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Zum elften Mal eröffnete das Greenfield die Schweizer Festivalsaison. 45 Bands sorgten während drei Tagen bei schönem Wetter für gute Stimmung auf dem Bödeli. Ein Erlebnisbericht.

Corey Taylor mit neuer Maske (Foto: Angela Michel)

Corey Taylor mit neuer Maske (Foto: Angela Michel)

Donnerstagmorgen, 6 Uhr in der Früh. Der Wecker klingelt und ich verfluche zum wiederholten Male den Erfinder dieses Teufelswerks. Aber es nützt nichts, ich möchte ja noch einen vernünftigen Platz für mein Zelt finden. Also raus aus den Federn, Morgentoilette hinter sich bringen und dann irgendwie zum Bahnhof kommen. Auf dem Weg nach Zürich dann die erste Panne: Mein Co-Fotograf hat den Bus verpasst, wir reisen eine halbe Stunde später ab Zürich. Das fängt ja gut an, da hätte ich mich ja nochmals umdrehen können. Solche Nachrichten überbringt man einem Morgenmuffel wie mir doch nicht vor dem ersten Kaffee. Den hole ich am HB nach und fühle mich wieder wie ein Mensch.

Gentlemen

In Interlaken treffen wir dann auf Kollegen und unser drittes Teammitglied Angela. Gentlemen wie Christoph und ich nun mal sind, lassen wir sie mit den Kollegen im Auto zum Gelände fahren. Nachdem wir unsere Pressebadges und das Festivalbändchen – liebes Greenfield-Team: Können wir nächstes Jahr nicht auch Stoffbändchen haben? Diese Plastikdinger haben a) nicht den gleichen Erinnerungswert und b) sind sie bei heissem Wetter nicht gerade angenehm zu tragen. Ja, jammern auf hohem Niveau, aber man kann’s ja mal versuchen. – abgeholt haben, geht’s zum VIP-Camping, Zelte aufschlagen, um nachher den Medienbus in Beschlag zu nehmen. Endlich eingerichtet meldet sich Angela auch schon mit den ersten Fotos zurück. Da gibt aber jemand Vollgas, denke ich mir, weiter so.

Start mit Panne

Yellowcard eröffnen nach den obligatorischen Alphornbläsern das Greenfield 2015. Ich freu mich auf den Auftritt, denn die Band ist mir noch in guter Erinnerung von ihrem Gig im Komplex 457 im Februar 2013. (Negative White berichtete.) Wieso die Jungs so früh auftreten müssen, ist mir ein Rätsel, sie hätten einen späteren Slot mehr als verdient. Aber so wird wenigstens gleich zu Beginn ein kleines Feuerwerk gezündet, sehr zur Freude meiner Fotografenkollegen, können sie sich doch im Einfangen springender Musiker üben.

Synchronspringen bei Yellowcard (Foto: Christoph Gurtner)

Synchronspringen bei Yellowcard (Foto: Christoph Gurtner)

Noch während dem Konzert kommt die erste Meldung vom OK auf die Handys der Besucher: Der Tourbus der Eagles of Death Metal ist verreckt und sie können deswegen ihren Auftritt nicht wie geplant spielen. Dafür dürfen nun die Hathors aus Winterthur von der Clubstage auf die Mainstage wechseln. Ich mag’s den Jungs gönnen, auch wenn ich mit ihrem Sound immer noch nichts anfangen kann. Immerhin ist eine Steigerung zum Konzert im KiFF, wo sie als Support für The Young Guns auftraten, zu hören. Auch Petrus scheint sich nicht all zu viel mit ihrer Musik anfangen zu können und lässt es kurz regnen.
Die Eagles of Death Metal haben es dann etwas später doch noch bis Interlaken geschafft, nur hat es keinen Slot mehr für sie gegeben. Schade.

