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«Eine Nacht im Bergwerk» bot mehr als nur Konzerte und Dancefloors. Im «Sektor Angst» präsentierten Schausteller eine Horror-Show. Eine Darstellerinnen gewährt Einblick hinter die Kulissen. 

Das «Eine Nacht im Bergwerk» ist Kult: Das Festival im Stollen hatte sich in den ersten Jahren des neuen Milleniums schnell zu einem Fixpunkt der Schwarzen Szene entwickelt und seine Annullierung nach der Duisburger Katastrophe wurde allgemein mit Bedauern aufgenommen. Umso grösser war die Freude, als die Party für 2016 wieder angekündigt wurde. 

Obwohl mir der Name seit Jahren ein Begriff ist, war ich noch nie an der Nacht im Bergwerk – weder als Gast noch als Act. Als mich dann die Organisatorin des «Sektor Angst» anschrieb, war ich erst ganz aus dem Häuschen. 

Dämmerung im Bergwerk

Die «Sektor Angst»-Crew ist keine fixe Gruppe. Drei der sieben Personen lerne ich heute erst kennen. Wir treffen uns vormittags vor dem Eingang. In Punkto Theater und Schwarze Szene sind wir alle keine unbeschriebenen Blätter, manche von uns sind vollberuflich im Bühnenlicht tätig. Was wir für die kommende Nacht brauchen, haben wir aus unserem privaten Fundus herbei geschafft: Kostüme, Schminke und Dekorationsartikel stapeln sich in den Kofferräumen unserer Autos, während wir uns vorstellen und absprechen. 

Dieses Jahr steht uns für die Performance ein ausrangierter Zug zur Verfügung. Markus, der den Sektor Angst organisiert, instruiert uns und weisst uns auf die Helmpflicht in gewisen Teilen des Stollens hin. Da ich nicht mit dem Auto in den Stollen fahre, gehöre ich zu der kleinen Gruppe, die von ihm einen Helm kriegt. Markus geht schon voraus, während ich noch meine Haare unter den Helm stopfe. Wir gehen zu Fuss zum Sektor Angst, während die Besitzer der Autos uns hinterher fahren, um die ganzen Requisiten direkt zum Ort der Performance zu transportieren.

Wir fahren mit den vollgepackten Autos direkt ins Bergwerk und laden das ganze Material unmittelbar beim Waggon aus, während weiter unten bereits der Soundcheck von Diary of Dreams wummert. Um uns herum herrscht emsiges Treiben. Bis Mittag läuft hier noch der reguläre Betrieb, Gruppen von behelmten Arbeitern ziehen an den Party-Organisatoren vorbei und werfen uns neugierige Blicke zu, während wir den «Sektor Angst» aufbauen.

Und das gibt einiges zu tun: Koffer, Puppen, Stoffe und Haushaltsutensilien, die kein geistig gesunder Mensch in seiner Küche verwenden würde, werden in die Waggons geschleppt. Nach knapp zwei Stunden ist alles eingerichtet. Spinnweben hängen von der Decke, toten Puppenaugen glotzen aus dem Kinderabteil und die Küche sieht aus wie das Setting für einen Rob Zombie Videodreh. Wir liegen allesamt gut in unserem Zeitplan, die Stimmung ist entspannt und gleichzeitig von der typischen Aufgeregtheit gezeichnet, wie sie für die Mischung aus Vorfreude und Lampenfieber charakteristisch ist.

Anita, die in Szenenkreisen auch unter den Namen DJ Amandragora bekannt ist, führt als Verantwortliche des «Sektor Angst» die Darsteller noch einmal durch den Waggon. Wir besprechen den Ablauf der Show: Wer taucht wann auf, wer glotzt gestört, wer macht in einem strategisch relevanten Moment Lärm? Dann weiss jeder und jede, wo und wann sie was zu machen hat. Wir pilgern in den Backstage-Bereich, um uns für die Show bereit zu machen.

Bild: Evelyne Oberholzer

Im Backstage habe ich einen verwirrten Moment, weil ich kurz das Gefühl habe, The Beauty of Gemina auf dem Flyer überlesen zu haben: Michael Sele, der Sänger der Band, steht zwischen Instrumentenkoffern und Torten. Ein Blick auf seinen Batch macht klar, dass er nicht als Musiker, sondern als Mitglied des Organisationskomitees hier ist. Apropos Torten: Die Macher der Party haben sich beim Catering alle Mühe gegeben und ihre kulinarischen Präsente gipfeln in zwei Schwarzen Torten, auf denen weiss die Bandnahmen stehen. Und ja, sie sind genauso lecker, wie sie aussehen. 

