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Jean-Michel Jarre, der Grossmeister der elektronischen Musik, beehrte im Rahmen der «Electronica World Tour» endlich wieder einmal die Limmatstadt mit einem Besuch.

Nach dem grossartigen Konzert vor fast genau fünf Jahren waren die Erwartungen an den Abend entsprechend hoch. Was kann bei jemandem, der schon über 40 Jahre im Geschäft ist und wesentlich dazu beigetragen hat, das, was wir heute von einem Konzert erwarten, mitzugestalten, schon schief gehen. Zumindest auf der technischen Seite funktionierte alles einwandfrei, anders als vor fünf Jahren, als kurzzeitig ein Teil der Anlage ausfiel.

Beats wie in der Dorfdisco

Musikalisch gesehen hingegen funktionierte einiges nicht mehr so, wie mal es sich von Jean-Michel Jarre gewohnt war. Die sphärischen Klangwelten, in welche man beim Zuhören entspannt eintauchen konnte wie in einem geheizten Pool beim Spa-Besuch, diese Klangwelten, die das Markenzeichen seiner Musik waren, wurden durch «moderne» Beats, wie man sie in jeder Dorfdiskothek mittlerweile zu hören kriegt, völlig platt getreten. Aus dem akustischen Äquivalent eines Schloss Neuschwanstein wurde die Ruine einer römischen Befestigungsanlage. Aus dem herumschwirrenden Kolibri wurde ein apathisches Nilpferd.

In den ersten 50 Minuten drängte sich immer mehr das Gefühl auf, dass man statt beim Meister der Synthesizer bei einem Auftritt von David Guetta gelandet war. Einzig die Highspeed Nummer Exit, die in Kollaboration mit Edward Snowden vor ein paar Monaten in Moskau komponiert wurde, lockerte die durch den als Anästhetikum wirkenden Beat entstandene Monotonie etwas auf.

Nach gut 50 Minuten spielte Jarre endlich ein paar alte Hits genauso, wie man sie kannte. Besonders Souvenir de Chine entschädigte für die Demontage seiner Musik. Leider kam nur knapp ein Drittel des Sets im klassischen Gewand, welches einen in Erinnerungen schwelgen liess und die Fantasie beflügelte, daher. Es bleibt zu hoffen, dass diese Anbiederung an den banalen Dancefloor-Sound nur von kurzer Dauer sein wird, denn am 2. Dezember kommt pünktlich zum 40-jährigen Jubiläum von Oxygène der dritte Teil Oxygène 3 auf den Markt. Eine erste Hörprobe von Teil 17 klingt schon mal vielversprechend.

Augenschmaus

Ein Konzert von Jean-Michel Jarre ist neben der Musik auch ein Fest für die Augen. So waren auch an diesem Abend die Visuals ein Leckerbissen. Zwei mehrgliedrige LED-Vorhänge, die jeweils am vorderen und hinteren Ende der Bühne entlang der gesamten Breite hin- und herfahren konnten, ermöglichten effektive 3D-Animationen und dienten gleichzeitig als gigantische Monitore für die Aufnahmen aus Jarres Synthesizerküche.

Während die meisten Tracks eher einfache geometrische Muster, die mehr oder weniger im Takt zur Musik pulsierten, als optische Untermalung kriegten, stachen besonders die visuellen Effekte zu den Kollaborationen mit den Pet Shop Boys und Edward Snowden hervor. Passend zum Tempo von Exit flitzen die Graphiken wie bei einer Hochgeschwindigkeits-Verfolgungsjagd über die LED-Vorhänge, bremsten nach Zweidritteln des Songs zusammen mit der Musik ab um daraufhin einer kurzen Ansprache Snowdens zum Thema Privatsphäre dessen Konterfei zu zeigen, bevor es mit der wilden Hetzjagd weiterging. Zu Brick England zeigte der hintere Vorhand die stilisierten Köpfe der Pet Shop Boys, während der vordere Platz für hüpfende Linien bot.

Fahler Nachgeschmack

Anders als noch vor fünf Jahren hielt sich der Einsatz von Laserstrahlen, ein weiteres Merkmal seiner Konzerte, sehr im Rahmen und die gigantische Rückprojektion, die damals die gesamte Breite des Stadions einnahm, fehlte komplett. Dafür kam die Laserharfe auch wieder zum Einsatz, kurz vor Ende des regulären Sets.

Wenn der Spruch «Früher war alles besser» jemals gegolten hatte, dann sicher an diesem Abend. Sowohl musikalisch als auch optisch war das Konzert ein grosser Rückschritt zu jenem vor ein paar Jahren. Klar, es ist schön, wenn sich ein Musiker weiterentwickelt. Wenn dadurch aber aus psychedelischem Groove banaler stampfender Beat wird, hätte er es besser gelassen. So bleibt von der Vorfreude heute leider nur ein fahlen Nachgeschmack.