Also zum Kotzen war der Auftritt von Asking Alexandria wirklich nicht (Foto: Angela Michel)

Also zum Kotzen war der Auftritt von Asking Alexandria wirklich nicht (Foto: Angela Michel)

Dafür wird es auf der Clubstage unterhaltsam. The Peacocks, ebenfalls aus Winterthur, legen eine saubere Rockabilly-Show aufs Parkett. Irgendwie machen Bands mit Upright-Bass immer gute Laune.
Auf der Mainstage feiern danach Godsmack ihr 20jähriges Bandjubiläum. Trotz der noch frühen Uhrzeit und immer wieder einsetzendem Regen zieht die Truppe aus Boston ein beträchtliches Publikum vor die Bühne. Aber das Geschehen spielt sich am Greenfield nicht nur auf den beiden Bühnen ab, sondern auch in der Unterhaltungsmeile, allen voran im RCKSTR Block, wo auch die Bonesklinic Spelunke wieder eine Bar betreibt. Immer, wenn mir die Musik auf den Bühnen nicht sonderlich zusagt, zieht es mich hier hin. Der Wet Tshirt-Contest ist jedes Jahr wieder eine feucht-fröhliche Gaudi, auch wenn nicht alle Mädels das Prinzip hinter dem Wettbewerb genau verstanden zu haben scheinen. Spass haben trotzdem alle.

Gleichzeitig wechseln sich nun die Metal Core Bands auf den Bühnen ab. Ich merke, wie ich langsam (zu) alt werde – für mich klingen die alle ziemlich gleich und eine gewisse Langeweile macht sich bei mir breit. Dem jüngeren Publikum hingegen gefällt’s und gerade bei Parkway Drive könnte man meinen, der Boden vor der Mainstage sei eine einzige Hüpfburg.
Beim Anblick der Violent Dancer in den Moshpits wundert man sich, dass hier nicht mehr Unfälle passieren. Das hat echt nichts mehr mit den Pogo-Pits von uns alten Säcken zu tun.

Jungbrunnen

Um 21 Uhr gibt’s dann endlich wieder Abwechslung auf die Ohren. Die Backyard Babies aus Schweden rocken die Clubstage. Wunderbar, wenn ein Sänger auch mal wieder so singen kann, dass man tatsächlich was von den Texten versteht.

Es dämmert und auf der Mainstage untermalen Lamb of God dies mit harten Riffs und wütenden Growls. Ein schönes Zusammenspiel von Musik und der Natur. Das dürfen wir an diesem Greenfield noch ein paar Mal miterleben. Genau solche Momente machen den Reiz von Open Air Konzerten aus.

Etwas unglücklich ist die Konstellation der nächsten beiden Bands. Asking Alexandria und Slipknot überschneiden sich eine halbe Stunde, sprechen aber beide ein ähnliches Zielpublikum an. Da wir zu Slipknot rüber müssen, um den Foto-Slot nicht zu verpassen, kann ich leider nicht sagen, wie sich die Stimmung in der zweiten Konzerthälfte bei Asking Alexandria verändert hat.

Chris Fehn von Slipknot in seinem Element (Foto: Christoph Gurtner)

Chris Fehn von Slipknot in seinem Element (Foto: Christoph Gurtner)

Zu sagen, dass die Stimmung beim Headliner gut ist, wäre eine Untertreibung. Scheinbar haben sich wirklich viele der Besucher extra wegen diesem Act für einen Besuch am Festival entschieden. Mir persönlich sagt Corey Taylors anderes Projekt Stone Sour mehr zu, aber auch ich muss zugeben, dass die Show von Slipknot grandios ist. Alleine die beiden sich drehenden und hebenden Drumriser auf der Seite der Bühne sind sehr innovativ und sorgen für ein sich ständig änderndes Bühnenbild. Dazu noch auf den Sound abgestimmte Pyroeffekte und eine spielfreudige Band – wenn einem dann noch die Musik gefällt, hat man einen super Abend. Für mich ist der Sound mit seinem Übermass an Drums schnell zu eintönig, alles wird unter den wuchtigen Schlägen begraben.

Jetzt aber nichts wie weg mit den Kameras und Laptops. Spass haben ist jetzt angesagt, also ab auf die Vergnügungsmeile, sich ein paar Drinks mit Kollegen genehmigen und dann mal langsam Richtung Zelt verschwinden.

Neuer Tag, neue Pannen?

