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Es kommt selten vor, dass man an ein Konzert in einer Höhle eingeladen wird. Neugierig wie wir sind, mussten wir der Einladung einfach folgen und was wir vorfanden, darüber berichten wir im Folgenden.

Machen auch unter Tage eine gute Figur: Spencer (Sacha Saxer)

Machen auch unter Tage eine gute Figur: Spencer (Foto: Sacha Saxer)

Von Leo Niessner und seiner Band Spencer ist man sich ja schon einige skurrile Aktionen gewohnt. Gitarreneinlagen auf den Knien auf gepflästerten Kirchenvorhöfen – been there, done that. Der Leo ist einfach die Rampensau par Excellence. Und wenn er an ein Konzert in einer Höhle einlädt, da muss man einfach hellhörig werden. Ein Band, die live immer wieder von neuem zu Überzeugen vermag, in einer ziemlich speziellen Location? Klare Sache, der Abend ist somit verplant
Unterkulm AG liegt jetzt nicht gerade am Nabel der Welt, nicht mal der Schweiz, aber dennoch kommt man da auch mit ÖV gut hin und bis zur Höhle sind’s dann auch nur noch knapp fünf Minuten Fussmarsch – zehn, wenn man’s lieber etwas gemütlicher angeht. Eine bessere Ausschilderung wäre allerdings hilfreich gewesen, doch mittlerweile hat ja fast jeder ein Taschenhirn, auch bekannt als Smartphone, und so war das Finden der Location keine Hexerei.
Was gleich ins Auge sprang, war die räumliche Begrenztheit der Lokalität. In der Mitte der kleinen Höhle steht sich ein Grill, der den Raum schon mal zweiteilt. Im hinteren Bereich befindet sich die Bar mit ein paar Sitzgelegenheiten und vorne dominiert die «Bühne», insofern man von Bühne sprechen darf. Die ist nämlich ebenerdig und steht zwischen Eingang und Rest der Location. Somit kommt es durchaus öfters vor, dass sich jemand auf dem Weg von und zum Klo quer durch die grad spielende Band kämpfen muss. Ich kenn echt keine andere Location, wo so etwas passieren kann.

Auch wenn die durchaus spezielle Location das Ihre zum Reiz des Abends tat, waren die Besucher aber doch vor allem für zwei Dinge nach Unterkulm gepilgert: Spencer und Stranded Heroes. Den Auftakt machten die Jungs von Spencer, die wir so schätzen, dass wir sie auch als Mainact an unsere Party im Komplex Klub eingeladen hatten. Das Quartett aus Baden ist bekannt für seine exzentrischen Shows und auch die beinahe klaustrophobischen Verhältnisse der Unterkulmer Höhle konnten Leo nicht davon abhalten, quer durchs Publikum zu wandern – natürlich während er live spielte – und zu zeigen, dass er Musik mit jeder Faser seines Körpers lebt. Er gehört zu der Sorte Musiker, die man einfach live gesehen haben muss, um auch nur ansatzweise die Chance zu haben, seine Leidenschaft für Musik zu verstehen. Neben ihm wirken die übrigen Spencers direkt zahm, aber Päsche gibt hinter dem Bass alles, um Leo nicht zu weit nachzustehen. JP und Reto sind durch ihre Instrumente etwas gebundener, und wahrscheinlich auch ganz froh darüber, nicht im gleichen Masse die Bühne rocken zu müssen. Sie verlassen sich lieber auf ihr Können an ihren jeweiligen Instrumenten, und das spricht auf jeden Fall für sich.

Von Stranded Heroes konnte ich leider nur die ersten vier Songs hören, da ich danach schon wieder weiter musste, doch diese kurze Zeit alleine genügte mir, ein sehr positives Bild der Band machen zu können. Eine bis dato mir noch völlig unbekannte Band kann eigentlich nur zwei Sachen machen: Mich völlig überzeugen oder mich wissen lassen, wieso ich vorher noch nichts von ihnen gehört habe. Um es gleich vorweg zu nehmen, es war nicht letzteres. Das Quartett spielt dreckigen Rock’n’Roll mit Indie-Einschlag, doch es ist nicht die musikalische Qualität der drei Jungs alleine, die mich gleich von Beginn an zu überzeugen vermochte. Der Moment, als der erste Ton aus der Kehle von Anja Bolliger erklang, war mir klar, dass ich von dieser Truppe noch ganz viel erwarten darf. Ihre Stimme liegt von der Klangfarbe her zwischen Gwen Stefani und Nicole Kammermann (Redwood), und auch die Musik passt wunderbar zwischen No Doubt und Redwood. Live kommt dann immer wieder mal ein Hauch Amy Winehouse dazu. Einfach grossartig. Die Band arbeitet gerade an ihrem neuen Album, das im Verlauf des Jahres erscheinen soll – nähere Angaben wollten sie noch nicht machen – und über welches wir hier auf Negative White auf jeden Fall berichten werden. Bis dahin lohnt es sich, ins Album Metamorphin reinzuhören.

Dieser Abend war wieder einmal ein Paradebeispiel dafür, dass es gerade die kleinen Konzerte sind, die einen ganz speziellen Eindruck hinterlassen. So war das neue Jahr knapp mal vier Tage alt, aber – und ich bin mir sicher, dass ich dabei den Mund nicht zu voll nehmen – dieses Konzert wird eines der kultigsten des Jahres sein. Bands, die mit so viel Leidenschaft spielen, dass ihr Equipment so in Mittleidenschaft gezogen wird, dass sie Hilfe vom – im übrigen sehr aufmerksamen und aktiven – Mischer Roli, der sich immer mal wieder beinahe über die Bühne legte, um am wegen des mangelnden Platzes nicht optimal platzierten Mischpults für ausgewogenen Sound zu sorgen, benötigten. Gerade Leo war mehr als froh um zwei helfende Hände, wenn sich mal wieder der Gurt seiner Gitarre während seinen berüchtigten Einlagen löste, und er die seinen zum Spielen brauchte. Auch die Location, bei welcher an der Bar das Vertrauensprinzip gilt – Bestell deine Getränke und  bezahl, was du dafür bereit bist – trug einen wesentlichen Anteil zur Atmosphäre des Abends bei. Dass die beiden Auftritte dann auch noch besser klangen als manch andere Konzerte, die wir in den letzten Monaten besuchen durften, war dann noch das sprichwörtliche Tüpfelchen auf dem I.

Das Musikjahr 2014 hat auf jeden Fall schon mal grandios angefangen, und wir sind gespannt, wohin es uns führen wird.