negative White-Team kommt beim Alten Kino in Mels an. Die Band befindet sich mitten im Soundcheck. Manager Markus Meier begrüsst uns und erklärt, dass es einige Schwierigkeiten mit dem Klavier gegeben hat. Nun wird das Mikrophon von Sänger Michael Sele eingestellt. Ein Gänsehautmoment, wenn Sele die Songs nur mit seiner durchdringenden Stimme vorträgt und die gesamte Instrumentalisierung im eigenen Kopf entsteht.
Die Band und die Crew sind äusserst konzentriert. In der Luft liegt Anspannung. Das Alte Kino ist für die Band oftmals Proberaum. Viele Erinnerungen leben hier auf. Dashalb geht der Perfektionismus bis ins kleinste Detail, wenn es um die Auswahl des Mikrophons geht:

„Klingt das andere nicht ein Tick besser?“

Sorgfältig wird an den Reglern geschraubt, denn es besteht die Gefahr, dass das ganze Arrangement von den Drums geschluckt wird. Ein Kinosaal ist nicht für die feinen Klang-Nuancen eines Akustik-Konzerts ausgelegt. Markus ist aber mit dem Sound zufrieden.

17:30 – Die Violine

Aus den Lautsprechern summt und brummt es unangenehm. Liegt es am Kabel? Die Ursache für die Störung wird eifrig gesucht. Ein Konzert kann man noch so gut durchplanen, es läuft nie optimal. Irgendwie klappt es trotzdem immer.
Die Violinistin Rachel M. Wieser ist nervös. Die Gastmusikerin spielt zusammen mit Sele, der sich ans Klavier setzt. Ein dramatischer Soundtrack zur voranschreitenden Zeit. Der Druck auf die Musiker ist spürbar. Wird alles rechtzeitig funktionieren?

Einige Songs werden komplett durchgespielt, um alles nochmals zu überprüfen und Unsicherheiten auszumerzen. Es klingt bereits fantastische, auch ohne stimmige Bühnenbeleuchtung. Im Hintergrund prangt ein grosses Banner mit einem der Iscariot Blues-Raben.

Am Merch-Stand steht nun Markus bei Stefanie und diskutiert über die vorhandene Menge der Artikel. Wer nimmt was zu sich nach Hause mit und wie kommen die Shirts nach Winterthur, wo die zweite Show stattfinden würde?
Das Alte Kino ist eine regionale Kulturplattform. An den Wänden kleben Plakate von bekannten Künstlern und Bands wie Patent Ochsner oder den Lovebugs. Und heute war mit The Beauty of Gemina an der Reihe, die bereits international Beachtung gefunden hat. Besondern schön ist das Lokal nicht, es ist die geographische Lage, die den Abend so speziell macht. Sele kommt aus Sargans, der neue Gitarrist Marco Gassner aus Liechtenstein. Es werden viele Verwandte und Freunde anwesend sein.

18:00 – Anspannung

Die Stimmung im Saal ist geladen. Bei Bassist David Vetsch äussert sich diese Anspannung am offensichtlichsten. Drummer Mac Vinzens spielt nervös mit seinen Drumsticks. Das Violinen-Mikrophon ist anspruchsvoll. Es werden belegte Brötchen als Zwischenverpflegung gebracht. Funktioniert endlich alles? – Nein, der Laptop mit den Stimmeffekten ist abgeschmiert. Michael Sele muss nochmals vorsingen. Auch er versucht spürbar, die innere Ruhe zu bewahren. Sich jetzt aufzuregen, würde zu viel negative Energie freisetzen. Marco Gassner ist verstummt. Es ist seine erste Schweizer Show mit den Beauties.

Der Start der Show wird geprobt. Wie sollen die Lichteinstellungen sein? Wer kommt wann auf die Bühne? Die Crew vom Alten Kino bereitet die Sitzplätze vor. Danach zieht sich Markus mit der Band zurück. Wir gehen ins nahe Einkaufszentrum.

20:00 – Türöffnung

Erneute fahren wir vor dem Ort des Geschehens vor. Uns empfangen blinkende Warnschilder und Männer in orange leuchtenden Overalls, die uns einweisen. Grossanlass The Beauty of Gemina? Unseren Parkplatz direkt beim Alten Kino haben wir verloren.
Im Eingangsbereich zwängen sich die Leute von der Bar zu Toilette und zum Saal. The Cure untermalen die Szenerie. Vorwiegend hat sich ein älteres Publikum eingefunden. Stimmt also die These, dass sich vor allem Bekannte auf den Stühlen sitzen werden?

