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Nadja Stoller ist eine Band und doch ein Solo-Projekt. In ihrer Musik erklingen zahlreiche Musiker und doch nur einer. Denn die Bernerin ist als Multiinstrumentalistin ihre eigene Band, in ihrem eigenen Universum. Denn auch wenn ihr neues Album Earthbound betitelt ist, ihre Musik spielt in ganz anderen Sphären.

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Nadja Stoller – erdgebunden und doch in einer anderen Galaxie (Foto: zvg)

 

Am Anfang ist es vielleicht nur ein Klavier, ein leises Wummern oder das Säuseln einer Stimme. Doch Stück für Stück, Phrase für Phrase formt sich beim Hören von Nadja Stollers neustem Werk Earthbound ein Ganzes Gebilde. Ein Gebilde, das klingt als ob eine ganze Maschinerie von Instrumenten dahintersteckt, aber niemals eine einzige Person. Doch ist da stets dieselbe Person hinter diesen Klang-Konstruktionen, ab Album als auch auf der Bühne. Die Welt der Nadja Stoller ist bunt und gelöst von simplen Strukturen. So sehr, dass sie gleichzeitig «erdgebunden» aber auch «erdwärts» sein kann. Es gibt jedoch nur jemanden, der das Denken und Vorgehen hinter alldem in Worte fassen kann. Die Musikerin höchstpersönlich.

Vor Earthbound war Alchemy und noch weiter davor ein Trip nach Paris, nur mit Rollkoffer und Instrumenten. Damals wolltest du weg von ständigen Terminen, ewigen Zeitverhandlungen mit Mitmusikern und dem Jonglieren von Gagen wenn es um Konzerte ging. Wie steht es nun, vier Jahre und ein neues Album später um die Mühen und Freuden des Musikzirkus?

Nadja Stoller: Wichtige Beweggründe, mein Soloprogramm ins Leben zu rufen, waren damals wie heute vor allem die Lust nach Unabhängigkeit und die grosse Herausforderung als Solo-Künstlerin den Spannungsbogen während eines Konzertes alleine halten zu können und meine Lieder genau so umzusetzen, wie ich sie höre. Das gelingt mir meistens und macht nach wie vor grosse Freude. Ausserdem spiele ich oft mit andern Bands und komme so in den Genuss, die Bühne mit sehr tollen Musikern zu teilen. Den Musikzirkus bekomme ich nur am Rande mit und es bewährt sich, den Fokus auf der Sache an und für sich zu behalten: Musik machen.

War für dein 2011 erschienenes Album Alchemy der Paris-Abstecher die Quelle der Inspiration, war es für dein neues Werk Earthbound laut malerischem Promo-Text «ein Ort, der sich sowohl in der vulkanischen Einöde Islands, in den Weiten der Prärien von Alabama oder in einem verlassenen Nest in den französischen Alpen befinden könnte». In deinen eigenen Worten: Wo liegen die Ursprünge für das neuste Werk?

Die Ursprünge liegen im Rückzug, in der Stille. Meine Nachbarn sind tatsächlich die Füchse und die Rehe. Es ist gar nicht so einfach oder romantisch, wie man es sich vielleicht vorstellt. Aber plötzlich hört man andere Sachen, als an einem geschäftigen Ort, wo viele Ablenkungen möglich sind und man sich manchmal angestrengt Raum schaffen muss um die leisen und flüchtigen Ideen überhaupt wahrzunehmen.

So breit die Klänge in deinen Liedern sind, so breit ist auch die Instrumenten-Auswahl, welche du beherrschst. Das Wort Multiinstrumentalistin fasst dies schön zusammen, aber wie sah der Weg aus zu diesem Repertoire, dass du nicht nur im Griff hast, sondern auch geschickt kombinierst?

Die Arrangements und die Instrumentierung ergeben sich meist aus einem fast schlafwandlerischen, spielerischen Prozess. Ich habe meine Auswahl an Instrumenten und je nach Stimmung der Musik oder des Textes höre ich dies oder das. Meine Instrumente sind für mich Klang-Generatoren, manchmal reichen ein paar Töne von dieser oder jener Farbe und der Song fängt an ein Eigenleben zu entwickeln. Ich habe da wirklich kein Rezept, ausser gut zuzuhören.

Durch diese Vielzahl an Musikquellen sind deine Stücke von Klangschichten geprägt, die sich mal wiederholen, mal in sich zusammenbrechen und immer wieder für Überraschungen sorgen. Inwiefern floss bei der Entstehung der Gedanke mit ein, dass die Lieder auf der Bühne solo mithilfe der Loop-Station funktionieren sollten?

