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Eine Prog-Thrash Band, ein Blasorchester, ein Dirigent, zwei Konzerte. Metal meets Windorchestra. The Burden Remains & The Horns of the Seventh Seal. Im Fri-Son gibt’s am 17. und 18. September Gigs der Superlative. Negative White durfte die Hauptprobe dieses Spektakels mitverfolgen. 

Später Sonntagnachmittag, Stadt, es pisst, alles grau, kalt und nasse Sneakers. Eine tolle Scheisse ist das. Aber hey, glücklicherweise bin eingeladen worden, im Fri-Son bei der Hauptprobe eines Metalkonzerts mit einem Blasorchester beizustehen. Mit Kaffee oder Bier. Oder beidem. Für mich jedenfalls kein üblicher Sonntagabend.

Der Tag scheint doch noch eine glückliche Wendung zu nehmen. Ich betrete die trockene Stube und die Kinnlade findet ihren Weg in die Tiefe. So habe ich das Konzertlokal noch nie gesehen: Auf der Hauptbühne thronen die Instrumente des Orchesters und die Band findet auf einer kleineren Bühne vor den Blasmusikern Platz. Diese wurde eben mal hingezimmert, da die Band unmöglich noch freien Raum auf der grossen Rampe finden würde. E-Gitarren vor Saxophonen, Posaunen hinter Orange-Verstärkern. Das wird spannend!

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Metal verschmilzt mit Blasmusik. Bild: Yannik Waeber

The Horns of the Seventh Seal

Die anzutreffenden Musiker und Musikerinnen des Blasorchesters strahlen die Aura eines verkaterten Jim Buschemi aus: Müde, schlaffe Schultern, Tränensäcke. Ein «I kie iz de grad z Huufe» (zu Deutsch: Ich sterbe vor Erschöpfung) ist mehrmals und in vielen Variationen zu hören.

Das 50-köpfige Orchester hat den ganzen Samstag damit verbracht, ihren Teil für die bevorstehende Platte aufzunehmen. Ebenfalls im Fri-Son. Davor standen täglich dreistündige Repetitionen an. Hauptnahrung scheint Kaffee zu sein, die Hände zittern. Trotzdem ist eine Erleichterung zu spüren, denn mit der erfolgreichen Orchesteraufnahme ist schon ein Meilenstein geschafft und das lang ersehnte Konzert rückt immer näher.

Das Orchester – eine wild zusammengewürfelte Truppe aus den Musikgesellschaften des Kantons Freiburg – gibt es vermutlich nur noch bis zum 18. September.

Eine kleine Kostprobe

17.20 Uhr – die Journis nehmen Platz und die Musiker stürmen die Stage. Waldhörner, Trompeten, Fagott, Posaunen, Sax, Klarinette, Oboe, Piccolo, Kaffee… Die Hauptbühne ist rappelvoll. Licht aus.

Den Anfang machen die Thrasher aus Wünnewil, genauer gesagt der Bass. Ein breiter Bassound bildet ein solides Fundament, sphärische Gitarren setzen ein. Eine überirdische Soundlandschaft entsteht, einige Melodien erinnern (mich jedenfalls) an ein ruhiges Opeth. Geiler Aufbau, I’m hooked.

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Dirigent Manfred Jungo leitet das grosse Orchester. Bild: Yannik Waeber

Nun betritt auch Dirigent Manfred Jungo die Bühne, das Orchester bewaffnet sich, gleich geht’s ab. Und tatsächlich – beim ersten schweren Metalriff der Band setzt das Orchester ein und liefert einen unheimlichen Groove. Metal paart sich mit Blasmusik. Konzentration herrscht, jeder Schlag sitzt. Einige Köpfe im Orchester wippen mit, derweil lässt die Band derzeit vorne Haare sprechen und toben. Kein purer Thrash, kein übertriebenes Operngehabe à la Kamelot, sondern abwechslungsreicher Metal mit fesselnder Orchestermusik. Zwei Welten verschmelzen. Mal herrschen Gitarrensolis, mal dominieren die Bläser. Während Schlagzeuger Silvan Mangold zum Blast ansetzt, dirigiert Manfred Jungo ebenso energisch das Ensemble. Grosses Kino. Mir wird es zu keiner Sekunde langweilig.

«Chaos and cosmos; two worlds collide: The electrified sonic wall from The Burden Remains, united with the acoustic eruptions from The Horns of the Seventh Seal – in this primeval mist of music, new sounds are coming forth, the birth of tragedy from the spirit of music.»

Thomas Jenny lässt Metal-getriebene Kraft frei. (Foto: Yannik Waeber)

Thomas Jenny lässt Metal-getriebene Kraft frei. Bild: Yannik Waeber

Licht an. Das Showcase-Set von drei Songs ist vorüber. Die Jungs gratulieren sich, ich gratuliere den Jungs. Wann wagen es schon eine Band und ein Dirigent, solch ein Goliath-Projekt auf die Beine zu stellen?

Bassist und Sänger Tommy Schweizer, Schlagzeuger Silvan Mangold sowie Dirigent und Arrangeur Manfred Jungo haben sich Zeit genommen, einige Fragen von Negative White zu beantworten.

Zuerst an Silvan und Tommy – wie fühlt es sich an, mit einem Orchester die Bühne zu rocken?

Tommy Schweizer: De füdleblutt Wahnsinn… (zu Deutsch: Arschgeil)

Silvan Mangold: Heute haben wir zum ersten Mal zusammen geprobt und es hat von der ersten Sekunde an alles gepasst. Bis heute konnten wir ja nicht wissen, wie es live klingen wird, aber jetzt sind wir alle sehr erleichtert.