21:00 – Das Konzert

Michael Sele betritt die nur schummrig beleuchtete Bühne, setzt an zu einem Klavier-Intro. Ein leichtes Surren dringt aus den Boxen, schade. Das Intro zieht sich hin, das Publikum ist gespannt und bereit. Sele schaukelt auf, verstrickt sich in ein wild wirbelndes Spiel. Dann, wie ein Paukenschlag, stösst die Bassdrum von Mac Vinzens durch die Melodie und leitet über zu Narcotica. Die akustischen Beauties klingen neu und unverbraucht. Lediglich die Spielweise von Vetsch und Vinzens erinnert mit ihrer dumpf-düsteren Stimmung an den hypnotischen Gemina-Sound.
Amüsante Bemerkungen von Sele zwischen den Songs. Bei aller Düsternis ist lachen auch hier erlaubt. Golden Age trabt davon, zieht das Konzert mit federleichten Sprüngen und ungewohnt hellen Klängen weiter. Es folgt Hunters, ein unkonventionelles und vor allem sehr sperriges Stück Musik aus dem Debüt Diary of a Lost. In der akustischen Adaption kommt es mit schwer stampfenden Klavier-Schritten heran. Der Jäger naht, langsam, aber es gibt dennoch kein Entkommen! Wo bei Rock-Shows ein virtuoses Gitarren-Solo ansteht, besticht nun ein langes Instrumental. Selbst jetzt vermag die Furcht, die der Song transportiert, seine kalten, dünnen Finger in den Raum ausstrecken.
Die Musiker auf der Bühne sind Könner, die Anspannung scheint auch bei Violinistin Rachel verflogen zu sein. Das frische Gewand der Songs macht das Konzert besonderns aufregend und abwechslungsreich. Als ob man die Band zum ersten Mal sieht und nicht weiss, was kommen mag.
Suicide Landscape gewinnt in Mels nochmals an Relevanz, handelt der Song doch genau von jenen Bergen, die uns in diesem Moment umthronen. Vom Sarganserland, eine der Regionen mit den höchsten Suizidraten. Im Mittelteil ihres ersten Hits vollführen The Beauty of Gemina eine tragische Steigerung in das zügellose Bedauern, unterstrichen von hemmungsloser Violinen-Akrobatik: „Grew up in this shadowland/ with this suicide landscape/ where the black birds are singing/ where the black birds are falling down“
Weniger spannend waren die Interpretationen von In Silence und Stairs, weil diese Stücke bereits im Original auf akustischen Elementen aufbauen. Dafür folgte mit Dark Rain wohl einer der absoluten Höhepunkte in der Schaffenszeit der Band. Beschleunigt, treibend und vorwärts stürmend. Querfeldein durch die texanische Einöde wie eine heftig schnaufende Lokomotive. Ein kleiner Fehler in der filigranen Gitarrenmelodie fällt sofort auf. Der dunkle Regen fällt noch nicht, denn trotz der wavigen Wurzeln mutet die Gitarre spanisch oder mexikanisch an. Ein leichter Hang zum Country lässt sich nicht absprechen. Der Gemina-Tross dampft unbeirrt weiter, dahinter folgen die Gewitterwolken. Das Schlagzeug donnert schon.

Last Night Home schliesst das Set ab und das Publikum dankt mit Standing Ovations. Zu Recht. Doch der Abend ist noch nicht vorbei, denn es folgen nicht weniger als drei Zugabenblöcke. Äusserst interessant gestaltet sich die transportierte Version von The Lonesome Death Of A Goth DJ. Das Original, erschienen auf A Stranger To Tears, ist von elektronischen Elementen dominiert, geeignet für die Tanzflächen der Schwarzen Szene mit seinen repetitiven und bedrohlichen Hypnotik. Spätestens hier wird dem letzten klar, dass „akustisch“ keineswegs „sanft“ und „lieb“ bedeuten muss.
Mit Dark Revolution setzte die Band zu einer Rede an, die die eigene Existenzberechtigung untermauert. Die Erkenntnis, dass bisherige Moralvorstellungen gescheitert sind – „feel the death of God“ –, bereitet den Weg für die „dark revolution“ und ermöglicht einen verheissungsvollen Neubeginn.
Nach dem obligaten Colours of Mind, dem Song, der sich als Konzertschluss etabliert hat, kehrt Sele nochmals alleine auf die Bühne zurück. Er greift zur Gitarre und präsentierte den Anwesenden mit Listening Wind ein grossartiges Cover der Talking Heads.

22:45 – Ende

Kurz nach dem Konzert begeben wir uns mit Markus‘ Segen hinab in den Backstage-Bereich. Es ist ein enger Raum, die Wände mit den gleichen Plakaten beklebt wie der Eingangsbereich. Vor dem grossen Spiegel liegt Rachels Violine, daneben ein paar T-Shirts, Taschen, einige, leere Bierflaschen und halbvolle Pappbecher. Erschöpfung hängt im niedrigen Raum. Die Band zieht sich in eine Ecke zurück und bespricht ihren Auftritt. Fehler werden angesprochen. Es sind solche, die das Publikum wohl gar nicht bemerkt hat. Diese Analyse ist wichtig, wenn bereits am Tag darauf die nächste Show ansteht. Viel Zeit zur Korrektur bleibt nicht. Michael kürzt ab und drängt die anderen aus der geschützten Zone zum Publikum.

Jetzt ist es richtig eng. Einige Raucher stehen in der Kälte vor der Tür, doch der Grossteil genehmigt sich noch ein Getränk und wartet auf die Bandmitglieder. In der Tat, es sind viele den Musikern vertraute Gesichter hier. Doch der Abend ist komplett ausverkauft. Es sind viele Neugierige und alteingesessene Fans hier. Die Beauties lassen die eigene Konzertkritik ruhen und begeben sich in das Bad in der Menge, lassen sich auf anerkennend auf die Schulter klopfen und üben sich in Bescheidenheit.

Wir verabschieden uns bald. Es gibt nichts mehr zu sehen, die Band gehört jetzt ganz ihren Fans.

Setlist

01. Intro
02. Narcotica
03. Voices of Winter
04. Golden Age
05. Hunters
06. Obscura (Violine)
07. Suicide Landscape (Violine)
08. In Silence
09. Stairs (Violine)
10. Dark Rain
11. One Step to Heaven
12. Rumours
13. Last Night Home
14. Kingdoms of Cancer (Violine)
15. The Lonesome Death Of A Goth DJ
16. Dark Revolution
17. Colours of Mind
18. Listening Wind

Reportage von Janosch Tröhler und Nicola Tröhler

Fotos Backstage

Fotos Konzert