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Noemi Hermann war ein Jahr lang in Deutschland. Nun kommt sie verändert zurück.

Der Zug ist abgefahren, hin und her Schweiz-Deutschland, Deutschland-Schweiz, fast ein Jahr lang, jedes zweite Wochenende. Damit ich meine frische Liebe in der Schweiz nicht aus den Augen verliere. Nun zieht zum letzen Mal Regensburg an mir vorbei, sehe ich zum letzen Mal den Bahnhof, den Park, die Strassen, die mich durch das fremde Regensburg führten und irgendwie auch zu einem mir noch fremden Ich.

Ich sehe schon das Schmunzeln der Leute, wenn ich ihnen davon erzähle, dass ich zurück in der Schweiz gerade einen Kulturschock erlebe, doch den «Eigenkulturschock» gibt es tatsächlich. Schon einige Kulturwissenschaftler haben sich mit diesem Phänomen auseinander gesetzt und ich komme nun scheinbar auch nicht drum herum.

«Meine Damen und Herren, willkommen in der Schweiz», spricht der Zugchef, kurz nachdem wir am Bodensee vorbei gefahren sind. Was ist das für ein Schmerz, der da plötzlich in mir aufsteigt, er scheint aus einer Mischung aus Erleichterung und Sehnsucht zu bestehen.

AtelierNoeBildbetrachtung

(Foto: Monika Roth)

Erleichterung

Endlich zähle ich zum letzen Mal die sechs Stunden wie ein Countdown herab, bis der Zug im Zürcher Hauptbahnhof stehen bleibt. «Bitte alle aussteigen, dieser Zug endet hier.» Wie sich das anhört, wenn man weiss, dass auch für einem selbst etwas endet.

Wieder in der ziehenden Pendlerflut zu stehen, erleichtert mich irgendwie. Das Leben geht weiter, wie die Leute um mich herum. Ich freunde mich mit dem Gedanken an, einfach in der Stadt wieder weiter zu machen, wo ich die Koffer gepackt habe, um ins Ausland zu gehen. Doch ich merke, ich muss zuerst wieder «meine alte Stadt» kennen lernen. Denn ich merke, wie ich in meinen Gedanken aus Zürich eine «Heidistadt» gemacht habe. Wohl auch, weil ich im Ausland gelernt habe, so über diese Stadt zu denken. Da in meiner ausländischen «Heimat-auf-Zeit» die Menschen Zürich nur als Touristen kennengelernt haben und mit Geschichten zurück aus der Schweiz kamen, die nur wenig mit dem Leben eines «echten Zürchers», einer «echten Zürcherin» zu tun haben. Denn in Zürich findet der Alltag nicht nur um das rot-weiss karierte Tischtuch statt.

Bin ich jetzt wirklich wieder eine Zürcherin und in meinem alten Leben? Oder fehlt es mir vielleicht sogar, ganz alleine «die Schweizerin» zu sein und diesen Titel mit niemandem teilen zu müssen, mit diesem Attribut plötzlich in der Masse unterzugehen anstatt aufzufallen?

Sehnsucht

Damals vor knapp einem Jahr fing alles an mit der Frage: «Was wäre, wenn…?» – Was wäre wenn ich nicht an einer Pädagogischen Hochschule studieren würde, sondern an einer Universität? Wenn ich plötzlich alles auf die Kunst setzen würde? Wenn ich anstatt Lehramtsstudentin zur Kunststudentin werde, und dies in einem anderen Land? Deutschland?

Diese Überlegung gefiel mir und ich näherte mich diesem Gedanken immer mehr an, bis ich schliesslich meinen Koffer aus dem ICE hievte und mir ein Lächeln übers Gesicht huschte, als die DB-Mitarbeiterin: «Meine Damen und Herren, willkommen in Regensburg…» durch die Lautsprecher sprach.

Ja, es hat mich in die bayrische Stadt Regensburg gezogen, einer der deutschen Partnerhochschulen meiner PH in Zug. Hier hin, wo noch kein anderer Studierende meiner Hochschule war. Auch dieser Gedanke gefiel mir, denn ich wollte nicht wie alle nach Berlin. Ich schwimme irgendwie gerne gegen den Strom. Und wo geht das besser als in einer kleinen Stadt an der reissenden Donau?

Regensburg wurde schnell zu einer neuen Heimat für mich, es ist irgendwie wie ein grosses Zürcher «Niederdörfli», alles so klein und verwinkelt und hier und da hat sich jemand mit einem eigenen Geschäft seinen Traum verwirklicht. Viele Galerien und Handwerks-Ateliers gibt es hier, dies liess natürlich mein Künstlerherz höher schlagen. Rasch liebäugelte ich mit dem Gedanken, ein eigenes Atelier zu eröffnen, in dem ich meiner Acrylmalerei nachgehen konnte, was bis jetzt nebst der Lehrerinnenausbildung nur als ein Hobby Entfaltung fand.

Doch erstmal startete ich das Studium der Kunstvermittlung an der Universität Regensburg. Es gefiel mir ab der ersten Sekunde, als es hiess: «Kaufen Sie sich auf die nächste Stunde bitte einen Malkasten und Pinsel.» An der Pädagogischen Hochschule ist das Bildnerische Gestalten nur ein Fach nebst Deutsch, Mathe und weiteren Fächern. Doch in Regensburg kann ich mich nun innerhalb meines Auslandaufenthalts in der Fachrichtung Kunst vertiefen, denn mein Ziel ist es später einmal mich auf die Kunstvermittlung zu spezialisieren.

Ein Atelier fand ich schneller als gedacht, da ein deutscher Mitstudent gerade einen Nachmieter suchte. Schnell füllte ich es mit jungfräulich weissen Leinwänden, Farben und Pinseln und bald war fast jedes meiner Kleider irgendwo voller Kleckse, da ich in jeder freien Minute in die Welt der Farben eintauchte.

An der Universität besuchte ich Kurse in Kunstgeschichte, Design, Malerei, Philosophie und Pädagogik und ich merkte, wie durch das dazu gewonnene Wissen mein Kunststil mehr und mehr beeinflusst wurde und daher zu etwas ganz Eigenem, in sich Stimmigen heran reifte.

Doch nicht nur meine Pinselführung auch meine Denkweise hat sich durch die Zeit in Regensburg verändert. Ich habe gemerkt wie viele Wege einem offen stehen und was im Inneren seiner Selbst passiert, wenn man seinen ganz eigenen Weg geht. Nun bin ich also wieder in Zürich, schlendere an der Limmat vorbei und muss schmunzeln, da ich weiss, dass dies noch das alte Zürich ist, so wie ich es verlassen habe, ich jedoch nicht mehr die gleiche wie zuvor.