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Die Show zum fünften Jubiläum der «Rock Meets Classic»-Reihe wartete mit grossem Staraufgebot auf. Entsprechend hoch waren die Erwartungen an den Abend.

Setzte sich gegen ihre männlichen Kollegen durch: Kim Wilde (Foto: Christoph Gurtner)

Setzte sich gegen ihre männlichen Kollegen durch: Kim Wilde (Foto: Christoph Gurtner)

Wenn man an einer Pressekonferenz eines Künstlers, der schon seit 40 Jahren im Showgeschäft ist, ein Glitzern der Vorfreude in seinen Augen sieht, wenn er über ein kommendes Projekt redet, dann muss was besonderes folgen. Genau dieses Glitzern war letztes Jahr in den Augen von Alice Cooper zu sehen, als er am Wacken Open Air über sein Engagement mit «Rock Meets Classic» sprach. Der Gedanke daran, Hits wie Poison oder No More Mr. Nice Guy von einem klassischen Orchester untermalt erleben zu können, schossen einem sofort durch den Kopf und was folgte, waren lange Monate des Wartens auf eben diese Gelegenheit. Hat sich die Warterei gelohnt?

Synthie-Klassiker klassisch gespielt

Von vorne konnte man vor Beginn des Konzerts nur den schwarzen Vorhang, auf welchen von hinten das «Rock Meets Classic»-Logo projiziert wurde, sehen. Doch mit einem Seitenblick konnte die Grösse des Orchesters schon mal erahnt werden, und die Vorfreude als auch die Erwartungen stiegen nochmals etwas an. Zu den Klängen von Sweet Child Of Mine fiel dann endlich der Vorhang, und der Umfang dieser Produktion wurde zum ersten Mal sichtbar. Das Prager Bohemian Symphonic Orchestra unter der Leitung von Bernhard Rüsch füllte in vier Rängen die gesamte Breite des Hallenstadions. Auftritt der Matt Sinner Band und des Chors zum Queen-Hit The Show Must Go On – dabei hatte sie doch gerade erst angefangen. Matt Sinner kündigte nach einer kurzen Begrüssung des Publikums auch gleich den ersten Solo-Künstler des Abends an: Midge Ure. Der Ultravox-Sänger kann auf ein riesiges Repertoire von Hits zurückgreifen und eröffnete mit dem wohl passendsten Song überhaupt: Hymn. Hier zeigte sich zum ersten Mal, wie sich klassische Instrumente und kontemporäre Musik – insofern man bei Songs aus den 70er und 80er Jahren heute noch von kontemporär reden darf – ergänzen können. Nach Breathe entschuldigte sich Midge erst mal für seinen schottischen Akzent und meinte, dass heute einige sehr alte Stücke gespielt würden. «The next song is really, really, really old. I had hair when I wrote this song.», sagte er mit einem verschmitzten Lächeln, bevor die ersten Noten von Vienna aus den Boxen klangen. Dabei kam das Orchester zum ersten Mal an diesem Abend so richtig zur Geltung. Zusammen mit dem Chor bekam dann als Abschluss Dancing With Tears In My Eyes eine völlig neue Dimension. Der Abend war eröffnet und der Grundstein für das Kommende war gelegt.

Ein Regenbogen in kräftigem Violett

Nach Schottland durfte Amerika einen Künstler stellen, und die Ehre fiel Joe Lynn Turner von Rainbow und Deep Purple zu. Trotz Sonnenbrille kam Joe Lynn zumindest bei mir nicht ganz so cool rüber, wie er es sich wohl erhofft hatte – der 80er Jahre Vokuhila trübte das Bild etwas. Dafür war sein Set mit I Surrender und Stone Cold sowie Love Conquers All vom Slaves & Masters Album von Deep Purple grandios und bei Since You’ve Been Gone riss er alle Besucher von den Stühlen, sogar die Cellistinnen konnten sich nicht mehr auf ihren Sitzen halten und spielten ihre Instrumente teilweise sogar barfuss auf der grossen Bühne. Stimmungsmässig der erste Höhepunkt des Abends, aber bei Weitem nicht der letzte.

