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Es passiert leider viel zu selten, doch es passiert immer mal wieder: Man geht an ein Konzert einer einem völlig unbekannten Band und wird nicht nur einfach positiv überrascht sondern regelrecht weggeblasen. Nicht von übermässig lauter Musik, sondern von der Wucht der Arrangements und der Tiefe der Texte, dem Ausdruck der Musiker. Kann sich dieser Live-Eindruck auch beim Album auf der heimischen Anlage wiederholen?

Wer sich nur für schnelle Riffs, wummernde Bässe oder belanglose Lyrics interessiert, der braucht gar nicht weiter zu lesen. Heute hab ich nichts für euch, die Fast Food-Küche bleibt für einmal geschlossen, versucht’s morgen wieder. Für alle andern, die ihren musikalischen Horizont gerne mal öffnen und bereit sind, etwas eigene Musik an ihre Gehörgänge zu lassen, sind gebeten, sich zu Tisch zu begeben, denn es ist schon angerichtet. Das heutige Menü besteht aus einer deftigen Seite Lacrimosa auf einem Beet von Persephone, abgelöscht mit einem feinen Schuss Emilie Autumn und abgeschmeckt mit einer Prise Nightwish aus der Tarja Turunen-Ära. Das Gericht nennt sich Mindfield aus der Cuisine Deep Well, zu finden in Basel und Gränichen.

Als Hor’s d’Oeuvre empfiehlt der Chef das Intro Entering Mindfield, welches den Gast zunächst sanft, dann mit immer fordernden Cello-Saitenstreichereien zu beruhigenden Klarinetten-Klängen ins Mindfield entführt.
Als nächsten Köstlichkeit des heutigen Menüs, welches über 12 eigenständige Gänge verfügt, entführt Maybe mit der Intensität einer Emily Autumn und der Klangfarbe einer Persephone – ohne dabei an Eigenständigkeit einzubüssen – den Geniessenden in eine Klangwelt, die ihn über die nächsten zehn Gänge nicht mehr loslassen wird. Sylvias Stimme trägt den Geist, den Schwingen eines Adlers gleich, über einen exquisit gewebten Klangteppich, welcher durch den Einsatz von sechs Gastmusikern zu einem Ganzen, das weit mehr als nur seine Teile in sich vereint, zusammen wächst, in eine Sphäre völliger Offenheit. Hier im Mindfield erhält der Zuhörer Zugang zu der ganz speziellen Musik eines Ausnahmeduos, welches sein ganzes Herzblut in die Entstehung dieses Menüs gesteckt hat.

Ganz besondere akustische Gaumenfreuden sind das von Pathos triefende Mother und die Balladen Merrytale und My Pain, welche jeweils mit zuckersüssem Guss die bittere Füllung zweier schwermütiger Songs einfacher zu verdauen verstehen.

Als letztes Amuse Bouche führt das Outro Exiting Mingfield den geneigten Zuhörer sanft wieder zurück in die kalte Realität bis zu seiner nächsten Zuflucht im Mindfield. Zurück bleibt ein wohliges Gefühl und das unterschwellige Verlangen nach mehr.

Ich wurde selten so überrascht bei einem Album – egal welcher Band – wie beim Debut des Schweizer Duos Deep Well. Die klassisch ausgebildete Stimme der Sängerin Sylvia und die intelligenten Arrangements vom Gitarrist Martin ermöglichen eine intellektuell stimulierende Abwechslung zum musikalischen Einheitsbrei, den man sonst vorgesetzt kriegt. Durch das Einklammern des Albums mit den instrumentalen Stücken Entering Mindfield und Exiting Mindfield sieht man schon beim Betrachten der Tracklist, dass hier Musik angeboten wird, die sich vom Durchschnitt absetzen will. Die Lyrics sind teilweise gemischt in Deutsch und Englisch, was automatisch das Interesse, den Text nochmals näher anzusehen, erhöht, da man ja zumindest einen Teil davon sofort versteht.
Ein grosses Dankeschön gebührt auch den sieben Gastmusikern, welche mit ihren Instrumenten dem Werk um so mehr Tiefe verleiht haben. Ohne Andi Knaus (Keyboards), Anita Walde (Klarinette), Fränzi Mosimann (Violine), Marcel Stalder (Bass), Martin Dürrenmatt (Drums) und Pascal Ernst (Cello) wäre Mindfield nicht ansatzweise das Album geworden, das ich jetzt in den Händen halte.

Für mich nicht nur das Album des Monats – nein, es erhebt völlig zu Recht den Anspruch das Album des Jahres zu werden.

 

Deep Well – Mindfield

01 Entering Mindfield
02 Maybe
03 Moment
04 Magnificence
05 My Pain
06 Mors
07 Metamorphose
08 Memento
09 Merrytale
10 Mother
11 Miraculous
12 Exiting Mindfield