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Wer sich vor dem Konzert auch nur ein bisschen mit den Jungs von Twin Atlantic auseinandersetzte, war sich ganz sicher, ziemlich genau zu wissen, was ihn erwartete. Doch was die vier Schotten ablieferten, war der helle Wahnsinn. Und so viel mehr, als man sich vorstellen konnte.

Die Position der Vorband ist sowieso immer eine undankbare. Keiner kommt deinetwegen, die wenigsten wissen überhaupt, wer du bist, weil sie, als du deinen Namen ins Mikrofon geflüstert hast, noch ihre Jacken an der Garderobe abgegeben haben, und die meisten plappern noch lauthals herum, bis du die Bühne schliesslich verlässt. Doch die Xcerts mussten sich noch tausendmal schlimmer fühlen an diesem Mittwochabend im Kinski. Weil es für einen Soundcheck nicht mehr gereicht hatte, musste ein sichtlich verwirrter Murray McLeod alleine mit seiner Gitarre einige Songs runterspielen, wobei er sich so viel Mühe gab, dass er tatsächlich ein bisschen Aufmerksamkeit kriegte. Nach jedem Song entschuldigte er sich dafür, dass nicht die ganze Band auf der Bühne stehen konnte, und am Ende versprach er, dass sie zurückkommen würden, und dass wir sie dann richtig hören würden; «what I’m doing, just amplified and superloud», wie er sagte. Kurz darauf verwickelten ihn zwei Fans in ein Gespräch, worauf er beschloss, sie zu einem Drink einzuladen. Und schliesslich tobte er mit dem Sänger von Twin Atlantic, der wieder einmal die Bühne verlassen hatte, mitten im Publikum herum.

Vom Perfektionisten zum wilden Tier

Mit fast zwei Stunden Verspätung drängten sich dann Twin Atlantic auf die winzige Bühne. Sie gingen so dicht am Publikum vorbei dass man ihr – äusserst ansprechendes – Parfum riechen konnte, und während des Konzerts glaubte man, die Schweisstropfen McTrustys auf die erste Reihe fliegen zu sehen. Und davon gab es reichlich: Was die vierköpfige Band ablieferte, war unbeschreiblich. Hört man sich Songs wie Make a Beast of Myself oder Hold On auf Youtube an, klingt der Gesang rein, und die Musik ist die Begleitung dazu. Auf der Bühne setzten Sam McTrusty, Barry McKenna, Ross McNae und Craig Kneale die Gesetze von Gut und Böse ausser Kraft. Zeitweise war die Stimme des Sängers kaum hörbar, und wenn sie es denn war, steckte nichts von der Perfektion und Konzentration drin, die man sonst immer raushört. Die Schotten scheinen im Studio zwar alle Attribute einer perfektionistischen, musikvernarrten Band zu erfüllen, bei einem Auftritt geht es aber um viel mehr. Erst einmal geht es um die Musik, nicht den Gesang; und dann geht es vor allem darum, Spass zu haben. Und zwar mit jeder Faser des in schweissdurchnässten Kleidern steckenden Körpers. Und doch können sie dann wieder mit ausgesprochen viel Feingefühl überraschen; zum Beispiel, wenn der zweite Gitarrist Barry McKenna die breitbeinige Körperhaltung aufgibt, sich auf einen Hocker setzt und McTrusty mit dem Cello begleitet.

Wunderbare Zollangestellte

Die Band suchte sich genau die richtigen Songs aus: Trotz ihres eher tiefen Bekanntheitsgrades kannte das Publikum fast jeden davon (in Schweizerischer Bescheidenheit traute man sich aber erst, mitzusingen, wenn Sam einen ausdrücklich dazu aufforderte), und ausserdem konnten sie so richtig die Sau rauslassen. Das hatten sie bitter nötig an diesem Abend. Endlich erfuhr nämlich das Publikum den Grund für die horrende Verspätung: Der Tourbus war an der Grenze aufgehalten, das ganze Equipment ausgeladen und kontrolliert worden. Twin Atlantic hätten es beinahe gar nicht mehr ins Kinski geschafft. Und dementsprechend widmeten sie den «wundervollen, netten Leuten am Zoll» den Song I Am An Animal. Den Abschluss machte dann schliesslich der Hit Heart And Soul, der, wie viele andere ihrer Stücke, zu Offenheit und Ehrlichkeit aufruft, und vor allem dazu, Spass zu haben und stolz zu sein. Was die vier grinsenden Bartgesichter, die sich gerne ins Publikum stürzen oder in Eigenregie die Scheinwerfer aufs Publikum richten, in jeder Sekunde leben.