Als kleine Lockerung des Abends spielte das hervorragende Orchester Beethovens 5. zu entspannenden Animationen auf den Bildschirmen links und rechts der Bühne.

Kim Wilde hatte danach die Aufgabe, das erst angeheizte und danach durch Beethoven wieder etwas beruhigte Publikum erneut in Fahrt zu bringen, was ihr allerdings problemlos gelang. Sie vermochte den Auftritt von Joe Lynn sogar noch zu übertreffen. Ihr Set enthielt (leider) keine Überraschungen, sondern die erwarteten Hits. Mit You Came legte sie gleich kräftig vor, aber das Highlight ihres Sets, wenn nicht des Abends, war die Umsetzung von Cambodia. Wer an diesem Abend im Hallenstadion war, kann diesen Song nie wieder mit den gleichen Ohren hören. Hier stimmte einfach alles – Instrumentierung, Chor und Kims Performance. You Keep Me Hanging On und Kids In America rundeten das Set ab, das einen würdigen Abschluss der ersten Konzerthälfte darstellte.

CH-Special

Der Zwischenhalt der «Rook Meets Classic»-Tour in der Schweiz enthielt auch ein kleines Schmankerl, auf das man andernorts verzichten musste. Nach der rund 20-minütigen Pause spielte die Matt Sinner Band mit Oli Hartmann an der Leadgitarre und am Gesang Another Brick In The Wall und sorgte sogleich wieder dafür, dass das ganze Publikum wieder auf den Beinen stand. Eine sehr clevere Songauswahl, welche die Pause sofort vergessen liess und die Besucher wieder ins Geschehen zog und den Weg für Marc Storace von Krokus ebnete. Mit Screaming In The Night und seinen schweizerdeutschen Ansagen punktete er bei den Leuten und brachte mit – «Ich bin sicher, ein paar von euch kennen diesen Song» – Bedside Radio die Stimmung zum Kochen. Er profitierte ganz klar vom Lokalbonus und hatte die Halle fest in seiner Hand. So konnte man ihm nicht mal die Werbung für die erst gerade erschienene Live-Scheibe Long Stick Goes Boom übelnehmen. Mit dem gleichnamigen Song schloss er dann auch unter grossem Applaus das kleine CH-Special ab und übergab die Stage an Mick Box und Bernie Shaw von Uriah Heep.

Noch einmal jung sein – oder sich zumindest so fühlen

Die beiden Urgesteine des Rock schienen die Headliner der Herzen des Publikums zu sein. Die Stimmung war ab dem ersten Ton von Easy Livin’ an angeheizt und auch auf den Rängen waren die Leute am Tanzen. Bernie band die Zuhörer gekonnt in den Auftritt mit ein, sorgte dafür, dass sie bei Free Me kräftig mitsangen und zeigte, dass Uriah Heep noch lange nicht zum alten Eisen gehören. Gekonnt konzentrierten sie jahrzehntelange Übung im Umgang mit dem Publikum auf vier Songs; ganz grosses Kino. Mit July Morning vom Demons & Wizards Album gingen sie weiter zurück in der musikalischen Vergangenheit, und für die meisten Anwesenden brachten sie ein Stück Jugend zurück. Die Präsenz von Mick und Bernie war so einnehmend, dass es erst gar nicht auffiel, dass Lady In Black komplett ohne Orchester eröffnet wurde. Dieses stieg erst ab etwas der Hälfte des Songs mit ein und trieb den ohnehin schon genialen Song in weitere Höhen.