Momentan steht aber niemandem der Sinn nach Süssem. Wir ziehen uns um und drängen uns vor dem Schminkspiegel. Augen werden rot, Lippen schwarz, die Haut ist auf jeden Fall bleich. Während ich mich ins Korsett meines Brautkostüms quetsche, schmiert sich mein Bräutigam Gel in die Haare. Johanna von Incantamus verwandelt sich derweil in ein Monster. Sie verunstaltet das hübsche Gesicht mit Wunden und deformiert den Körper mit Pelzen, während sich neben ihr das Psycho-Kindchen bereits die Spinne aufs Auge drückt, damit der Kleber trocknet. Ich schminke Adi, der später den Schaffner spielen wird, verpasse ihm Augenringe und ungesund aussehende Hautmale, alles überpudert mit leichenhafter Blässe. 

Kurz danach frisiert mich Mirjam, die die Köchin mimen wird. Ich bin der Pferdeschwanz und Sidecut-Typ und muss mich zusammenreissen, nicht ständig an dem wohlgeformten Dutt herumzufummeln, der asymmetrisch und mit einem Zöpfchen geschmückt an meinen Hinterkopf gesteckt ist. Und endlich sind wir alle bereit: Herausgeputzt oder zerrissen, blutig und bleich, verstörend und frisch gepudert. Die Show kann losgehen. 

Der erste Durchgang

Schon geht die Tür auf und die ersten Partygänger betreten das Bergwerk. Wir beziehen unsere Plätze. Ich sitze neben Silvan auf einer eilig zusammengezimmerten Bank. Unser Make-Up ist totengleich, unsere Kleider verstaubt, mein Bouquet verwelkt. Als würden wir seit ewig in diesem Zug sitzen und unser Ziel nie erreichen. Im nächsten Abteil sitzt ein psychisch krankes Kind in einem absolut nicht kindergerechten Abteil. Danach kommt der Speisewagen mit Stardust als aufdringlich kicherndem Kellner, der Gummiaugen verteilt. Die Küche passt dazu, sie erinnert eher an einen Horrorfilm als an einen Gastronomiebetrieb. Dann betreten die Zuschauer den Gepäckwaggon und finden eine Kreatur im Käfig. Von vorne kommt der Schaffner angeschwankt, hinten bricht das Monster aus dem Käfig aus. Die Zuschauer haben keine andere Wahl, als den Zug wieder zu verlassen.

Bild: Francesco Tancredi

Nach den ersten beiden Durchgängen ist wieder Zeit für eine Pause und wir treffen uns zu einem kurzen Briefing. Das Monster kam sehr gut an, ebenso der irre Kellner, die kranke Kindfrau und der unappetitliche Schaffner. In der Küche und im Hochzeitsuiten-Waggon dagegen herrschte Flaute. Wir beschliessen, unser Stück anzupassen.
Aus der vertrockneten Hochzeitsreise wird ein Mordszenario, die Köchin Opfer ihrer eigenen scharfkantigen Kochutensilien.

Backstage im Bergwerk 

Bis es soweit ist, stehen aber Abendessen und Nachschminken auf dem Plan. Vor lauter Essen und Plaudern verpassen wir beinahe den nächsten Auftritt, aber kommen gerade noch rechtzeitig im «Sektor Angst» an.
Jetzt setzen wir das neue Skript in die Realität um. Ich liege diagonal auf der Bank, Silvan kniet über mir und würgt mich. Ich schlage mit Fächer und Bouquet nach ihm, trete und winde mich im Todeskampf. Das kommt besser an, aber auch nicht immer wie gewünscht. Zwei Witzbolde beschliessen, unseren schönen Mord aus Leidenschaft auf letzteres zu reduzieren.

«Die vögeln ja.» – «Aber hoffentlich mit Gummi…»

«Die vögeln ja im Zug», sagt der eine und der andere setzt nach: «Aber hoffentlich mit Gummi…» Als ich den Abgang mime und melodramatisch den Arm über den Kopf werfe, legt einer seinen Finger auf mein warmes Handgelenk und konstatiert enttäuscht, dass da noch ein Puls zu fühlen ist. Die beiden ziehen weiter. Silvan und ich entspannen uns kurz, dann begeben wir uns auch schon wieder in Pose, weil die nächste Zuschauergruppe daher kommt.

