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Mit einem gewaltigen Knall eröffnete das erste British Summer Time (BST) Festival im Londoner Hyde Park. Doch bis zu diesem erfolgreichen Auftakt war es ein steiniger Weg. Eine Geschichte in drei Akten.

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Bereits zwei Stunden vor Einlass warten die Fans.

 

Akt 1

Sowas kommt in der Schweiz eigentlich nie vor: eine grosse PR-Firma – für ein gewaltiges Fest verantwortlich – verschickt ohne Umscheife Einladungen zu eben jenem Fest. Freude herrscht! Natürlich ist da Negative White mit von der Partie und möchte den Start des BST zelebrieren. Auf der mächtigen Oak Stage spielen Bush, die Kaiser Chiefs und Bon Jovi.
Erst ist noch Geduld gefragt. Über eine Stunde warte ich auf die Verantwortlichen von Outside Organisation. Das ist nicht weiter schlimm, denn das Wetter ist not very British. Sonnenschein im Hyde Park. Für mich war es das erste Eis am Stiel des Jahres.
Als ich dann endlich das blaue Armband mit der Aufschrift «PRESS Bon Jovi» erhielt, konnte ich es kaum erwarten, alles zu entdecken. Schliesslich sollte mir dieses Band auch Zutritt zu exklusiveren Bereichen garantieren. Doch dazu später mehr, denn erst musste ich ja aufs Gelände kommen. Gar nicht so leicht, wusste doch jeder Helfer auf meine Frage, wo denn der Presse- und Gäste-Eingang sei, eine andere Antwort. Also dachte ich: Fuck that shit! Und stellte mich einfach bei den Diamonds an. Erstaunlicherweise wurde ich ohne grosses Trara reingelassen. Wieder: Freude herrscht! Dann mal gleich in den Gäste-Bereich, wo auch das Pressezelt war. Vorbei war’s mit der Freunde, denn Vertreter englischer Medien bekamen einen schönen Badge am Halsband. Dieses Presse-Armband kannte niemand. Ich musste mir aber auch jeden Zutritt mithilfe meiner Akkreditierungsmail erschnorren. Seriously.

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Auch beim Golden und Diamon Circle muss man anstehen.

Akt 2

Bereits eine Stunde war ich hin und her gerannt und hatte noch keine einzige Note Musik vernommen. Dafür hatte ich bereits 15 Franken für zwei lächerliche Frustbiere liegen lassen. Der Regenschirm – in England weiss man ja nie – wurde mir abgenommen.
Trübsal im Hyde Park.
Erneut dachte ich: Fuck that shit! Musik musste her und zwar sofort. Also ab ins Unwind Theatre, einer gemütlichen Bühne in einem stickigen, kleinen Zirkuszelt. Die Akustik war dank des verlegten Holzbodens miserabel. Trotzdem blies mir die Band The Coronas ihre Riffs um die Ohren. Das Festival-Feeling war endlich angekommen. Pure fucking Rock’n’Roll!
Ich habe mir Bush zu Gemüte geführt, die sich zwar voll in die Riemen legten, aber trotz des meterhohen Schriftzugs die Bühne nicht mit ihrer Präsenz füllen konnten. Da waren die Kaiser Chiefs aus einem vollkommen anderen Holz geschnitzt. Frontmann Ricky Wilson sang zwar mehr für die Kameras, trotzdem heizten sie dem Publikum erstmals ein. Die britische Garage-Rock-Band gab sich arrogant und frech. Sie starteten mit einigen rasanten Stücken in ihr Set, nahmen dann etwas Tempo raus, um dann mit ihrem Hit Ruby wieder Gas zu geben – zumindest was die Stimmung auf dem Gelände anging.

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Bush geben alles, dringen aber nicht ganz durch.

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Ricky Wilson von den Kaiser Chiefs heizt ein – trotz Sonnenschein.

Akt 3

Die Spitze wurde noch nicht erreicht. Doch im Unwind Theatre legten die Futureheads alles für den Höhepunkt bereit. Mit einem perfekten A capella-Einstieg räumten sie alle Bedenken im Publikum ganz nüchtern vom Tisch: Diese Jungs haben es musikalisch defintiv auf dem Kasten. Und mit ihrem etwas sperrigen, intellektuellen Indie-Rock ging es munter weiter. Eine Band, die sich nicht vor heiklen Manövern scheut und die Mehrstimmigkeit zu ihrem wunderbaren Programm auserkoren hat.

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Die Futureheads sind locker drauf, aber trotzdem professionell!

Entgegen meinen Erwartungen waren Bon Jovi dann doch der unbestrittene Höhepunkt des ersten Abends. Wer hätte gedacht, dass man mit – verzeiht – Hausfrauenrock eine solche Menschenmasse versammeln kann. Natürlich hatte die Band ihre Sternstunden, doch diese liegen schon einige Jährchen zurück. Wieso also begeistern sie heute noch in diesem Ausmass?
Ganz einfach: Sie spielen alle ihre Songs so, als wären sie die grössen Hits. Das ist ein ausgefuchster Schwindel. Aber Bon Jovi ziehen diese Masche so überzeugend durch, dass auch nicht umhin komme, mitzuklatschen und zu tanzen. Die Fans machen das letzte Konzert des ersten Tages zu einem besonderen Moment. Der dreiste Einstieg mit Rockin’ all over the world von John Fogerty war schnell vergessen. Ungehemmt schmettern sie die Songtexte mit, und Jon Bon Jovi interagiert mit seinen Anhängern.

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Unbestrittene Helden des Abends: Bon Jovi.

So vermochte sich der Abend von einer organisatorischen Katastrophe in einen musikalischen Genuss steigern. Trotz des überteuerten Biers.