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Kurz vor Jahresende tauften Freelancer ihre Platte «Embryo» in der Alten Kaserne. Es war ein gemütlicher Abend mit nostalgischen Gitarren, verträumten Gesangspartien und einigen Gastauftritten.

Am Abend der Freelancer-Plattentaufe wird Zürich kurz von einem Schneesturm heimgesucht, der das Busnetz lahmlegt. So erreiche ich die Alte Kaserne mit einiger Verspätung und bekomme von der ersten Band Down On Earth gerade mal den letzten Song mit. Das gehörte klang gut, und der halbvolle Saal, der nach dem Gig in lauten Applaus ausbricht, bestätigt meinen vagen Eindruck.

Fabbl TV dominiert den Raum. Bild: Evelyne Oberholzer

Links strahlt gross und gleich dreifach das Fabbl TV-Logo von der Wand. Hinter der Band leuchtet das Sujet ein viertes Mal. Freelancer-Sänger Fabian Moor hat seinen Youtube-Channel für die Plattentaufe medienwirksam inszeniert.

«Uf däm Kanal portraitier ich  liideschaftlichi Musiker und Musikerinnen», erklärt Fabian später. Dieser Abend sei nicht nur eine Plattentaufe, sondern auch ein Startschuss, weshalb der Abend auch als Fabbl TV Release Party geführt wird. Zu den portraitierten Künstlern gehören auch jene, die heute Abend auftreten werden: Akina McKenzie, Asep Stone und Soybomb

Grosse Stimmen, verklärte Melodien

Die Pausen zwischen den einzelnen Bands sind knapp bemessen, und kurz nach Down on Earth stehen Freelancer schon auf der Bühne.
Flankiert wird Sänger und Gitarrist Fabian von zwei Frauen: Rechts von ihm steht Violinistin Rahel Aebersold, die in ihrem weissen Kleid gut zu der vertäumten Musik der Band passt, links hat sich Sängerin Jana Rüedi in Position gebracht – passend gekleidet in einem hellen Fabbl TV-Shirt.
Abgerundet wird das Ensemble von Bassist Robin Hostettler und Luciano Vignoli am Schlagzeug.

Rahel Aebersold in feenhaft weissem Kleid. Quelle: Evelyne Oberholzer

Schon zu Beginn des Konzerts zeichnet die Band ein eindeutiges Bild. Während die Musik zu träumen und langsam schwankenden Tanz einlädt, singt Fabian leidenschaftlich darüber, ein Duschvorhang zu sein.
Der nächste Song beginnt basslastiger und damit härter. Die Geige klingt nach Orient und Gipsy-Tanz, dazwischen lädt sie die Musik über Dissonanten mit Spannung auf. Nach dem langen instrumentalen Intro setzt Jana ein, unartikuliert schwebt ihre Stimme hoch über einem Klangteppich, der sich immer wieder knüllt und steigert, ehe er den Zuhörer in flauschige Glätte entlässt. Fabian setzt ebenfalls ein, seine Stimme bleibt in tiefem Kontrast zu der Janas.

Mir ist zwischendurch nicht ganz klar, ob ich ein langes, komplexes Lied höre, oder ob die Band mehrere Songs nahtlos aneinander gereiht hat. Die Gäste tanzen, zwischendurch johlt jemand. Und wieder steigert sich die Musik, bis Fabians Stimme mit einem einzelnen Gitarren-Akkord verstummt.

Nun begrüsst der Frontmann das Publikum und stellt die zu taufende Platte vor: «Es hät en Embryo druf vomene Pinguin, und e Churzgschicht wo verzellt, das er im Ei sitzt und sich ufd Wält freut, will er nanig weiss, das alles chalt und wiss isch.»

 

Bluessängerin McKenzie bei ihrem Gastauftritt. Bild: Evelyne Oberholzer

Weiter gehts mit dem Konzert, bei dem nun auch die erste Gastkünstlerin auf die Bühne kommt. Akina McKenzie, die diesen Sommer von der Montreux Jazz Foundation als eine der drei besten Singer/Songwriter des Landes ausgezeichnet wurde stellt sich selbstbewusst vor das Mikrofon. Ihr dunkles Timbre ergänzt die Klangfarben der Band hervorragend.

