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Eine Stimme, so rau, dass sie Rod Steward’s «Sailing» als laues Lüftchen da stehen lässt. Texte, die gestandene Singer/Songwriter in ihre Schranken weisen. Das Debüt-Album von Giacun schlägt hohe Wellen.

Giacun – The World Behind Things (zVg)

Giacun – The World Behind Things (zVg)

Eine Stimme, rau und samtweich zugleich, mehrschichtiges Songwriting und ausgeklügelte Kompositionen, das sind die Zutaten für Giacun Schmids Debütalbum The World Behind Things. Auf ganzen vierzehn Songs zeigt er sein Können. Das ist kein zögerliches Reintippen der Zehen ins kalte Wasser, das ist das musikalische Äquivalent zu einem Sprung vom 10 Meter-Brett oder einem «All In» beim Poker. Giacun meint es offensichtlich Ernst mit seiner Musik.

Schon bei Wired, dem Opener des Albums, wird klar, dass hier kein Retortenprodukt aus den Boxen dröhnt. Ein gemächlicher Einstieg, der sich stetig steigert und die vielfältigen Möglichkeiten seiner Stimme andeutet und einem gleich zu Beginn klar macht, dass man es hier mit einem Vollblutmusiker zu tun hat.

Spätestens bei Alice zeigt sich sein Talent als Songwriter auf; geschickt verwebt er Charles Lutwidge Dodgson’s (besser bekannt unter seiner Pseudonym Lewis Carroll) Klassiker Alice’s Adventures in Wonderland mit seiner Musik zu einem vielschichtigen Titel. Äußerst tanzbar, übrigens.

I feel like Cat Cheshire
When he fades behind his grin
I’ve got 20’000 teeth
And all are bleached white by the sun
Der Titelsong kommt etwas schwerfälliger daher, was aber nicht negativ wirkt, gibt er so dem Zuhörer mehr Zeit, sich mit den Lyrics auseinander zu setzen. Und das lohnt sich definitiv. The World Behind Things besitzt Tiefe, wird jedoch von der Musik so perfekt getragen, dass er nie zu einer akademischen Aufgabe verkommt. Ein Song wie gemacht um mit einem Glas Rotwein vor dem Kamin über ihn zu philosophieren.

Zur Auflockerung folgt danach eine Überraschung: Comme Elle Vient. Das Lied wird komplett auf Französisch gesungen, schafft es aber dank dem Tempo und Giacuns rauher Stimme nicht in den üblichen Singer/Sobgwriter-Chançon-Kitsch abzurutschen.

Das Album ist stimmig aufgebaut, leise, melancholische Songs wechseln sich mit kräftigen ab. So ist der Kracher Emerald Heart, der Giacuns Reibeisenstimme herrlich mit treibenden Gitarrenklängen vereint, harmonisch zwischen The Apprentice und Atlantic City, zwei Songs, die trotz schwermütiger Inhalten mit leichter Musik auftrumpfen können, eingebettet.

Eines der Highlights des Albums ist der Song Void Walker. Die Hilflosigkeit, die in diesem Song veranschaulicht wird, zusammen mit der beinahe frechen Lockerheit der Musik, wird im offiziellen Video wunderbar eingefangen. Grosse Kunst, in jeder Beziehung:

Giacun kann auch die Bluesregister bedienen und das beweist er mit Story on a String  auf ganz eindrückliche Weise. Alleine schon der Geginn des Songs zeigt auf, wohin die nächsten Minuten den Hörer entführen werden:

There is a house where he was born some time ago,
With beautiful pictures hung up on the walls.
And the people, they told stories, clear and strong.
There was the world he used to look upon.
Auch wenn The World Behind Things mit Sweet Blue und Black Sports eher traurig aufhört, so überwiegen die positiven Tracks doch und lassen den Hörer mit dem Wunsch, das Album gleich nochmals zu hören, zurück. Und beim zweiten, dritten, – im Falle unseres Reviewers sind es mittlerweile über zwei Dutzend – Durchhören findet man immer noch neue Elemente. Textpassagen, die plötzlich einen ganz anderen Sinn ergeben, oder feine musikalische Einlagen, die eine ganz andere Bedeutung erlangen.

Giacun nimmt uns mit auf  eine Reise durch 14 Songs in seine Gedankenwelt und lässt uns teilhaben an seiner Sicht auf die Welt. Musikalisch gesehen ist es wie ein Tag im Europapark gebannt auf 12 cm. Eine Achterbahnfahrt der Gefühle, die immer wieder aus Neue spannend ist.

Auf Neudeutsch würde man Giacun wohl als «Artist to Watch» bezeichnen. Wir nennen ihn ganz schlicht einen wunderbaren Musiker mit grosser Zukunft. Wir sind gespannt, was seiner Feder als nächstes entspringt und wie seine Zusammenarbeit mit BAUM weiter verläuft. In der Zwischenzeit bleibt uns nur eine Kaufempfehlung für all jene, die sich gerne auch etwas Zeit für die Musik nehmen, aber auch für solche, die einfach mal gerne zu frischem Sound abtanzen wollen, auszusprechen.

Release:
31. Oktober 2014

Label:

Tracklist:
01 – Wired
02 – Honey
03 – Alice
04 – The World Behind Things
05 – Comme Elle Vient
06 – The Apprentice
07 – Emerald Heart
08 – Atlantic City
09 – Hunter
10 – Void Walker
11 – Story On a String
12 – Join Here!
13 – Sweet Blue
14 – Black Spots