Der Gedanke war schon sehr zentral, zumal ich ja auch die ersten Song-Skizzen zum Teil mit dem Looper entworfen habe. Ich habe mir allerdings mehr Freiheiten genommen als bei Alchemy und hatte auch höhere Ansprüche an die Klangqualität der Instrumente. Deshalb war die Arbeitsweise im Studio schon anders als bei Alchemy, wo ich mehr oder weniger alles so eingespielt hatte, wie ich es auch auf der Bühne spielen würde. Dadurch hatte ich beim einen oder anderen Song auch relativ viel zu tun, um eine stimmige Live Umsetzung zu finden.

Dein neues Album hast du offiziell Mitte Mai in der Turnhalle Bern getauft. Wie war es die neuen Stücke von Earthbound erstmals live vor Publikum zu performen?

Es war ein grosser Moment für mich. Wenn man erstmals nach aussen tritt mit den Liedern, an denen man lange Zeit im Verborgenen gearbeitet und rumgewerkelt hat, ist das sehr aufregend. Und natürlich auch ein Test, ob die Musik live funktioniert, ob der Funken überspringt. Ich war sehr gespannt und konzentriert. Das Schönste ist schlussendlich, wenn man auf einmal spürt, dass das Publikum mitgeht. Das ist schon eines der besten Geschenke, die es gibt.

Vor der eigentlichen Plattentaufe gab es abseits der konformen Konzertbühne die intime Möglichkeit, die Stücke wie Little Dead Bird oder Vertigo in einem speziellen Rahmen zu erleben. Erzähle uns mehr von dieser Aktion.

Das war eine sehr gelungene Aktion, die Mich Meienberg von meinem Label Everestrecords ausgeheckt hatte. Zwölf Stunden vor dem Konzert wurden die Koordinaten dessen Ortes bekanntgegeben und es fanden sich mehr Leute ein, als ich gedacht hätte. Das Konzert war draussen, es windete tüchtig und ich loopte unter anderem die Eisenbahn mit ein und die Beleuchtung der Abendsonne war grandios.

Zu deinem Song Little Dead Bird entstand auch ein Video, das in seinem Verlauf den Aufbau verschiedener Klänge und deren Zusammentreffen gut aufzeigt. Sogar die Bildsprache wechselt sich ab. Welche Geschichte erzählt dieses Stück?

Das Video ist eine mögliche Interpretation der Geschichte des Liedes. Ich hatte sofort innere Bilder zu dem Song. Diese wollte ich unbedingt umsetzen und habe das dann mit Joachim Janowski auch getan. Eine schöne Zusammenarbeit! Ich will jedem Betrachter seine eigene Version lassen. Es ist doch schade und langweilig, wenn alles immer erklärt wird.

Die zehn Stücke auf Earthbound, die du während zwei Jahren erarbeitet hast, wurden schliesslich unter Samuel Baur bei audiokonzept.ch in Aufnahmen gefasst. Wenn das Wort schon im Namen gegeben ist, nach welchem Konzept seid ihr bei der Produktion vorgegangen?

Eine der vielen schönen Sachen, wenn man mit Samuel arbeitet ist, dass er ein aussergewöhnlich aufmerksamer Mensch ist. Daher kann es manchmal passieren, dass einem allein durch seine Präsenz einiges klar wird. Wir hatten schon Alchemy gemeinsam aufgenommen und wussten, dass wir harmonieren. Vielleicht gerade deshalb, weil man nicht unbedingt über Konzepte sprechen muss. Wir wussten zu Beginn nur, dass die Instrumente schön und echt klingen sollten – im Gegensatz zum Album Alchemy, welches bewusst ein wenig ungehobelt und roh rüberkommt. Ein Zufall, der sich als grosses Geschenk herausstellen sollte war, dass ausgerechnet vor dem Studio Bauarbeiten stattfanden. Wir entschieden uns, den Termin nicht zu verschieben und in der Nacht zu arbeiten. So viel Raum wie nachts hat man sonst nie auf der Welt. Es fühlte sich weit und ruhig an für mich, die Zeit hat eine andere Qualität und das war sehr prägend für die Stimmung des Albums.

Übersetzen wir doch den Albumtitel für einmal ins Deutsche. Von «erdgebunden» ist da die Rede und doch scheint deine Musik in anderen Sphäre zu ertönen. Wie sieht die Klangwelt der Nadja Stoller vor dem inneren Auge aus und wie projizierst du diese gegen aussen?

«Earthbound» hat zwei Bedeutungen. Wie erwähnt «erdgebunden», aber eben auch «erdwärts». Das ist dann schon ziemlich ausserirdisch. Der Begriff beinhaltet eben beides gleichzeitig. Einerseits verwurzelt sein, andererseits die Erde von weitem betrachten. Schwere und Leichtigkeit, Innen –und Aussen. Jeden Tag geht es doch darum, die Balance neu zu erfinden. Das schlägt sich in allem nieder und ganz sicher in meinen Liedern.

(Foto: zvg)

(Foto: zvg)