Bild: Francesco Tancredi

Als die Show fertig ist, trotten wir zurück in der Dunkelheit des Stollens, die nur ab und zu etwas mit blauem Licht dekoriert ist. Im Berg ist es kalt und mich friert in meinem mehr oder weniger schulterfreien Kleid. Ich gehe in den Backstage-Bereich, wo es wärmer ist. Ich gehe in den Garderoben-Bereich, der dem «Sektor Angst» zugeteilt worden ist und suche meinen Pulli hervor. Im vorderen Raum machen sich derweil einige Schauspieler über das Dessertbuffet her, denn auch diese Pause ist kurz. Auf dem Rückweg zum «Sektor Angst» laufen wir an dem Fotografen vorbei, der die Partygänger vor dem Hintergrund der Bergwerks-Arbeitsgeräte ablichtet. Wir lassen uns ebenfalls fotografieren.

Mord im Bergwerk

Dieser Block ist der anstrengendste, und wie das mit dem Theaterspielen nunmal ist, damit auch der, der am meisten Spass macht. Ich ziehe mir einen silbergrauen Schleier über das Gesicht um die Todessymbolik zu unterstreichen. Silvan kniet über mir, seine Hände liegen auf meinem Hals. Den Druck übt er vor allem auf die Handkanten aus, damit er mir nicht wirklich die Luft abschneidet. Um die Darbietung möglichst echt zu gestalten, beuge ich den Hals in seine Hände und würge gleichzeitig.

Das Ergebnis ist ein verdammt unangenehmes Erstickungsgefühl. Wenn man dabei dann noch zu Husten beginnt, drückt automatisch die Zunge aus dem Gaumen, du hustest und spuckst in den Schleier, du trittst um dich und kratzt mit den Fingernägeln kraftlos über seine Ärmel. Manchmal schlage ich mit dem Fächer nach ihm, und es gelingt mir nicht immer, dabei in einer zufällig wirkenden Bewegung sein Gesicht zu verfehlen. Der Blumenstrauss gibt mehr und mehr den Geist auf, denn auch er wird als Waffe gegen meinen mörderischen Gatten verwendet.

Das Schwierigste sind die Minuten nach dem gespielten Tod. Wenn ein einziger Atemzug die Illusion zerstören kann und du regungslos, leichenstarr liegen bleiben musst. Manchmal siegt der Geist über das Fleisch, manchmal ist der Atemreflex schlicht zu stark. 

Und er tötet mich. Wieder und wieder. Würgen, erschlaffen, Atem anhalten, und dann endlich aufatmen. Beine hochlagern, Blumenstrauss arangieren, kurz entspannen. Und dann wieder alles von vorne. Eine Frauenstimme murmelt halb schockiert, halb angewiedert «Oh mein Gott» während meines Todeskampfes. Ein anderer Zuschauer sagt leise und halb amüsiert: «Krass…»

Bild: Francesco Tancredi

Diese Rückmeldungen sind reines Gold, wenn du da so liegst, mit halb geschlossenen Augen, blicklos an die Zugdecke starrend, während echte Tränen unter deinen Lidern hervorquellen. Sie sind ein Resultat des Würgens und Hustens, aber in dem Moment, da du fühlst, dass die Performance stimmt, ist alles andere egal. Du spürst nicht mehr, dass deine Schuhe zu eng sind, dass dein Korsett in die Wirbelsäule drückt, und dass du tatsächlich halb am ersticken bist. Es ist einfach nur grossartig. Ein Hochgefühl, wie es nur Lampenfieber und Bühnenlicht gebären können. 

Nach der Show gehe ich zum Konzertsaal. Auf der Bühne stehen Biomekkanik. Der Sound sagt mir durchaus zu, aber ich mag nicht in den Saal gehen. Keine Kraft zu tanzen, kein Interesse an sozialer Interaktion. Ich suche mir einen extra dunklen Schatten, setze mich auf eine Bank und drehe mir eine Zigarette. Ich rauche so langsam, dass praktisch die ganze Pause dafür draufgeht. Durch meinen Kopf ziehen träge die Variationen der Szene, die wir gerade gespielt haben. 

Silvan und Adi wälzen sich vor der Show auf dem Boden, damit ihre Jackets noch etwas staubiger werden. An der Absperrung vor dem Sektor bildet sich derweil eine schmeichelhafte Menge. 

