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Die Songs auf «Wanderer» sind wie Faustschläge, treffen gezielt Herz und Verstand. Sie verzeihen nicht. Heaven Shall Burn sind das kompromisslose Gewissen.

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Wanderer beginnt kurz und unheimlich. Eine bedrohliche Stimmung kriecht aus der Dunkelheit empor. Ein Sturm zieht auf.

I will not follow this misleading,
No tears will drown this fire in my eyes 

Heaven Shall Burn lassen nicht die geringste Spur des Zweifels: The Loss Of Fury kündigt mehr als ein kleines Unwetter an. Hier wütet gleich ein Orkan.

Diese Vorahnung wird sogleich zur Realität. Bring War Back Home verdunkelt endgültig den Himmel. Blitze zucken wie Stroboskope. Die schiere Urgewalt dieser Klangmauer reisst einen unbarmherzig mit. Kontrastiert wird die Brachialgewalt der Strophen nur mit einem bestechenden Melodiebogen, der gerade lang genug dauert, um die Faszination dieses Spektakels zu begreifen. Heaven Shall Burn geben sich der Nabelschau hin, zeigen sich zerrissen von der ewigen Frage: Lohnt es sich zu kämpfen?

Es ist das grosse Thema von Wanderer: Der Wandel muss von innen kommen. Im Booklet wird die Idee des Albums zusammengefasst:

He seeks distance to change his perspective
In freedom and seclusion he arranges his thoughts
Strength and power he regains in nature’s shielding bosom
In vivid silence and familiar remoteness he can listen to his heart
Yet he experienced that from no wayfare you return the same
He knows that nothing will change until you change yourself
And therefore every revolutionary is a wanderer. 

Es bleibt nur wenig Zeit, sich mit den tiefgreifenden, persönlichen Fragen auseinander zu setzen, die uns die Band aufbürdet. Mit Passage Of The Crane lassen sie uns fast glauben, das Gewitter sei schon vorbei gezogen. Doch Heaven Shall Burn sind mittlerweile zu einer so grossen Institution im europäischen Metal-Kosmos geworden, dass diese Annahme pure Naivität wäre. Obwohl Passage Of The Crane der Harmonie deutlich mehr Raum zugesteht als Bring War Back Home, hat doch Marcus Bischoffs Growl nichts von seiner Aggressivität eingebüsst.

Von innen nach aussen

They Shall Not Pass – Nun wüten Heaven Shall Burn unaufhaltsam. Der Song beginnt laut, doch die tatsächliche Explosion folgt kurz darauf und verwandelt den Orkan in ein feuriges Inferno. Und es wäre nicht Heaven Shall Burn, wenn nicht früher oder später ein Fanal folgte. Die Band wechselt den Fokus von innen nach aussen:

See the Blackshirts are marching
But this time they will not brave the storm
Shoulder to shoulder we stand
This is a sombre season but my heart is filled with confidence
Believe me today, they shall not pass this way

Der Song nimmt Bezug auf die Schlacht in der Londoner Cable Street vom 4. Oktober 1936. 3000 Anhänger der «British Union of Fascists» marschierten durch den Eastend. Gleichzeitig versammelten sich 300’000 Gegendemonstranten und blockierten den Umzug der Faschisten. Sie riefen «The shall not pass!».

Allerdings ist der Song nicht bloss eine nette Geschichtslektion. Die Rechtsextremen marschieren auch heute wieder – unerschrockener denn je. Heaven Shall Burn erinnern uns unsanft daran, dass sich die Geschichte zu wiederholen droht.

Mit Downshifter folgt die erste Single-Auskopplung von Wanderer. Die Donnerschläge gehen direkt in die Magengrube. Der Orkan erreicht seinen ersten Höhepunkt. Ein beispielhaftes Stück für den Sound von Heaven Shall Burn. Die Instrumente formieren sich zu undurchdringlichen Reihen. Das Arrangement überwältigt, bis sich im Refrain eine Melodie aus der erdrückenden Wucht schält.

Im Auge des Sturms

Die Winde werden chaotisch, wechseln unablässig Richtung und Geschwindigkeit. Und ein kleiner Buchstabe macht den Unterschied: Prey To God anstatt «pray to God». Die entfesselte Kraft wütet gegen den blinden Gehorsam im Namen religiöser Institutionen.

Lying prophets, fallen hollows, untruthful revelators
Your fear of hell will drag you into a godless abyss  

Heaven Shall Burn holten sich für dieses donnernde Statement prominente Unterstützung. Marcus Bischoff und George «Corpsegrinder» Fisher, seines Zeichens Frontmann bei Cannibal Corpse, schaukeln abwechselnd Prey To God zu einem ultimativen Death Metal-Höllenfeuer auf.

