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«High-Rise» ist ein tiefgründiger Film, der bisweilen verstört. Es geht um soziale Kämpfe und die Rolle des Einzelnen in der Gesellschaft. In der Hauptrolle spielt Tom Hiddleston einen Psychologen, dessen anständige Fassade im Laufe des Films Risse kriegt – aber die sind noch nichts im Gegensatz zu den Rissen in der Hausfassade.

Das Hochhaus ist ein Spiegel der Gesellschaft.

In den unteren Etagen, wo wenig Licht hinkommt, findet man gescheiterte Existenzen, Working Poors, Familien mit vielen Kindern, Leute mit Schulden. Etwas höher wohnen jene, die von ihrer Arbeit besser leben können, so auch der Psychologe Laing.

Ganz zuoberst findet man die Reichen und die Schönen, den Architekten des Hauses, seine Frau, ihr Pferd, Filmstars und Geldadel.

Dieses Abbild der Gesellschaft würde nur halb soviel Spass machen, wenn es nicht auch unsere Probleme spiegeln würde. Als im Hochhaus der Strom ausgeht, setzen erste Randalen ein. Als Zuschauer bekommt man praktisch ständig den Spiegel vorgesetzt: Die erwarteten Versorgungsengpässe im hochhauseigenen Einkaufszentrum werden erst als Sinnbild für Hunger gelesen, der nun einmal die unteren Etagen trifft. Dann begreift man, dass es vor allem an Alkohol mangelt, während Früchte in ihren Verpackungen verrotten.

Was sich als Nahrungsmittelknappheit präsentierte, ist unter dem Strich ein Luxusproblem – vorerst. Denn während sich Partys und Kämpfe immer mehr zuspitzen, werden Frauen zum Zahlungsmittel und eine Dose Wandfarbe ein Grund für eine Schlägerei. Das einst so elegante Hochhaus ist verwahrlost; zwischen Müllsäcken, die keiner mehr abholt, liegen Tote und ein funktionierender Fernseher, der seine News dem Abfall erzählt.

Und mittendrin will ein Vergewaltiger eine Doku über das Hochhaus drehen, weil die ersten Leichen nicht die Polizei auf den Plan riefen…

Schwere Kost aus einer grossen Feder

High-Rise ist schwere Kost. Der Film spielt auf verschiedenen Ebenen. Objektiv geht es um einen Therapeuten, der sich in die Intrigen seiner Nachbarn verstricken lässt, und um eine Mini-Siedlung, in der das Zusammenleben scheitert, weil die einzelnen Parteien zu wenig Rücksicht aufeinander nehmen und weil die Ressourcenverteilung stockt.

Auf einer unterschwelligeren Ebene kulminieren diverse soziale Probleme. Da ist die vergewaltigte Prostituierte, die ihrem Peiniger eine Dose Hundefutter zum Frühstück serviert, weil nichts anderes mehr da ist, und die in den Armen der gehörnten Ehefrau Trost findet. Verzärtelte Haustiere werden geschlachtet, als den obersten Etagen die Nahrungsmittel ausgehen. Alle rauchen, alle trinken und scheinbar schläft jeder mit jedem. Nur die Opportunisten kommen weiter.

High-Rise ist eine Romanverfilmung des gleichnamigen Werks von J.G. Ballard. Der britische Autor ist unter Science Fiction-Fans kein unbeschriebenes Blatt. Zu seinen berühmtesten Werken gehören Das Reich der Sonne oder Die Betoninsel.

High-Rise polarisierte bereits bei seiner Premiere in Toronto. Nun kommt der Film mit Tom Hiddleston in der Hauptrolle auch in die Schweizer Kinos. Wer eine Abwechslung von den Blockbustern mit ihrer geleckten Ästhetik und ihren vorhersehbaren Enden möchte, der ist mit High-Rise gut bedient. Ein Feelgood-Movie ist der Film allerdings nicht. High-Rise regt zum Nachdenken an.