Im Anschluss durfte das Orchester wieder im Rampenlicht stehen und spielte He’s A Pirate. Ein Hauch von Hollywood wehte durch das Hallenstadion, und irgendwie hätte es wohl kaum jemanden verwundert, wenn plötzlich Johnny Depp als Jack Sparrow auf der Bühne erschienen wäre. Die Atmosphäre im Stadion war an diesem Abend so speziell, dass man mit allem rechnen konnte.

Orianthi and the Son Of A Preacher Man

Noch bevor der Headliner des Abends angekündigt wurde, tratt die australische Singer/Songwriterin und Gitarristin Orianthi auf die Bühne und stahl allen die Show. Die Frau besitzt ein unglaubliches Charisma und steht, auch wenn sie eher zurückhaltend auftritt, sofort im Mittelpunkt. Aber genau so eine Künstlerin braucht es an der Seite von Alice Cooper, der sonst die Bühne komplett für sich eingenommen hätte.

Sein – als Headliner etwas umfassenderes – Set wurde von House Of Fire eröffnet. Das Orchester wurde dazu passend in rotes Licht getaucht und der Song mit Pyroeffekten visuell unterstützt. Davor war noch kurz Hello Horray angespielt, zu welchem Alice Cooper unter einem Pyro-Vorhang auf die Bühne trat. No More Mr. Nice Guy durfte an diesem Abend natürlich nicht fehlen, aber Only Women Bleed war dafür eher unerwartet – und somit eine willkommene Abwechslung im Greatest Hits-Reigen. Die kleine Tanztheatereinlage einer leichenblassen, langbeinigen und sehr gelenkigen Tänzerin versuchte wohl den nicht ganz so starken Song in die gleiche Kategorie wie die übrigen Klassiker zu hieven, aber auch mit dem von Kunstblut triefenden Biss der Tänzerin in Alice’s Arm vermochte sich das Stück nicht wirklich in den Abend eingliedern. Zu aufgesetzt wirkte die Performance. Zum Glück kehrte mit Welcome To My Nightmare auch gleich wieder die gewohnt gute Stimmung zurück und mit dem lang ersehnten Poison – die Bühne in giftig grünes Licht getaucht – erreichte das Konzert seinen Höhepunkt. Präzise gezündete Pyros unterstrichen den Song visuell, und dank dem Einsatz des Orchesters wuchs der Song über sich hinaus und kulminierte schlussendlich im Abgang der Musiker.

Diese kehrten natürlich noch einmal für das Grande Finale auf die Bühne – sämtliche Einzelkünstler sangen im Duett mit Alice Cooper School’s Out, und man sah auch aus weiter Ferne, was für einen Spass die Musiker hatten. «Rock Meets Classic» ist nicht nur für die Besucher ein besonderes Ereignis.

Nach rund drei Stunden ging ein herausragender Konzertabend zu Ende, und ringsum hörte man nur lobende Worte und Vorfreude auf ein Wiedersehen nächstes Jahr. Und das zu Recht – die Zusammenarbeit des Bohemian Symphonic Orchestra von Prag und den Rockgrössen war perfekt durch choreographiert und gab den geliebten Liedern ein neues Gewand, dass an jeder Fashion Show Köpfe verdrehen würde. Die einzigen Kritikpunkte, die ich persönlich sah respektive hörte war ein unschönes Knistern aus den Boxen während des finalen Auftritts aller Künstler, und die Setliste, die in den meisten Fällen sehr voraussehbar war. Etwas mehr Mut wäre erfrischend gewesen, und gerade Songs, die an den üblichen Konzerten der jeweiligen Künstler keinen Platz finden, wären hier gut aufgehoben gewesen. Might As Well Be On Mars von Alice Cooper beispielsweise hätte wunderbar mit dem Orchester harmoniert. Alas, das ist Jammern auf höchstem Niveau.

Man darf gespannt sein, welche Künstler mit «Rock Meets Classic» 2015 auf Tour gehen. Ein grossartiges Ereignis wird es mit Sicherheit wieder werden.

Fotos von Christoph Gurtner