Freitagmorgen, viel zu früh und doch brennt die Sonne schon so stark, dass sich das Zelt in eine kleine Sauna verwandelt. Bereits um 7 Uhr ist an Schlaf nicht mehr so richtig zu denken aber der Körper signalisiert immer noch Müdigkeit. Scheissspiel. Eine Stunde lang spiel ich mit, dann geb ich auf und fange an, das Frühstück vorzubereiten. Langsam wird auch mein Zeltnachbar Christoph wach. Ob ihn der Geruch von Mortadella und Käse geweckt hat, oder der Lärm, den ich gemacht hab, weiss ich nicht.
Während dem Frühstück kommt auch gleich eine schlechte Nachricht rein: Angela, unsere dritte Fotografin, hat sich eine Magenverstimmung eingefangen und weiss nicht, ob sie heute fit genug sein wird. Ich wünsch ihr gute Besserung und versichere ihr, dass ich ihre geplanten Konzerte gerne übernehme. Also mach ich mich mit Christoph daran, den Tag neu zu planen. Ein Festivalbesuch ist eben doch etwas mehr Arbeit, als mancher denkt. Nicht zuletzt für die Fotografen, die sich die Füsse wund laufen, um möglichst jede Band für euch vor die Linse zu kriegen und sie auch noch zeitnah online zu stellen.
Da wir erst um 13 Uhr den ersten Einsatz haben, besuchen wir Kollegen auf dem Campingplatz, um auch etwas von der Stimmung dort mitzubekommen. Was uns gleich auffällt, ist, wie gesittet es eigentlich auf dem Platz zu und hergeht. Auch wenn mit 18’016 Besuchern die diesjährige Ausgabe des Greenfield Festivals etwas kleiner ausfällt, so ist der Campingplatz im Vergleich zu anderen Festivals in der Schweiz doch noch erfreulich sauber. Rockfans und Metalheads mögen Saufen, was das Loch hält, aber sie bleiben trotzdem anständig. Klar, Ausnahmen gibt’s überall, aber im grossen und Ganzen muss man sich wirklich nicht schämen, zu ihnen zu gehören.

Eigentlich verboten, aber die Security hat keine Probleme mit Crowdsurfern (Foto: Sacha Saxer)

Eigentlich verboten, aber die Security hat keine Probleme mit Crowdsurfern (Foto: Sacha Saxer)

Unsere Überraschung ist gross, als Angela dann doch noch rechtzeitig aufs Gelände kommt. Ich lass sie dann mit Christoph die Bands nochmals neu aufteilen und stelle mich für die Acts zur Verfügung, die keiner von beiden fotografieren möchte.

Endlich geht’s mit Progstone auf der Clubstage los. Knapp zwei Dutzend Leute gesellen sich in die erste Reihe. Mehr als schade, die Band hätte ein weit grösseres Publikum verdient. Das Quartett aus dem Wallis hat den Greenfield Band Contest in Lausanne gewonnen und darf deshalb den Tag eröffnen. Ihren Stil umschreibt man am besten mit Progressive Stoner Rock. Nicht immer ganz eingängig, ja teils bewusst sperrig, aber technisch sehr gut präsentiert sich ihre Musik. Die Jungs sollte man definitiv im Auge behalten.

Wenn man am Greenfield einen Hipster auf der Bühne sieht, weiss man, dass Metalcore angesagt ist. (Foto: Angela Michel)

Wenn man am Greenfield einen Hipster auf der Bühne sieht, weiss man, dass Metalcore angesagt ist. (Foto: Angela Michel)

Auf der Mainstage steht danach Besuch aus Down Under an: Northlane aus der Region um Sydney sorgen schon beim dritten Song für das erste Circle Pit des Tages. Um 13:45 Uhr eine echte Leistung. Der Name der nächsten Band ist dann auch Programm: Heisskalt können nicht wirklich an die Stimmung von Northlane anknüpfen, da helfen auch keine deutschen Texte. Aber so bleibt etwas Zeit, sich zu verpflegen, ohne dass man das Gefühl hat, etwas zu verpassen.