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Der Sturm säuselt noch, aber mit My Heart Is My Compass – einem kurzen Instrumental – sind wir im Auge des Sturms angelangt. Es bleibt nur ein kurzer Moment der Ruhe. Save Me lässt wieder eine Wolkenwand auf uns zustürmen.

Apokalypse und Genozid

Plötzlich ist es gespenstig still. Ein Geigenzähler knistert uns zur wahren Apokalypse und dem absoluten Höhepunkt von Wanderer. Corium ist das Endprodukt einer Kernschmelze, ein teuflisches Material – erschaffen durch Menschenhand.

Die Anfänge von Heaven Shall Burn liegen bereits 20 Jahre zurück. (Foto: zvg/Century Media)

Die Anfänge von Heaven Shall Burn liegen bereits 20 Jahre zurück. (Foto: zvg/Century Media)

Den Sturm, den Heaven Shall Burn entfesselt haben, ist nicht länger natürlich: Die Melodie fluoresziert gefährlich, frisst sich wie Säure in den Gehörgang und hinterlässt eine bleibende Narbe. Wuterfüllt stürmt und drängt die Band gegen die Unverantwortlichkeit der Atomenergie, ja gar gegen blinde Technologie-Hörigkeit:

No reason to see, into cataclysmic silence they still preach
In the name of progression, evocation of a certain nemesis
Standstill in the name of progression, we lost control  

Als Hunters Will Be Hunted, ein Song gegen die Jagd, vor drei Jahren auf dem Album Veto erschien, gingen bei konservativen Politikern und Jagdverbänden die Emotionen hoch.
Vermutlich wird das nichts sein im Vergleich zu dem, was Extermination Order auslösen könnte:

Trotha!
His name was Trotha, never forgive, never forget!


Wer war Trotha?
Lothar von Trotha war ein preussischer Offizier. Er gab anfangs des 20. Jahrhundert mit seinem «Vernichtungsbefehl» die Grundlage für den Völkermord an den Herero im heutigen Namibia. Trothas Truppen schlugen den Aufstand des einheimischen Stammes nieder. Die Hereros flüchteten in die fast wasserlose Omaheke-Wüste. Die Deutschen riegelten die Wüste ab, vertrieben die Flüchtenden sogar von den raren Wasserstellen. Bis zu 85’000 Herero kamen ums Leben – erschossen, verhundert und verdurstet.

Erst im Juli dieses Jahres erkannte Deutschland den Völkermord erstmals offiziell an – allerdings ohne Entschuldigung oder sonstigen Konsequenzen.

Kein versöhnliches Ende

Nach dieser Anklage richtet die Band den Blick nochmals in die eigene Person. A River Of Crimson ist eine blutrote Beschwörung der eigenen Stärke. Mit Nachdruck versichern sich Heaven Shall Burn den inneren Überzeugungen.

An ocean within me
Tides of the deepest red
I know Drowning the filth of the outside world
Ever vibrant, never resting, protecting me
Healing me, a treasure beyond gold  

Zum Ende legt sich der Orkan mit dem schleppenden The Cry Of Mankind, einem Cover von My Dying Bride. Das Unwetter zieht vorbei, legt den Blick frei auf eine Welt, die in Schutt und Asche liegt. Aðalbjörn Tryggvason von Solstafir leidet bedeutungsschwanger neben Bischoffs Grollen. Es ist kein versöhnliches Ende.

With lust, you’re kicking mankind to death
We live and die without hope
You tramp us down in a river of death
As I stand here now, my heart is black 

Dynamit und Empathie

Ein Happy End hat wohl niemand erwartet. Wanderer mischt Wut, Wille und Selbstzweifel zu einer detonierenden Stange Emotionsdynamit. Die Songs sind wie Faustschläge, treffen gezielt Herz und Verstand. Sie verzeihen nicht. Heaven Shall Burn sind das kompromisslose Gewissen. Gekonnt umschiffen sie belehrende Moral mit direkter, mutiger Ehrlichkeit. Dabei umgibt die Band eine Aura der Bipolarität: Auf der einen Seite zeigen sie die Schlechtheit der Menschheit auf, auf der anderen werden sie genau durch diese schonungslose Konfrontation zum Guten.

Das Resultat dieses Zweikampfs ist Empathie, die weit über das Musikalische hinausgeht, und sie ist letztlich auch der Grund für die Grossartigkeit von Wanderer. Heaven Shall Burn zu hören bleibt ein humanistisches Bekenntnis.

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Heaven Shall Burn konfrontieren schonungslos. (Foto: zvg/Century Media)

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Release
16. September 2016

Tracklist

  1. The Loss of Fury
  2. Bring War Back Home
  3. Passage Of The Crane
  4. They Shall Not Pass
  5. Downshifter
  6. Prey To God
  7. My Heart Is My Compass
  8. Save Me
  9. Corium
  10. Extermination Order
  11. A River Of Crimson
  12. The Cry Of Mankind