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Das feste Rollenbild zu männlichen und weiblichen Stereotypen ist in den letzten Jahren ins Wanken geraten. Was in den Medien als neue Offenheit zelebriert wird, ist im Underground schon lange normal: Die Linie zwischen den Geschlechtern kann verwischen. Negative White war in Leipzig und hat mit bunten Gestalten gesprochen: über Sex, Make-Up, Fetisch, die Gesellschaft und wie man sich Titten macht.

Es gab sie schon immer: Männer in Frauenkleidung und natürlich auch Frauen in Männerkleidung, (aber um die macht man weniger Rummel). In den letzten Jahren hat das Thema aber massiv an medialer Präsenz gewonnen: Dragqueens gewinnen Music Awards, Prominente outen sich als Transgender.

Und irgendwo dazwischen befinden sich Crossdresser, Cosplayer oder einfach auch Zeitgenossen, die sich nicht an die Konventionen der Kleiderordnung halten möchten. Für Aussenstehende ist dieses Phänomen bisweilen unüberschaubar. Was ist sexuelle Identität, was Show, Spiel oder Fetisch?

Dragqueens assoziieren wir mit Bühnen, Transgender mit Operationen. Männer, die sich aus Jux in ein Ballkleid schmeissen, gelten an der Fasnacht als witzig, an allen anderen Tagen im Jahr als seltsam. Oder als harmlose Crossdresser. Oder eben doch nicht als ganz harmlos, weil die alten Vorurteile leider nicht so schnell verschwinden.

War ein Mann in Frauenkleider früher generell einfach nur schwul, so haben sich am WGT schon immer gerne Herren in Damengewandung getummelt, die nicht in die gängigen Schubladen passen. Sah man früher aber viele im Gothic-Lolita oder Fetisch/Submissiv-Stil, so präsentierten sich dieses Jahr viele Herren elegant, im Seidenkorsett und mit bauschenden Röcken.

Die Gründe, warum man sich für bestimmte Kleidungsstücke entscheidet, sind natürlich immer individuell. Trotzdem lassen sich Tendenzen wahrnehmen.

Viele der Herren in Damenkleidung erwiesen sich als Cosplayer. Ein herausragendes Beispiel war der junge Brite Mike. Nicht nur gab der grosse junge Mann auf seinen Plateaus eine beeindruckende Figur ab, er verkörpert auch eine interessante Geschichte: Mike hat an der Produktion eines Games mitgewirkt und cosplayt nun einen der Charaktere.

virtuell und real: Mika Clark (Foto: Evelyne Oberholzer/Bitmap Bureau)

Virtuell und real: Mika Clark. Foto: Evelyne Oberholzer/Bitmap Bureau

Dagegen traf ich auf viele Männer, die ich hier unter dem Pseudonym Max Meier zusammenfasse. Max ist über vierzig, teilweise auch deutlich älter. Er möchte nicht, dass sein Name oder sein Gesicht öffentlich präsentiert werden. Er betont häufig sehr schnell, dass er heterosexuell ist, manchmal zeigt er einen Ehering. Überdurchschnittlich oft ist Max in der Industrie tätig, hat einen technikaffinen Beruf. Auf die Frage, warum er diese Kleidung trägt, antwortet er ausweichend mit «weil es mir gefällt» oder «weil die Stoffe schön sind».

Max wirkt häufig wehmütig. Ich frage mich, ob er Angst hat, dass ich ihn für schwul halte – und damit auch automatisch, ob er es vielleicht ist. Aber vielleicht ist Max auch einfach ein verheirateter Mann, der Seide und Satin mag (wer’s je getragen hat, der kann’s ihm nicht verdenken) und keinen Bock hat, mit mir zu reden.

Dagegen ist Sandra Fessler ein offenes Buch. Hinter dem Pseudonym verbirgt sich ein Mann mit der Statur eines Schranks. Ich treffe ihn im Café in der Agra-Halle. Ihm gegenüber sitzt seine Frau.

Frauenkleider sind viel schöner: Sandra Fessler am WGT. Bild: Evelyne Oberholzer

Wenig Anfeindungen

Sandra trägt eine rosa Perücke, ein Krönchen und ein Spitzenoberteil. Das Gesicht ist filigran geschminkt, mit veränstelten Tränenspuren auf den blassen Wangen und Strasssteinchen über den Wimpern. «Ich bin untypisch», deklariert Sandra, «denn ich bin keine Transvestitin.»

Negative White: Warum trägst du Frauenkleidung?