Folk Power

Frisch gestärkt geht’s zu Skinny Lister auf der Mainstage. Das Folk Punk Sextett aus London macht vor allem eines: Mächtig Spass! Auch mit der Auswahl der Instrumente setzen sie frische Akzente: Mandoline, Ziehharmonika, Kontrabass und mehr ergänzen das übliche Arrangement von Gitarren und Schlagzeug. Dazu mehrstimmiger Gesang und locker-lüpfige Volksweisen – schon ist die Party komplett. Ein musikalischer Farbtupfer in diesem sehr Core-lastigen Lineup (Knapp ein Drittel aller Bands sind im Core-Bereich anzusiedeln.). Ich wünsch mir für nächstes Jahr mehr davon.
Mehr Spass gibt’s dann auf der kleinen Bühne bei East Cameron Folkcore. Die Band aus Austin, Texas liefert eine herrliche Show ab und wird nicht mehr lange zu den Geheimtipps gehören. Ganz grosses Kino, was hier geboten wird.

Luke Abbey von East Cameron Folkcore (Foto: Sacha Saxer)

Luke Abbey von East Cameron Folkcore (Foto: Sacha Saxer)

Auf der Hauptbühne machen sich derweil die Hollywood Undead bereit und schon beim ersten Song hab ich das Gefühl im falschen Film, respektive am falschen Festival zu sein. Rap und Rock vertragen sich in meinen Ohren einfach nicht und ich trete die Flucht in den RCKSTR Block an. Trotzdem frage ich mich später durchs Publikum, wie ihnen die Band gefallen hat und siehe da, die überwiegende Meinung ist positiv, auch wenn viele genauso wie ich nichts mit Hollywood Undead anfangen können.
We Are Harlot entschädigen mich dafür mit ihrem klassischen 80er-Jahre Rock für diese akustische Tortur. Dieses Jahrzehnt hat nun mal die beste Musik herausgebracht; sogar die Pop Musik dieser Jahre klingt gut. We Are Harlot, bestehend aus dem ehemaligen Asking Alexandria Sänger Danny Worsnop, Gittarist Jeff George (Ex-Sebastian Bach), Bassist Brian Weaver von Silvertide und Schlagzeuger Bruno Agra, der auch noch bei Revolution Renaissance dabei ist, spielen sich schnell in die Herzen all jener, die mit Mötley Crüe und Skid Row aufgewachsen sind.

Kurz nach 17 Uhr ist es auf der Mainstage Zeit für die Springteufel von Truckfighters. Die Stoner Rock-Truppe aus Schweden hüpft auf der Bühne rum als ob der Boden zu heiss zum Stehen wäre. Was für eine Energie diese Jungs haben. Ich geh nur schon vom Zuschauen kaputt. Respekt für diese Performance.

Now I know why stoned people are high (Foto: Christoph Gurtner)

Now I know why stoned people are high (Foto: Christoph Gurtner)

Heisse Sprüche und heisse Shows

Leider ergibt sich bei mir eine Terminkollision und ich verpasse den Auftritt von The Answer, da ich beim zweiten Wet Tshirt-Contest im RCKSTR Block vor Ort bin. Irgendwer muss ja alle drei Wettbewerbe mitverfolgen, und da hab ich mich halt geopfert. Genauso wie ich mich dann geopfert habe, Skindred auf der Mainstage zu fotografieren. Drei Songs – mehr dürfen wir im Allgemeinen nicht fotografieren und ihr seid sicher auch alle froh darüber, dass wir danach nicht mehr im Weg stehen – können ganz schön lang sein. Zuerst bringt die Truppe ein fast fünfminütiges Intro – Thunderstruck von AC/DC – und dann vergewaltigen sie auch noch das Starwars Thema. Kein guter Start ins Set. Da spielt’s auch keine Rolle mehr, dass mir Benji Weebe’s Gesang die Ohren bluten lässt, der Ton für den Auftritt ist gesetzt. Meine Meinung interessiert das Publikum aber zum Glück nicht die Bohne.

«We stand for unity! If you are against gay people – Fuck You! If you are against black people – Fuck You!»Benji

Der Platz vor der Bühne ist gefüllt mit eskalierenden Fans und auch ich habe irgendwie meinen Spass. Nicht wegen der Musik, die wird mir wohl nie zusagen, sondern weil es mir gelungen ist, ein paar gute Fotos vom Drummer Arya Goggin zu schiessen. Wir Fotografen sind mit so wenig glücklich zu machen. Aber Benji’s Ansage: «We stand for unity! If you are against gay people – Fuck You! If you are against black people – Fuck You!» kann auch ich nur unterschreiben.