«Zum Glück klatsched ihr so lang. Da hämmer Ziit zum d Gitarre stimme.»

Jana Rüedi mit ihrer Engelsstimme. Quelle: Evelyne Oberholzer

Der nächste Song ist Teilen des Publikums offenbar vertraut. Als das Intro beginnt, brechen Fans in «Juuuh»-Rufe aus. Das Lied ist baladesk, mit Melodiephrasen, die irgendwie nie so enden, wie man das erwartet hätte.

«Asep Stone!», ruft Fabian am Ende des Songs und der Jimi Hendrix-Imitator, welcher bereits mit dem Original-Hendrix-Bassisten in einer Band gespielt hat, kommt mit seiner Gitarre auf die Bühne.
In bester Hippie-Gitarrengott-Manier klampft er begeistert los und setzt zu einem langen Solo an. Immer wieder mischen sich begeisterte Publikumsrufe in sein Spiel und treiben die knapp fünf-minütige Jamsession der fünf Musiker voran.

Mit dem ihm eigenenen, ironischen Humor bedankt sich Fabian beim Publikum: «Viele Dank, das er all da ane chos sind. Ich han scho Angst gha, das niemert chunt.» Das Pubklikum lärmt ermutigend. «Zum Glück klatsched ir so lang, da hämmer Ziit zum d Giarre stimme.»

Multitalent mit lädierten Fingern: Fabbl TV-Macher und Musiker Fabian Moor. Bild: Evelyne Oberholzer

Der letzte Song beginnt mit Fabians Solo-Gesang. Langsam, tragend, einen einzelnen tiefen Punkt vibrierend tangierend. «Der hat eine schöne Stimme», sagt ein Zuschauer hinter mir. Feuerzeuge wiegen sich im Rhythmus, und nun erhebt auch Jana ihre Stimme. Dann setzen die Saiteninstrumente ein, zart und spährisch, sogar die Violine wird gezupft. Und mit einem Schlag wird der Song unerträglich intensiv. Die Stimmen reiben aneinander, halten die Spannung und lösen sie endlich auf. Oh, Life endet mit dem unbegleiteten Duett.

Die Stimmen verklingen. Die Band verbeugt sich und verlässt die Bühne.

Erst mal Ruhe vor dem Sturm

Zumindest Fabian bleibt nicht lange Backstage. Nach dem Konzert schlendert er durch den Publikumsbereich und bleibt für einen Schwatz stehen. Die nächsten Konzerte stünden erst im März an, erklärt er, als ich ihn nach den Zukunftsplänen frage. «Ich habe vor einigen Wochen zwei Finger gebrochen und dürfte eigentlich noch nicht spielen», erklärt er und mir wird klar, weshalb die Finger während des Konzertes mit Tape eingebunden waren.

Kurz darauf treffe ich Gastsängerin Akina McKenzie beim Rauchen, und frage sie, wie sie den Auftritt erlebt hat. Akina ist mit ihrer eigenen Leistung nicht ganz zufrieden. «Diese Ein-Song-Auftitte sind sehr schwierig, weil ich dann immer so nervös bin. Ich habe gründlich geübt, bin dann aber ins Improvisieren verfallen. Das passiert häufig, wenn ich nervös bin. »

Asep Stone gehen ab. Bild: Evelyne Oberholzer

In der Alten Kaserne stehen derweil Asep Stone auf der Bühne. Die Band klingt schwungvoll, bluesig, stoner-rockig und irgendwie schwer nach 1968. Leider kann ich das ich das Konzert nicht zu Ende sehen, da mich die ÖV-Verbindungen zum Gehen nötigen.

Mit den knorzigen Hippie-Gitarren im Ohr verlasse ich die alte Kaserne. Draussen hat der Schneesturm nachgelassen, und die Nacht ist erstaunlich mild. Wie bei Freelancer. Auf den Sturm folgt eine Ruhe, die schon die Kraft des nächsten Blizzards in sich trägt.