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«Sorry, ich muss das machen, ich studiere Kunst.» Ich liebe diese Ausrede und nutze sie als Legitimation für all meine verrückten Ideen. Dieses Mal: Ein Selbstversuch als Sprayerin.

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Es zischt und es ist heiss, abwechselnd laufen mir mal Schweissperlen übers Gesicht, mal Farbe über die «Wall». Ich ziehe meine schwarzen Striche über den grünblauen Hintergrund, über das Graffiti von dem, der vor mir da war. Vielleicht ist es ein paar Stunden, Tage oder wenn er in der Szene angesehen ist, sogar schon Jahre hier. Seine Arbeit, sein Graffiti an dieser Wall. Nun stehe ich ich hier und schüttle zum ersten mal eine Spraydose oder, wie sie in der Szene genannt wird, eine «Can».

sTREETARTBWEin unbekanntes Gefühl, das Werk eines anderes Künstlers zu überdecken. Wie Picasso, der manchmal Bilder von Modigliani übermalte. Doch ich bin kein Picasso, ich bin Anfängerin, «Ausprobiererin», wie ich mich selbst gerne nenne. Doch mein Kumpel, der selbst Graffiti-Künstler ist und hinter mir steht, spricht mir Mut zu und sagt: «Ey, jeder hat mal an einer Wall seine ersten Versuche gemacht und das deine Werke früher oder später übersprayt werden, gehört dazu, wenn man Street Artist ist.» – Er hat recht und ich höre auf mit meinen Fragen, die ich ihm eigentlich nur Stelle, um Zeit hinauszuzögern, bis sich langsam eine Figur aus den schwarzen Strichen ergibt. Eine Figur, die etwas unförmiger ist, als ich es von meinen Arbeit mit dem Pinsel kenne, doch vor mir fängt sie immer mehr an zu leben.

Ich mag es, wenn die Farbe von der «Wall» tropft, ich mag es, wenn der Zufall mit mir zusammen vor den Bildern steht. Es vergeht eine Stunde und eine zweite und es fängt eine dritte Stunde an und ich bewege mich immer noch vor und zurück, schaue mir die Linien, die ich ziehe von dem Gehsteg aus an. Von hier aus, wo die Fahrradfahrer meine Arbeit verfolgen, wo die Passagiere des Donau-Schiffs aussteigen und mancher den Kopf schüttelt und ich manchem die «Can» in die Hand drücke, mit den Worten: «Komm, neben mir hat es noch genug Platz, versuche es auch, vor ein paar Stunden hatte ich auch meine erste Linie hier auf der Wand gezogen. Ein Mädchen traut sich und sprayt ihren Namen mit weisser Farbe an die Wand. Ihre Striche wirken wie hingehaucht, sie drückt nicht fest drauf, wie ich, in den ersten Minuten mit meiner ersten «Can» in der Hand. Man hat Angst was falsch zu machen, denn das was man macht bleibt, hier neben dem Gehsteg, hier unter der Brücke, bis der nächste seine «Cans» anfängt zu schütteln.

Es ist eine fast meditative Arbeit, man merkt nicht, wie die Zeit vergeht. Man ist im eigenen Film, vergisst alles um sich herum. Hier darf ich sprayen, hier erlaubt es die Stadt, doch ich überlege mir, wie es wäre, wenn mir die Angst vor der Polizei im Nacken sitzen würde, stelle mir mich im schwarzen «Hoodie» mit Tuch vor dem Mund vor. Könnte ich das sein, eine Künstlerin, deren Kunst als illegal angesehen wird? Eine Künstlerin, die ihre Leinwände nicht im Laden kauft, sondern vielleicht bald die Wand des Ladens als Leinwand nutzt. Ich zerdrücke mit meinem Schuh die farbverklebten «Caps» meiner Dosen, die nun nur noch halb voll sind und um einiges leichter, wie auch mein Gewissen. Ich habe es geschafft, geschaffen, das was ich nun zusammen mit ein paar Fussgängern betrachte, mein erster Sketch an einer Wand, an einer Brückensäule neben der Donau. Dabei ist es nebensächlich, dass ich hier das erstes Mal gesprayt habe, es geht um das Statement, um den Moment wo du weisst, dass du, nennen wir es mal «Farbe geleckt» hast.

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