Arya Goggins von Skindred (Foto: Sacha Saxer)

Arya Goggins von Skindred (Foto: Sacha Saxer)

Kontrastprogramm auf der Nebenbühne mit Darkest Hour. Melodic Death Metal mit einer Prise Metal Core aus der Hauptstadt der USA wummert aus den Boxen. 20 Jahre im Geschäft, wobei nur Sänger John Henry und Gitarrist Mike Schleibaum noch aus der Gründungsphase mit dabei sind, und noch immer kein bisschen leise. Die Band darf man sich getrost auch sonst mal geben.
Währenddessen werden die Pyrokanonen vor der Mainstage langsam aufgeheizt – In Extremo wollen sich von In Flames nicht die Feuershow stehlen lassen. Und so heizen die Spielmänner dem Publikum auch gleich zu Beginn kräftig ein. Wem aus irgendeinem Grund zu kalt ist, der muss sich nur nach vorne kämpfen. Und wer genügend lange Spiesse dabei hat, kann sich auch gleich noch ein paar Würste grillieren. Die energiegeladene Show hat aber ansonsten wenig mit Lagerfeuerromantik zu tun.

Legenden und Blitzlichtgewitter

Parallel zu Motörhead zu spielen ist eine undankbare Aufgabe. (Foto: Angela Michel)

Parallel zu Motörhead zu spielen ist eine undankbare Aufgabe. (Foto: Angela Michel)

Auf der Clubstage soll dann eine der aktuell besten Melodic Hardcore Bands auftreten. Grosse Worte, mit denen das Greenfield OK The Ghose Inside ankündigt. Wenn ich mir guten Core anhören will, dann greif ich zu Expellow, Shoot the Girl First oder Vale Tudo. Aber sie haben’s immerhin probiert. Der Slot ist sowieso denkbar unglücklich, spielt doch eine halbe Stunde später die Kultband schlechthin auf der Mainstage: Motörhead. Über diese Legenden ist mittlerweile wohl alles geschrieben worden, was es zu schreiben gibt. Nachdem ich das Schockkonzert am W:O:A 2013, wo Lemmy nach knapp 30 Minuten den Auftritt aus gesundheitlichen Gründen abbrechen musste, miterlebt hatte, hab ich Angela den Vortritt im Fotograben überlassen. Somit hat sie die berühmteste Warze der Rockgeschichte auch einmal vor der Linse gekriegt.

Mehr als nur Ace of Spades: Motörhead (Foto: Christoph Gurtner)

Mehr als nur Ace of Spades: Motörhead (Foto: Christoph Gurtner)

Skater Punk steht nun auf dem Programm. Millencolin aus Schweden liefern eine Show eines ganz anderen Kalibers. Fans von Bad Religion oder Pennywise fühlen sich vor der Clubstage zu Hause und auch ich fühl mich wieder jung. Netterweise stellen die Jungs sogar ein paar Stücke aus dem nächsten Album vor.

Und dann kommen In Flames, berüchtigt für ihr Blitzlichtgewitter. Epileptikern kann man definitiv nur abraten von einem Besuch eines In Flames Konzerts. Schade eigentlich, denn die Musik macht Laune, auch wenn mir die Zeiten von Come Clarity etwas fehlen. Aber ich habe eine charmante Begleitung und so verbringe ich die entspanntesten Minuten vom ganzen Festival weit abseits der ersten Reihe und geniesse die Musik. Etwas später, während die Schweden wortwörtlich ein Feuerwerk ablassen, liege ich in meinem Zelt und bereite mich auf das morgige Interview mit Danko Jones vor. Der Kanadier ist für seine Redseligkeit bekannt und wie üblich bleiben mir nur knapp 15 Minuten für das Gespräch. Diese kurze Zeit will genutzt werden, also hör ich mich nochmals durch die letzten beiden Alben, bevor ich nochmals zum RCKSTR Block gehe.