Sandra Fessler: Weil es die schöneren Kleider gibt, gerade für so ein Festival. Ich mag die Mischung aus Gothic und Lolita, und das gibt’s für Männer gar nicht. Es gibt aus dem Manga-Bereich schon diesen Lolita-Look für Jungs, aber am Schluss läuft es immer auf dasselbe raus: Hose und Hemd. Als Frau hast du da viel mehr Spielraum.

Bist du schon angefeindet worden?

Ja, wir hatten mal ein Leipzig im Türkenviertel. Die haben das einfach nicht verstanden. Angefeindet ist etwas viel gesagt, aber sie kamen halt sehr nahe. Besoffene reagieren auch bisweilen sehr unflätig. Ein Punk wollt mir neulich den Hut wegreissen… aber wirklich krass ist’s nicht. Ich höre Sprüche wie «Transe!» Oder oder «Du bist doch kein Mädchen!», aber ich blende das in der Regel aus. Mir geht’s nicht um Komplimente oder Anecken – ich mache das für mich.
Ich kenne viele Transvestiten, habe auch schon bei einer Miss Dragqueen-Wahl mitgemacht – das sind irgendwie völlig andere Typen. Die wollen so leben. Ich mag es, wenn es changiert. Mal Frau, mal Mann.

Dem würde Alexa wohl zustimmen. Die Berliner Dragqueen war am Montagabend in der Moritzbastei im androgynen Look unterwegs. Als heterosexueller Mann habe man als Dragqueen einen komplizierten Stand: «Es fällt mir schwer, Dragqueens kennenzulernen, denn wenn die merken, dass ich nicht mit ihnen ins Bett will, werden die schnell reserviert.»

Alexa bezeichnet sich zu «80 Prozent Mann, 20 Pronzent Frau»:

«Ich ab schon in meiner Kindheit angefangen, mich damit zu identifizieren. Es turnt mich an, als Frau rumzulaufen, ich bin sozusagen eine lesbische Dragqueen. Eine Partnerin zu finden und zu behalten, ist für ihn schwierig: Als Dragqueen auf Parties habe habe ich ständig Komplimente bekommen. Das ist ein Kick. Als Kerl in Turnschuhen und Jeans kommt ja keiner und macht dir Komplimente. Als Dragqueen kommt jeder, kleine Mädchen, Bodybuilder-Typen, alte Männer – meine Freundin ging total unter. Zudem zwingt der Rollentausch deinen Partner in die Position des andern Geschlechts: Als Dragqueen trägt Alexa hohe Schuhe und lange Nägel. Treppen kommt sie nur langsam runter, Türen müssen ihr geöffnet werden. Mit dieser Art des Kleidungsstils wird die Frau hilfsbedürftig – für eine emanzipierte Partnerin kann das schwierig sein.»

Spielt mit Rollenbildern: Alexa Marquise. Bilder: Alexa Marquise / Christian Saladin

Do-it-yourself-Frauenkörper

Für ihre Leidenschaft nimmt Alexa einiges auf sich. Vor dem Gespräch mit ihr dachte ich, die meisten Dragqueens würden sich einfach einen Push-Up-BH anziehen und darüber ein Kleid tragen. Von Alexa erfahre ich die Geheimnisse der temporären Umwandlung. Hinter Alexa verbirgt sich ein grosser, schlanker Mann. Etwas Speck, mit dem er einen Männerbusen in einen BH stopfen könnte, hat er schlicht nicht. Also hilft er sich anders:

Negative White: Wie macht man sich einen Busen?

Alexa Marquise: Die Brust muss gut rasiert sein, und danach reinige ich sie noch mit Alkohol. Dann nimmst du Panzertape und drückst mit dem Klebeband alles zusammen. Ich brauche meistens 3 Lagen Tape, bis in der Mitte der Brust ein kleiner Schlitz entsteht. Es folgt ein Push-Up mit A-Cups, die du ausstopft. Darüber trägst du den eigentlichen BH in Grösse C, den du mit dem Panzertape am kleineren BH fest macht. Zuletzt wird das Dekollté geschminkt: zuerst die Grundierung, dann das Puder.

Und wie machst du dir Hüften?

Als Mann hast du ja gerade Hüften und der Po ist kleiner. Für das zusätzliche Volumen und die Rundung habe ich mir Schaumstoffplatten aus dem Baumarkt geholt. Diese habe ich mit einem scharfen, erhitzten Cutter zurecht geschnitten. Weil das unnatürlich aussieht, trage ich darüber 6 oder 7 Paar Strumpfhosen. Und den Penis binde ich weg – das tut weh, aber man gewöhnt sich daran.

Dragqueen ist für Alexa ein Fetisch: «Es ist sexy, aber ich bin immer noch ein heterosexueller Mann und ich würde mich freuen, eine Partnerin zu finden, die diese Leidenschaft teilt.»

