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Foy Vance bot im Zürcher Papiersaal mehr als ein Konzert: Es war ein Abend unter guten Freunden.

Die Bühne im Papiersaal ist ungewöhnlich. Sie steht praktisch mitten im Saal, so dass sich das Publikum von drei Seiten das Konzert verfolgen kann.

«It’s nice to be at the same place the same time fort he same reason. Thank you for coming.»

So begrüsst der Singer-Songwriter Foy Vance das Publikum im Zürcher Papiersaal und beginnt mit Be Like You Belong etwas, das man nur als musikalische Magie beschreiben kann.

Die Stimme des Nordiren dringt vom ersten Ton an durch Mark und Bein. Die Drums von Paul Hamilton lassen den niedrigen Raum erschüttern. Und das Publikum verfällt in stille Aufmerksamkeit – eine rare Tugend an Konzerten. Doch Foy Vance zieht in seinen Bann. Nahtlos knüpft er mit seinen Mitmusikern mit Ziggy Looked Me In The Eye an. Keine Pause, als dränge die Zeit. Vance’ Band blitzt und donnert als stünde Zeus höchst selbst auf der Bühne.

Mehr als ein Konzert

Bild: David Schneider

Goldkehle mit Schnauzbart. Bild: David Schneider

Foy Vance tourt derzeit um die Welt, präsentiert sein neues Album The Wild Swan. Keine Frage, diese Scheibe gehört zum besten, was dieses Jahr an Musik geboren wurde. Die Songs berühren, sind facettenreich und ausnahmslos stark. Das Album scheint so gut, dass man sich fragt, ob sich ein Konzert lohnt. Muss man den Künstler auch noch im Rampenlicht sehen oder wird man bloss enttäuscht? Das fragte ich mich im Vorfeld.

Vance belehrte mich eines Besseren – und wie! Er imitiert Trump, rezitiert einige seiner dümmsten Aussagen und fügt dann nachdenklich an: «It’s like a bad dream, isn’t it?» Was Foy Vance bietet, ist mehr als ein Konzert. Es ist ein Abend unter Freunden. Mit lustigen und ernsten Momenten.

Manchmal wünscht man sich ihm einen grösseren Auftritt, denn das hätte er verdient. Bis man zur Erkenntnis gelangt, dass genau diese Atmosphäre des kleinen Raums, der kaum erkennbaren Bühne, der Direktheit die Genialität des Konzerts ausmachen.

Ein «Fuck off!» von Noam Chomsky

Egal ob die Band um ihn herum wütet oder die Wogen glättet – Vance’ Stimme dominiert, dringt durch jede Pore. Man will ihn beinahe verfluchen, diesen irischen Teufel. Diese Goldkehle mit Schnurrbart.

Nach Bangor Town setzt Vance zu einer weiteren Anektdote an. Erzählt wie ihm Noam Chomsky das liebenswürdigste «Fuck off!» schrieb, als er ihn zu einem Konzert in Boston einladen wollte. Der Song war gesetzt und Noam Chomsky Is a Soft Revolution wurde zu einer krachenden, schlingernden Rock’n’Roll-Hymne.

«Anyway, here’s a song about the joys after divorce», meint Vance danach und steigt in Casanova ein. Der Song treibt auf dem Album richtig schön vorwärts. Doch live fürchtet der Musiker keine Interpretation. So verschleppen sie den Beat zu einem schweren, aber zweifellos coolen Groove.

Totenstille

Neben Foy Vance selbst gehört der Schlagzeuger Hamilton zu einem Highlight des Konzerts. Er geht voll und ganz im Rhythmus auf, verzerrt das Gesicht, als sei jeder Takt ein Nadelstich.

Mit Pain Never Hurt Me My Love wird es stiller, gefühlvoller. Doch die Gänsehaut-Momente überschlugen sich erst bei You and I – das Publikum wird zum Chor, der mit sanfter Schönheit mitsingt:

You and I, we are hard as stone

Coco huldigt nochmals den grossen amerikanischen Folkmusikern. Was aber niemand erwartet hat, sind die darauffolgenden Akkorde: Hallelujah des kürzlich verstorbenen Leonard Cohen. Totenstille im Papiersaal, nur die gehauchten «Hallelujahs» aus vereinzelten Mündern. Am Ende gab es keinen Applaus, nur einen Moment der Andacht.

Ein neuer alter Song 

Diese Stimmung wieder auf ein fröhliches Niveau zu bringen, ist eine Herkulesaufgabe. Foy Vance – ganz der Entertainer – weiss exakt, wie diese Herausforderung anzugehen ist. Ernst beginnt er zu erzählen, dass sie diesen einen Song von The Wild Swan speziell für das amerikanische Publikum angepasst haben. Sie würden ihn nun jetzt genauso spielen. So beginnt er im schlimmsten Texas-Englisch She Burns zu singen. Es klingt so grauenhaft, dass die Fans immer wieder lachen müssen.

Dann endlich erlöst er den Saal und wechselt zur bekannten Version des Songs. Die samtweiche Treibkraft, die She Burns so grossartig – ja, vielleicht sogar zum besten Song des Albums macht, wird live nochmals verdichtet. Es ist, als sei hier ein ganz neues Stück entstanden: drängender, packender und überwältigender.

Auf Unlike Any Other folgt das inspirierende Burden, das die Band näher an der akustischen Version spielt. So oder so, Burden bleibt einer der faszinierendsten Stücke auf The Wild Swan.

Das Publikum wird zur Band

Bild: David Schneider

Foy Vance spielt als gäbe es kein Morgen. Bild: David Schneider

Es scheint wie ein perfekter Abschluss, als der Support-Musiker Ryan McMullan die Bühne betritt und mit Vance zu Guiding Light ansetzt. Aber es bleibt nicht beim Duett. Das ganze Publikum wird nun zur Band, trägt die Musiker auf der Bühne mit ihrem Gesang weit über die Grenzen hinaus, wo die Instrumente längst verstummt sind. Was für ein Augenblick!

Allerdings scheinen Foy Vance und seine Komparsen nicht genug zu kriegen. Sie spielen immer weiter als gäbe es kein Morgen mehr, als seien sie gerade erst warm geworden. Noch einmal heizt Vance dem Publikum ein: Upbeat Feelgood macht schlicht gute Laune. Auch Fire It Up (The Silver Spear) steht dem in nichts nach.

Dann zückt Foy Vance den Geigenbogen und lässt ihn über die Gitarre gleiten. The Wild Swans on the Lake wirft uns in die raue, mystische Landschaft Irlands. Wir versinken in der tiefen, eindringlichen Klangwelt. Langsam und heimlich verlässt die Band die Bühne, lässt Vance alleine zurück. Er tritt vom Mikrophon zurück, dass seine Stimme unverstärkt durch den Raum schwingt. Singend zieht auch er langsam davon. Als seine Stimme verklingt, bricht der Saal in frenetischen Jubel aus.