Historischer Markt mit Zukunft

Letzter Tag, ich werde von Regen geweckt. Rund eine Stunde prasseln die Tropfen auf mein Zelt und ich hoffe, dass es bald aufhört. Ich hatte meine Schlammschlacht letztes Jahr am Greenfield, das hat mir gereicht, brauch ich nicht nochmals. Etwas nach 7 Uhr hört es dann auf und in kürzester Zeit ist es wieder «schön warm», gefühlt wie in einem Backofen. Da Christoph noch schläft, mach ich mich mal auf den Weg, Nachschub für die Kühlbox zu holen, denn das Bier geht langsam zur Neige. Auf dem Weg zur Landi geh ich im Kopf immer und immer wieder das Interview durch. Egal wie oft ich jetzt schon mit Musikern gesprochen habe, ich bin immer noch unsicher, ob ich mich genügend vorbereitet habe, ob ich ihre aktuellen Alben richtig verstanden habe. Aber im Endeffekt ist das vielleicht auch gut so.

Heute geht es dem ganzen Team gut, auch wenn Christoph sich etwas beklagt, dass seiner Matratze die Luft ausgegangen ist. Ich entschuldige mich jetzt schon für die Zeit zwischen 14 und 15 Uhr, da müssen sie ohne mich auskommen. (Das sind sie aber auch schon vorher, sie sind wohl eher froh, wenn ich sie nicht herumhetze.)

Ich mach mit Christoph einen kurzen Abstecher auf den neuen Mittelaltermarkt. Ich hab eigentlich etwas mehr erwartet, aber nachdem ich mir überlegt habe, dass dies ja nur ein erster Testballon ist, relativiert sich meine Erwartung wieder. Ähnlich wird es wohl auch den meisten Besuchern gegangen sein. Das Greenfield ist schliesslich kein MPS und soll es auch nicht werden. Die Organisatoren haben zwar noch Nachholbedarf, was es für einen Mittelaltermarkt so alles braucht, aber sie können sich hier sicher einiges vom M’Era Luna Festival abschauen, wo der Markt eine meiner Meinung nach gute Grösse für eine Festivalattraktion hat. Bleibt die Frage, wo der Markt nächstes Jahr platziert wird. Dieses Jahr ist er direkt gegenüber vom Eingang aufs Gelände auf dem Gebiet des Campingplatzes aufgebaut. An der Pressekonferenz ist dies auch zur Sprache gekommen. Man werde alle Optionen prüfen, aber es sei schon jetzt klar, dass man ihn ausbauen möchte. Schauen wir mal.

Coremageddon

Um 13 Uhr geht’s auf der Clubstage mit dem Gewinner des Greenfield Band Contests im Zürcher Kinski weiter: Blood Bound aus der Limmatstadt. Ich hab mich auf den Gig gefreut, weil ich immer noch die Band Bloodbound, die am Bonebreaker Mayhem vor einer Woche vor Alestorm eingeheizt haben, im Kopf hab und werd dann prompt enttäuscht, als mich die nächste Metal Core-Walze erwartet. Und gleich danach geht’s auch auf der Mainstage im selben Stil weiter. Bei Scream Your Name ist der Name wirklich Programm. Ich spiele langsam mit dem Gedanken, den Organisatoren eine Namensänderung in Corefield vorzuschlagen.

Von Chelsea Grin (Deathcore aus Salt Lake City) und La Dispute (Post Hardcore aus Michigan) bekomme ich leider – oder zum Glück, sind beides nicht wirklich meine Bands – nichts mit, da ich mich in die VIP-Lounge begebe, um auf meine Viertelstunde mit Danko Jones warten. Dort werd ich auch gleich von Lautstark in Empfang genommen und gefragt, ob’s OK sei, wenn wir das Interview etwas früher starten würden. Alles ist ziemlich hektisch und so wie es aussieht, sind ein oder zwei Termine zu viel gebucht worden. Aber am Ende klappt alles, Danko Jones ist gut drauf und beantwortet alle Fragen ausführlicher als ich es mir erhofft hätte. Mit einem «Thank you for your time. Looking forward to your show.», verabschiede ich ihn zum nächsten Interview.

