Mit Iscariot Blues, dem vierten Album von The Beauty of Gemina, zieht Sänger Michael Sele einen Schlussstrich: Nach drei erfolgreichen Alben folgt nun das vierte, das stärker denn je neue Wege beschreitet. Die erfolgreiche Wave-Band aus dem Sarganserland entwickelt sich spürbar weiter und lässt frische Elemente einfliessen.

Der Name Iscariot ist in unseren Breitengraden nicht geläufig. Bibelfeste wissen, dass es sich dabei um den Nachnamen von Judas handelt. Der Mann, der Jesus an die Römer verriet. Ein religiöser Albumtitel für eine Musikgruppe aus dem Wave-Gothic-Umfeld? Michael Sele dementiert die Behauptung, ein religiöser Mensch zu sein:

„Für mich ist ein religiöser Mensch jemand, der seinen Glauben im Alltag auslebt. Insofern bin ich keiner.“

Das Album setzt sich vielmehr mit der Spannbreite zwischen den beiden Begriffen „Iscariot“ und „Blues“ auseinander.  Der religiöse Aspekt, dargestellt durch die tragische Figur des Judas Iscariot, manifestiert sich in der einen Frage: Was ist Sünde und was ist Vergebung?
Übertragen in die heutige Gesellschaft wirft das Bild des verräterischen Judas, der am Ende trotzdem die Absolution empfing, eine andere Frage auf: Was sind die Konsequenzen unseres Handelns? Heutzutage ist alles machbar, muss nicht hinterfragt oder gar vorverurteilt werden. Denn die gottgegebene Vergebung folgt ohnehin.
„Blues“ hingegen steht für das Gefühl einer solchen verräterischen Person. Wie düster ist es in einem solchen Protagonisten? Fühlt er Schuld? Das Religiöse wird nicht in Iscariot Blues nicht als dogmatischer Ansatz dargestellt; vielmehr geht Sele auf das Menschliche in der Religion ein.

„Was steckt hinter grossen Begriffen wie Frieden? In der Bibel wird man sehr intensiv mit solchen Themen konfrontiert. Es geht um den Menschen und sein Drama, seine Hoffnungen, seine Emotionen. Und letztendlich: Wie verantwortungsvoll geht man mit seinem Leben um. Es ist eine tiefe Sehnsucht im Menschen, auch im Künstler, wissen zu wollen, wie das humane Umfeld funktioniert.“

Dieses Bild des „Iscariot Blues“ ist der rote Faden, der sich durch sämtliche Songs zieht. Doch Textzeilen wie „feel the death of God“  aus dem Song Dark Revolution sind auch in weltlicher Sicht bewusste Provokation. Denn die Machthaber unserer Welt sind stets auf die eigene Absolution bedacht. Taten bleiben ungestraft, ihnen wir verziehen und sie kommen in ihren Himmel.

„Wenn das wirklich das Konzept der Götter, auf die sie (die Mächtigen, Anm. d. R.) sich beschwören, wäre, dann können diese Gottheiten wirklich nicht mehr so lebendig sein.“

The Beauty of Gemina klagt aber nicht nur an. Michael Sele besingt in Dark Revolution ebenso die utopische Vorstellung der Schwarzen Szene. Diese stehe für ihn immer noch für eine gewisse Freiheit und Individualität. Zweifellos ein schöner Gedanke und es bleibt zu hoffen, dass sich solche Werte wieder mehr in die Gesellschaft einbinden. So ist Dark Revolution eine Hymne auf das selbstbestimmte Sein, die einen Gegenpol zum gleichgeschalteten Leben propagiert. Gleichzeitig stellt der Song das Bindeglied zwischen der religiösen und der politischen Thematik des Albums dar.

„Gerade im Jahr 2011 sehr viele junge Menschen auf die Strasse gegangen sind. Man versucht sich wieder Gehör zu verschaffen. Das halte ich für eine positive Erscheinung. Demokratie ist gut. Aber ohne eine gewisse Form der Rebellion kann man diese Regierungsform gar nicht aufrecht erhalten.“

June 2nd ist der wohl offensichtlichste Pranger, an den Gewalt, Hass und Terror gestellt werden. Ein eindrückliches und bewegendes Stück Musik. Der Song ist im Gedenken an Benno Ohnesorg geschrieben worden. Ohnesorg, ein junger Student, welcher 1967 bei seiner ersten politischen Demonstration in Westberlin erschossen wurde.
Er habe in der Zeit, in der die Texte zum Album entstanden seien, sehr viel gelesen, sagt Sele. Das Interesse, einem Teil seiner Jugend, dem „Deutschen Herbst“, auf die Spuren zu kommen, brachte ihn dazu, der Schlüsselfigur Benno Ohnesorg einen Song zu widmen.  Auch wenn der Tod des Studenten bereits Jahrzehnte zurückliegt, hat der Song grossen Bezug zur Gegenwart.

„Den Weg zur Demokratie im Arabischen Raum verfolge ich mit einem grossen Respekt vor diesen Leuten, die sich gegen alle diese Widerstände durchsetzten und einen unglaublich hohen Preis bezahlen, um ihre Ziele zu erreichen.“

Michael Sele nun aber als neuen Messias der Protestsänger zu bezeichnen würde viel zu weit gehen. Zwar sind solche Anti-Kriegslieder wie Kings Men Come oder jüngst June 2nd nicht mehr populär, doch die Zeit wäre reif, dass sie wieder Fuss fassen könnten.

Musikalisch scheint Iscariot Blues die Pforten geöffnet zu haben. Der akustischen Gitarre wurde mehr Raum gewährt. Das führt soweit, dass dem Song Badlands zumindest zu Beginn einen Country-Einschlag attestieren kann. Auch die Experimente mit der klassischen Rockorgel wirken zuerst befremdet im so dunklen Klanguniversum des „Gemina-Sounds“. Ein bewusster Entscheid zur Veränderung sei es aber nicht gewesen, so Sele:

„Die Idee, einen Gegenpol zum Wave-Sound einzubringen, hat mich fasziniert.“

Die ersten drei Alben haben gemeinsame Aspekte verkörpert. Die Ästhetik war vergleichbar, was die Werke zu einer losen Trilogie vereinte. Iscariot Blues bricht nun die Linien und schlägt ein neues Kapitel auf:
Der leichte Anflug von Optimismus ist spätestens beim Song Prophecy verblasst. Düster, monoton und bedrückend. Ein typischer Gemina-Song mit tiefem Arrangement. Sele ist auf den Spuren der frühen 80er-Jahre à la Bauhaus, erweitert diesen klassischen Sound aber mit modernen Klängen.
Und wie sieht der neue Abschnitt in der Geschichte von The Beauty of Gemina aus?

„Unser Schwerpunkt wird es sein, vermehrt live zu spielen. Wir möchten noch mehr Länder bereisen und haben auch schon spannende Angebote von Südamerika oder China.“

Das vierte Album Iscariot Blues der Schweizer Wave-Band The Beauty of Gemina erscheint am 13. Januar 2012.

Tracklist

1. Voices of Winter
2. Haddon Hall
3. Badlands
4. Golden Age
5. Stairs
6. Prophecy
7. Dark Revolution
8. June 2nd
9. Seven-Day Wonder
10. Last Night Home

Label: Universal Music Switzerland

Interview mit Michael Sele vom 14. Dezember 2011.

Bilder: Nicola Tröhler / zVg