Im Abteil beschliessen Silvan und ich, noch etwas gröber zu spielen. Dieses Mal wird die Bank bewusst in Mittleidenschaft gezogen, indem ich mich beim Todeskampf dagegen werfe. Die Konstruktion aus Stoff und Dachlatten bricht schnell unter meinem Druck. Irgendwo splittert Holz, die Lehne klappt nach hinten, mein Oberkörper folgt der Bewegung. Irgendwie klemme ich mir den Kopf zwischen zwei Latten ein, der Staub, der aus dem Sitzbezug fällt, kitzelt in Nase und Rachen. Obwohl wir den Kampf schon zu Ende gespielt habe, muss ich Husten – und das nicht zu knapp. Silvan hat keine andere Wahl, dies als Rückkehr ins Leben zu deuten und mich noch einmal zu würgen. Das verstärkt den Hustreiz nur noch. Solange ich mich noch bewege, würgt mich Silvan, und solange bleiben die Zuschauer im Raum. Es verstreichen ein paar sehr anspruchsvolle Minuten. Ich wage kaum zu atmen, mein Kopf klemmt immer noch fest und mein ganzer Atemtrakt fühlt sich an, als würden Fussel in ihm tanzen.

Endlich erklingt der Schrei des Psychokindes, der mir suggeriert, dass die Zuschauer weiter gezogen sind. Ich befreie meinen Kopf aus der zerbrochenen Konstruktion, richte mein Bouquet, ziehe meinen Rock zurecht und habe eine knappe Minute, um die Beine hoch zu lagern und den Rücken zu entspannen, ehe Anita die nächste Gruppe in den Waggon führt.

Erschlagen am Ende

Um Mitternacht bricht unser letzter Block an. Viele der Zuschauer betreten den «Sektor Angst» nun zum zweiten Mal. Das überraschte, gespannte Schweigen früherer Runden weicht flapsigen Sprüchen. «Häsch si ez ändli?», fragt eine Männerstimme, als Silvan mich wieder mal erwürgt. Die Worte klingen nicht humorvoll, eher sanft und anzüglich. Das finde ich ein bisschen creepy.

Eine knappe Stunde später kommen die letzten Zuschauer aus dem Waggon und wir machen uns ans Aufräumen. Da ich mich in meinem Kostüm kaum vernünftig bewegen kann, gehe ich mich erst umziehen, ehe ich den andern beim Aufräumen helfe. Das Dekormaterial wird grob in zweit Hälften geteilt: Müll und «brauchen wir noch». Wir kommen so zügig voran, dass ich tatsächlich noch einen guten Teil des Diary of Dream-Konzerts mitkriege.

Bild: Francesco Tancredi

Jetzt, wo die Spannung von uns abgefallen ist, sind auch einige «Sektor Angst»-Darsteller in Partylaune. Wir gehen tanzen oder holen uns was zu trinken. Ich bleibe beim Konzert und geniesse die Band, überlasse mich harten Taktschlägen und Synthesizer, treibenden Rhythmen und eingängigen Melodien. Dem Publikum gefällt’s, und dass man drinnen Rauchen kann, kommt nicht nur bei mir alter Teerlunge gut an.

Schon wieder ist es Zeit. Zeit, sich ein letztes Mal im Backstage-Bereich zu versammeln, um unser Zeug zusammenzupacken und ins Hotel zu gehen. Dort stellen wir fest, dass wir viel zu wenig Betten haben. Irgendwer hat irgendwann irgendwelche Schlüssel vertauscht und jetzt stehen wir zu viert in einem Zweierzimmer. Wir fangen müde an zu debattieren, ob wir auf dem Boden schlafen oder gleich nach Hause fahren sollen. Ich versuche, jemanden vom OK zu erreichen. Anita und Johanna, deren Köpfe irgendwie noch besser funktionieren, verlassen die Zimmer und suchen nach Lösungen. Ich bin so müde, dass mir an dieser Stelle ein Teil der Ereignisse abhanden kommen, aber irgendwann taucht Anita wieder auf und erklärt, sie habe die ursprünglichen Zimmer gefunden. Als ich ins Bett falle, ist es schon deutlich nach vier Uhr morgens. 

Keine sechs Stunden später wache ich auf. Mein Hals tut weh, mein Kreuz schmerzt, meine Bauchmuskulatur protestiert bei jeder Bewegung und mein Dopaminpegel singt Freudenhymnen in meinem Kopf. Dem Rest der Crew scheint es gleich zu gehen. Wir sind erschlagen. Vor Erschöpfung und vor Glück.