Chelsea Grin haben offensichtlich ihren Spass auf der Bühne. (Foto: Angela Michel)

Chelsea Grin haben offensichtlich ihren Spass auf der Bühne. (Foto: Angela Michel)

Wieder draussen will ich endlich wieder Musik hören und wandere zu Mantar auf der kleinen Bühne. Was für eine Wohltat für die Ohren nach all diesen Corebands! Endlich wieder richtig Atmosphäre in den Sounds. Düster rollen die Gitarrenklänge über das Publikum, das Schlagzeug wird pointiert eingesetzt und nicht für stupide Prügelorgien missbraucht. Das Greenfield braucht mehr solcher Bands.

Lustig ist nicht immer unterhaltsam genug

Immer wieder lustig sind die Power Metaller Powerwolf. Leider hat sich in den letzten Jahren so ziemlich genau gar nichts an ihrer Show verändert und auch bei den Songs ist keine Entwicklung auszumachen. Mich würde aber die Reaktion des Publikums am Gampel Wunder nehmen, wenn Attila dort den gleichen Spruch bringt wie in Interlaken: «Ihr habt ja schöne Wälder hier. Habt ihr auch Wölfe?»
Aber auch wenn’s mit dem Sprüche klopfen noch nicht so weit her ist, posen können die Wölfe.

Attila ist zum Glück nicht Komiker geworden (Foto: Christoph Gurtner)

Attila ist zum Glück nicht Komiker geworden (Foto: Christoph Gurtner)

Ein Blick ins Lineup sagt mir, dass ich mir Defeater auf der Clubstage besser schenken soll. Wer im gleichen Atemzug genannt wird wie La Dispute oder Touché Amoré, den möchte ich wohl nicht hören. Da warte ich lieber darauf, dass Danko Jones uns seinen Sound um die Ohren knallt. Mit frischem Album im Gepäck – Die Infos in der Greenfield App sind leider alles andere als aktuell – und einer unbändigen Energie stürmt er die Bühne und legt gleich los. Die Einflüsse von Punk Rock wird er wohl nie los, auch wenn er selber seine Musik einfach als Rock bezeichnet. Seine Songs sind kurz, direkt und ohne Schnörkel. Seine Texte sind noch direkter und seine Zunge sieht die Sonne noch häufiger als die von Miley Cyrus. Aber auch John Calabrese am Bass und Rich Knox hinter dem Schlagzeug halten nichts von Zurückhaltung und spielen, als gäbe es kein Morgen. Danko Jones ist eine dieser Bands, die für Live-Auftritte leben und man merkt es ihnen auf der Bühne auch an. Das neue Album Fire Music ist übrigens sehr zu empfehlen und nein, er hat mich nicht dafür bezahlt, dies zu sagen.

Nasse Alternative zu einem kernigen Problem

Auf der Clubstage läuft danach wieder einmal mehr Core. Somit Zeit für den RCKSTR Block und die finale Ausgabe des Wet Tshirt-Contests. Die Musik ist auf jeden Fall abwechslungsreicher, alleine dafür hat sich der Weg schon gelohnt. Langsam macht sich auch ein wenig Müdigkeit breit – ich bin offensichtlich keine 20 mehr. Darum lass ich auch Life of Agony sausen, obwohl die musikalisch wieder mal was für meine Ohren gewesen wären.

All That Remains hingegen holen mich wieder vor die Bühne. Die Band aus Massachusetts bietet alles, was ich bei den ganzen Core-Bands jeweils vermisse. (Es gibt auch dort Ausnahmen, und ich hoffe, diese Ausnahmen werden nächstes Jahr den Flugplatz beschallen dürfen.) Abwechslungsreiche Schlagzeugeinsätze statt nur maschinengewehrartiges Gebolze, harte, pointierte Riffs statt banalen Brei, satte Growls und Klargesang statt übersteuertes, von Effekten unkenntlich gemachtes Gekreische. (Wer wissen will, wie guter Core klingen kann, soll sich mal Modern Age Credo von Expellow reinziehen.)