Fetisch Frauenkleidung

Das Thema Erotik ist auch bei einem älteren Herrn im eleganten gestreiften Kostüm wichtig. Als Zofe Daniela ist sie europaweit in der BDSM-Szene bekannt, Daniela ist sozusagen ein Urgestein.

«Ich war wohl eine der ersten öffentlichen Zofen. Ich habe dann fest gestellt, dass die Leute auf mich zugekommen sind, hab nie Negatives erlebt, egal ob in München oder Spanien. Selbst auf türkischen Partys kam ich sehr gut an. Aber man muss das auch mit Stil machen – nackig rumlaufen geht gar nicht.»

Auch Alexa spricht nur von positiven Erfahrungen. Früher sei er sehr schüchtern gewesen, und jetzt mache er die Erfahrung, dass die Leute sehr offen sind.

Zofe Daniela, die deutlich älter als Alexa ist, hat tieferen Einblick. Es mangelt nicht an offenem Verhalten im ersten Moment, aber die Leiterin eines BDSM-Forums hat schon oft erlebt, dass sich viele nicht trauen, ihre Fantasien in die Realität umzusetzen.

Obwohl sich auf einer Internetplattform mehrere 10’000 Interessierte eintrugen, erschienen zum Zofen-Treffen in Berlin gerademal zwölf Personen. Daniela meint dazu: «Damals war das enttäuschend. Heute sehe ich das skeptischer, denn wenn es zu oft in den Medien kommt, wird’s Mainstream – will ich Mainstream sein? Will ich da mitmachen? Die Szenen vermischen sich. Früher wäre ich nicht am WGT gewesen, nur in der BDSM-Szene. Heute vermischt sich das alles, darum bin ich jetzt so hier. Manchmal bedaure ich das – denn die Fetisch-Szene ist eine Fantasy-Szene, und die wird von von der Sex-Szene verdrängt.»

Unterschiedliche Rollenbilder

Bei Sandra dagegen ist die Leidenschaft für Mädchenkleider nicht sexuell motiviert. Als ich sie frage, ob es sie anturnt, sich wie eine Frau zu kleiden, fängt sie an zu Lachen. Nein, es sei eher so, dass ihm Frauen Komplimente machen – aber er wolle keine Frauen aufreissen. Männer dagegen fänden ihn eher lächerlich – oder hätten Respekt.

«Frauen müssen sich gar nicht verkleiden, um einen männlichen Stil zu haben. Eine Frau kann sich das Haar kurz schneiden und Jeans und T-Shirt tragen. Damit hat sie einen männlichen Stil, der gesellschaftlich total akzeptiert ist.

Würdest du im Alltag mehr Röcke tragen, wenn’s gesellschaftlich akzeptiert wäre?

«Häufiger, aber nicht täglich. Es soll was Spezielles bleiben. Für Everyday, fürs Arbeiten und so ist mir der Aufwand zu gross. Das hat sich über die Jahre entwickelt, im Schminken werde ich immer besser, und die Accessoires habe ich über Jahre zusammen gesammelt. Das WGT ist ein so spezieller Event, da passt dieses verspielte, vielseitige Outfit einfach besser. Aber stimmt schon. Wenn du so einkaufen gehst, dann hast du Ärger. Sie stecken dich in eine Transvestiten-Schublade und halten dich für schwul.»

Seine Frau wirft ein: «Ich will auch nicht, dass du immer so rumläufst. Da hätte ich ja das Gefühl, als wäre ich mit einer Frau zusammen.»

Sandra zuckt mit den Schultern. In ihrem Alltagsleben als Mann ist sie selbstständig in der Industrie tätig.

«Ich trage beruflich viel Verantwortung. Wenn ich mich als Sandra style, schlüpfe ich in eine Rolle. Das ist entspannend. Ich bin weg von einem stressigen Job, einem stressigen Leben. Ich denke dann nicht mehr an die Alltagssorgen. Als Sandra Fessler kann ich das WGT besser geniessen. Das ist noch nicht vollends meditativ, aber es geht schon in diese Richtung. Ich bin dann einfach jemand anders.»

Damit spricht Sandra einen interessanten Punkt an. Alle Männer, die hier offen gesprochen haben, nutzen die Frauenkleidung als Möglichkeit, sich aus der Realität auszuklinken. Ob die Kleiderwahl sexuell oder ästhetisch motiviert ist, spielt dabei eine zweitrangige Rolle. Wichtig ist, dass man etwas anderes trägt. Dass man die Alltagskleidung ablegt, um in ein Kostüm zu schlüpfen.