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Der Papiersaal beim Sihlcity, bestens bekannt für die «80s Forever» Party-Reihe, ist regelmässig auch Gaststätte für erlesene Künstler abseits des Mainstreams. Am 11. März beehrte Joshua Radin die Limmatstadt und wir waren mit dabei.

Ich hätte zu Korn in die Samsung Hall gehen können. Und doch habe ich mich für Joshua Radin im Papiersaal entschieden. Statt mich durch tausende Metalheads zu kämpfen, bevorzugte ich es, mir einen gemütlichen Abend mit dem smarten Songwriter aus LA zu machen.

Ich wusste ja, dass mich grosse Singer/Songwriter-Kunst erwarten würde. Dass mich dies schon beim Supportact erwarten würde, damit hatte ich nicht gerechnet. Lily & Madeleine, zwei Schwestern aus Indianapolis, Indiana, hatten die Aufgabe, das als dezent zurückhaltend bekannte Zürcher Publikum für den Begründer des Whisper-Rock aufzuheizen. Spätestens mit der Ansage: «Ich bin Madeleine und das ist meine Schwester Lily. And that’s all the German I know.» hatte das Duo das Publikum in der Hand.

Mein Fotografenherz blühte auf, als ich die beiden Schwestern auf der Bühne sah, mein Musikjournalistenherz blühte auf, als ich die beiden spielen und singen hörte. Das Spiel mit der Sprache, die Emotionalität der Lyrics verbunden mit den eingängigen Melodien und der Authentizität und Leichtigkeit der Musikerinnen sorgten in kürzester Zeit dazu, dass sie, obwohl sie hierzulande noch gänzlich unbekannt waren, die Zuhörer auf ihrer Seite hatten.

Auch mit ihren Ansagen, wie beispielsweise zum Song Paradise «Wir sind acht Stunden von Wien hierher gefahren. Das war echt lange. Aber es war es wert. Wir hatten zum ersten Mal die Alpen gesehen. Deshalb passt dieser Song perfekt.»

Charmant, auf dem Boden geblieben, musikalisch grossartig… eigentlich genau die Art Musiker, wie man sie an einem Songcircle erleben darf. Wer weiss, vielleicht treten sie auch auf der Platform mal auf – sie wollen auf jeden Fall wieder nach Europa kommen.

Mit diesem Duo hatte sich Joshua Radin die Arbeit nicht leicht gemacht. Lily & Madeleine hatten das Publikum begeistert – die einzige Enttäuschung war, dass sie keine CDs dabei hatten – und im Gegenzug waren sie auch angetan von den Besuchern: «Ihr seid so aufmerksame Zuhörer, das sieht man nicht alle Tage.» Und tatsächlich war das Publikum für einmal nicht permanent am Reden, sondern hörte beiden Künstlern aufmerksam zu, sang und klatschte mit. Eine wahre Freude.

Kraftvolles Flüstern

Erwartungsgemäss war die Stimmung bei Joshua noch besser. Schliesslich kamen die Leute ja auch wegen ihm in den Papiersaal. Mit den beiden Leuchtern bot dieser auch das perfekte Ambiente für den Auftritt. Gedämpftes, warmes Licht für eine leichte, warme Stimme. Auch wenn sein Gesang sehr sanft, ja wie ein Flüstern daherkam, so erreichte der Inhalt seiner Songs dennoch jeden im Raum.

Radin spielte gekonnt mit seinem Charme und wickelte das überwiegend weibliche Publikum schnell um seinen Finger. Immer ein Lächeln auf den Lippen, intensive Blickwechsel – der Mann kannte seine Besucher und wusste, wie er sich in ihre Herzen spielen konnte. «Hat jemand Schokolade für micht? Ich hab das Abendessen verpasst und hab jetzt nur einen Whiskey. Ich hab gehofft, dass mir jemand Schokolade mitbringen würde.» Tatsächlich kriegte er darauf ein Schokoherz überreicht. «Ich hab das eigentlich als Witz gedacht.», meinte er sichtlich gerührt und witzelte weiter: «Ich hab nach Schokolade gefragt und welche erhalten… habt ihr auch noch ein paar Bankkonten zu viel?»

Die Hintergründe für seine äusserst persönlichen Lieder waren meistens gescheiterte Beziehungen. Er nutzte er diesen Umstand aber auch gerne für humoristische Ansagen wie: «Ein Mädchen hat mir vor acht Jahren das Herz gebrochen. Aber das ist OK, das hat mir Material für knapp fünf Alben geliefert.»

Mit dem politischen Klima in seiner Heimat war er nicht glücklich, aber auch dies nahm er mit Humor.

«I’m not a true representative of my country. I know how to read.»

Er sei aber kein politischer Mensch, meinte er. «Ich geh wählen, aber grösstenteils singe ich eifach über Liebe.» Und die Liebe war definitiv das gängigste Thema seines zwanzig Lieder umfassenden Sets. Als dieses nach rund 75 Minuten zu Ende war, machte er sich über das Prozedere mit den Zugaben lustig. «Eigentlich sollte ich jetzt von der Bühne gehen, in so einen kleinen Raum gehen und dort auf das Klatschen warten. Das ist so unangenehm… Ich bleibe lieber hier und spiele noch ein paar Songs.» Was er dann auch genauso tat und Coverversionen seiner Idole zum Besten gab: Duncan von Paul Simon und Don’t Think Twice, It’s All Right von Bob Dylan.

Was diesen Abend aber so besonders machte, war nicht nur die grossartige Musik, sondern die Intimität zwischen Künstler und Publikum. Keine Bühnenshow, keine Videoleinwände, keine auffällige Lichtshow; nichts lenkte von der Performance ab. Dadurch wirkten die Darbietungen aufs Wesentlichste reduziert, die Musik erreichte die Hörer unmittelbar.
Hoffentlich werden Lily & Madeleine und Joshua Radin noch lange in Locations wie dem Papiersaal auftreten. In einem grösseren Rahmen würde diese starke Verbindung verloren gehen.