«AC/DC auf Ritalin», so hab ich Airbourne mal beschrieben bekommen. Und ganz unrecht hat die Person damit nicht gehabt. Brian O’Keefe verwendet gerne mal seinen Kopf um eine Bierdose zu öffnen und spielt seine Gitarre auch schon mal mitten im Publikum, so er denn die Möglichkeit hat, dorthin zu kommen. Das ist hier nicht ganz der Fall, dafür macht er den Kameramännern, welche die Shows für die Grossleinwände neben der Bühne aufnehmen, das Leben etwas schwierig. Wer AC/DC mag, kommt um ihre Landsmänner nicht herum. Komischerweise sind sie in Australien selber gar nicht so erfolgreich. Und dann seh ich von der VIP-Tribüne herab, wie Danko Jones sich auf den Weg in den RCKSTR Block macht. Es ist vor zwei Stunden das Gerücht herumgegangen, dass er eventuell noch kurz bei der Karaoke from Hell mitmachen würde. Handy sei Dank kann ich meine beiden Fotografen im Pit darüber informieren und sie nach den drei Songs gleich rüber in die Vergnügungsmeile kommen lassen.

Rockstar von Nebenan: Danko Jones am Karaoke from Hell (Foto: Sacha Saxer)

Rockstar von Nebenan: Danko Jones am Karaoke from Hell (Foto: Sacha Saxer)

Und tatsächlich, Mr. Danko Jones lässt es sich nicht nehmen, gleich mal Jumping Jack Flash von den Rolling Stones zu singen. Da er danach gleich weiter muss, kommt es nur zu einer Zugabe, aber er hat bewiesen, dass er trotz seinem Erfolg noch immer auf dem Boden geblieben ist.

Gänsehautmomente

Wieder stellt sich die Frage, ob ich mir endlich etwas zu essen gönne oder mir noch eine Band anschaue. Hunger siegt gegen Lagwagon, dafür bin ich bestens versorgt bei The Gaslight Anthem wieder bereit und entere nochmals den Fotograben. Schon nach kurzer Zeit ist mir klar, dass ich nur schnell ein Foto für das Live-Update raussuchen werde und danach wieder ans Konzert gehe. Was die Truppe aus New Jersey hier musikalisch bietet, stellt alles andere am Greenfield in den Schatten. Leider sieht das die Besucherschar vor der Bühne (noch) nicht so und ist eher verhalten. An ein Rockfestival gehören aber auch die ruhigeren Bands und wer über ein solches Repertoire und eine solche Kunstfertigkeit verfügt, wie The Gaslight Anthem, verdient auch einen solchen Slot im Lineup. Kein anderes Konzert an diesem Wochenende hat die atmosphärische Dichte erreichen können wie das Rock-Quartett um Brian Fallon. Petrus sieht das wohl genauso und lässt eine Gewitterfront an Interlaken vorbeilaufen, die den Nachthimmel mit Blitzen wunderschön erhellt. Ich hab Gänsehaut am ganzen Körper, und als das Konzert um 23 Uhr zu Ende geht, ist mir bewusst, dass das Greenfield 2015 für mich jetzt eigentlich durch ist. Weder All Time Low noch Heaven Shall Burn werden diesen Auftritt überbieten können. Ich tue damit den beiden Bands sicher Unrecht und vor allem bei Heaven Shall Burn überbietet sich das Publikum nochmals selbst. Trotzdem… mein persönlicher Headliner ist und bleibt The Gaslight Anthem.

Zum Träumen schön: The Gaslight Anthem (Foto: Sacha Saxer)

Zum Träumen schön: The Gaslight Anthem (Foto: Sacha Saxer)

Auch Christoph kann mit Heaven Shall Burn nicht so viel anfangen und deshalb wandern wir zu unserer Lieblingslocation, dem RCKSTR Block, genehmigen uns noch ein Feierabendbierchen Drei Tage Greenfield Festival liegen hinter uns und wir spüren das Rumgerenne langsam aber sicher in unseren Knochen. We’re getting too old for this shit. Aber nächstes Jahr sind wir wohl trotzdem wieder dabei. Und Angela, die sich Heaven Shall Burn noch angesehen hat, ebenfalls.

Alle Fotos von Angela Michel, Christoph Gurtner und Sacha Saxer
Donnerstag
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