Wie sieht es aus der Sicht des Dirigenten aus?

Manfred Jungo: Asch a schöni Büez. Hier funktioniert es so, dass nicht ich Silvan dirigiere, sondern Silvan dirigiert uns. Vor allem kann ich die Leute dazu bewegen, mehr Kraft und Energie in das Stück zu bringen. Es ist zwar eine grosse Büez, dafür aber ein sehr schönes Gefühl.

Wie seid ihr auf die Idee gekommen, solch ein Projekt auf die Beine zu stellen?

Manfred: In der Musikgesellschaft von St. Antoni haben wir versucht, etwas zu lancieren, das für ein Blasorchester nicht gerade üblich ist. Im Frühling 2014 haben wir dann mit der Rockband Circle ein halbstündiges Programm gespielt. Dem Orchester hat’s gefallen, der Band und den Zuhörern auch. Nun musste etwas Neues her und sofort habe ich an das Fri-Son und die Jungs von The Burden Remains gedacht.

Silvan: Vor zwei Jahren folgte dann das erste Telefonat und wir waren von der Idee begeistert.

Manfred: Und nach meinem ersten Probearrangement eines Songs von euch konnte ich euch dann definitiv ins Boot holen.

Tommy: Fanfarenmusik und Metal klingen beide sehr pompös und innerlich haben wir ein Flair für kitschige Musik. Man kann super Musik schreiben für ein Blasorchester und Manfred hat es ausgemerzt.

Manfred: Ja, das Ganze wird zum Epos – mehr Kraft, mehr Farbe…

Tommy: Es ist auch eine tolle Horizonterweiterung – anfangs dachten wir: «Shit, das haben weder wir jemals gemacht, noch eine andere Band in unserem Kaliber.» Klar gibt’s da Metallica, aber da liegen Welten dazwischen und das kann man einfach nicht vergleichen. Kein Mensch würde das machen, ist doch völlig grössenwahnsinnig. Viele Bekannte sagen, dass es eine tolle Idee ist, schlussendlich macht es dann doch niemand. Es bringt schlicht und einfach viel zu viel Arbeit mit sich. Man braucht einen Arrangeur, der einerseits sein Können beherrscht und andererseits sehr viel Zeit dafür aufwenden kann.

Wie verlief in dieser Konstellation das Songwriting?

Manfred: Nachdem der erste Song aus dem Album Fragments für ein Orchester arrangiert wurde, haben wir alle Feuer gefangen und gedacht: «Da muss was Neues her!» Schon die alten Songs fand ich sehr geeignet, bei ihren neuen Songs wurde ich dann überrascht: Es wurde weniger «thrashig», weniger «riffig», sondern gab mehr Platz für das Orchester (Anm. der Red: Es knallt aber immer noch ordentlich rein). Es geht viel mehr um das Auf- und Abbauen. So konnte ich mit dem Orchester auch einiges beisteuern.

Silvan: Ja klar, denn mit dem Orchester zusammen passt flächige Musik besser, als andauernd schwere Riffs zu spielen. Das Ganze hat einen tollen Post-Rock-Flair abbekommen.

Wann habt ihr denn begonnen, neue Songs zu schreiben und zu arrangieren?

Tommy: Vor ungefähr anderthalb Jahren haben wir den ersten Song für dieses Projekt geschrieben.

Silvan: Wir sind eine langsame, aber demokratische Band. Jeder sollte seinen Seich beisteuern dürfen, deshalb dauert es auch, bis ein Song steht. Dafür sind aber alle mit dem Endprodukt zufrieden.

Manfred: Angefangen habe ich vor über einem Jahr und darf am Konzert nun über 800 Seiten Partitur dirigieren.

Gestern wurde ebenfalls hier im Fri-Son das Orchester aufgenommen – wie sehen die weiteren Pläne für die Band aus?

Tommy: Dazu haben wir uns noch nicht grosse Gedanken gemacht. Wir wissen, wann wir ins Studio gehen werden, aber alles andere bleibt noch offen. Etwa wann wir die neue Scheibe veröffentlichen oder auch in welcher Form dies geschehen wird.

Hattet ihr manchmal Zweifel an der ganzen Sache?

Silvan: Bis heute gab es sicher eine gewisse Unsicherheit. Wir haben ja noch nie das ganze Set mit Orchester durchgespielt. Und im ersten Jahr gab es noch nicht viel Fixes, das Wichtigste war sicherlich ein Datum im Fri-Son zu bekommen.

Manfred: Es gab da natürlich noch andere unsichere Faktoren wie Sponsorengelder, die Zusammenstellung des Orchesters. Lange war es unklar, ob wir das Konzert auf die Beine stellen können. Abgesehen vom Fri-Son gibt es im ganzen Kanton Freiburg kein Konzertlokal, welches genügend Platz bieten kann. Sogar hier braucht es noch eine zweite Bühne.

Tommy: Als dann alles stand wussten wir – Shit Jungs, jetzt gilt’s! Jetzt gibt es kein zurück mehr! Ziehen wir’s durch!

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Rappelvolle Bühne im Fri-Son. Bild: Yannik Waeber

Ich bedanke mich und beobachte noch ein wenig den Abbau der Bühne. In einer Woche gibt’s anderthalb Stunden Spektakel. Einmalig zweimalig an diesem Wochenende. Meist ist man sich gar nicht bewusst, wieviel Vorbereitung und Arbeit hinter einem Konzert steckt, bevor es über die Bühne geht.

Dieses Goliath-Projekt hat es mir bestens aufgezeigt. Zwei Jahre Vorbereitung von Band und Orchester verschmelzen gemeinsam auf der Stage. Metal mit Posaunen – bring it on!

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