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«Made in Germany» lautete das Motto des Abends an der BALOISE Session und ganz nach der bewährten Manier luden die Veranstalter neben dem omnipräsenten Grafen die hierzulande noch unbekannte Berliner Sängerin Schmidt ein.

Lasziv: Schmidt an der Baloise Session Basel (Sacha Saxer)

Lasziv: Schmidt an der Baloise Session Basel (Foto: Sacha Saxer)

Über die Aachener Kombo Unheilig müssen eigentlich kaum mehr Worte verloren werden, sind sie doch allseits bekannt. Das kann man vom ersten musikalischen Gast noch nicht behaupten. Hinter dem einfachen Namen Schmidt verbarg sich eine Berliner Sängerin und eine grossartige, neunköpfige Band, darunter ein Streicherquartett und neben Keyboards, Drums, Bass und Gitarre auch noch ein Bläser, der nicht nur an der Querflöte und Klarinette, Sonderschule am Saxophon überzeugen konnte.
Leider zeigte sich das Schweizer Publikum einmal mehr von seiner konservativen Seite und getraute sich nicht so wirklich, auf die Animation von Schmidt einzugehen. Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht. Dieses alten Sprichwort hat sich leider mal wieder bewahrheitet. Allerdings muss auch gesagt sein, dass die Performance der Berlinerin derart wuchtig war, dass sie bestimmt dutzende Leute zurück in den Sessel gedrückt, statt zum Aufstehen animiert hatte.
An Konzerten hab ich ja oft eine Doppelrolle: Zuerst steh ich ganz vorne und versuch ein paar brauchbare Fotos zu schiessen, was mir, hoff ich zumindest, meistens auch gelingt. Während dieser Zeit krieg ich allerdings von der Musik nicht wirklich viel mit und deshalb muss ich mir nachher erst einen Einstieg ins Konzert verschaffen. Glücklicherweise holte mich Schmidt hier direkt ab und warf mich mit viel Schwung direkt ins Geschehen des Konzerts. Das erreichte sie einerseits mit ihrem lasziven Auftreten, aber viel mehr noch mit ihrer rauchigen Stimme.
Mehr als einmal beschlich mich das Gefühl, ich würde einem zukünftigen James Bond-Titelsong zuhören. Diese Stimme… und so perfekt unterstrichen von der Gitarre, die nie dominierend wirkte, und ergänzt von Streichern und Bläser. Die Arrangements liessen nichts zu wünschen übrig, es war eine wahre Freude, der Truppe zuzuhören.
Der einzige Wermutstropfen war die Zugabe Stay, die akustisch als auch musikalisch klar hinter dem bisher gebotenen blieb. Weniger ist oftmals mehr, und hier wäre der Verzicht auf die Zugabe absolut angebracht gewesen. Etwas Schade, wurde damit der Kontrast von einem Hauch von burlesquem Hollywood-Charme zum…

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…etwas minimiert. Man muss neidlos eingestehen, dass Unheilig seine Fans absolut im Griff hat und sie eigentlich schon ab dem ersten Ton zum Ausflippen bringen kann. Der Graf wirbelte auf der Bühne rum, als gäbe es kein Morgen. Ich und meine Leidensgenossen (also die anderen Fotografen) sind der Meute dankbar, dass sie bis zum dritten Song gewartet hatten, die Fläche vor der Bühne zu stürmen. So hatten wir wenigstens zwei Lieder lang die Chance, ein brauchbares Foto vom ständig herumwirbelnden Grafen, der seine Gage wohl auf Basis abgespulter Kilometer gezahlt kriegt, zu schiessen, bevor wir dann von der Menge regelrecht erdrückt wurden. Danke für die Geduld mit uns und für die schönen Aufnahmen, die wir danach noch machen konnten.
Zurück zum Konzert. Dass der Graf über sehr viel Charisma verfügt, muss eigentlich nicht weiter erwähnt werden. Er spielt mit dem Publikum und es frisst ihm aus der Hand. So war die Stimmung bei Unheilig grandios, musikalisch wurde allerdings reine Hausmannskost geboten. Nach dem Feuerwerk von Schmidt, bei welchem sich noch kaum jemand getraut hatte mitzutanzen, mitansehen zu müssen, wie das Publikum dem Grafen an den Lippen hängt, auch wenn seine Musik doch so ungleich simpler gestrickt und alleine auf das Herz der einsamen Hausfrau zu zielen scheint, lässt wieder einmal mehr Zweifel daran aufkommen, ob die Leute heutzutage wirklich noch bereit sind, sich mit Musik auseinanderzusetzen. Ich will damit nicht sagen, dass die Musik von Unheilig schlecht ist, sondern, dass ihr Tiefe fehlt und sie alleine auf Klischees aufsetzt. Perfekt für angehende Gruftis, die Eltern zu beruhigen… der nette Herr macht ja richtig fesche Musik. Wenn man das Durchschnittsalter des Publikums betrachtet, dann ist diese Überzeugungsarbeit wohl noch manchem Jugendlichen gelungen.
Doch egal was man von der musikalischen Leistung von Unheilig hält, die Entertainerqualitäten stehen ausser Frage und wenn es jemand schafft, einen Song in bester Rammsteinmanier abzuliefern und dabei immernoch Grossmütter dafür begeistern zu können, dann macht er etwas verdammt richtig.
Auch wenn Unheilig sicherlich mehr Stimmung im Saal schufen, so war das Highlight des Abends doch klar Schmidt. Erfrischend, stellenweise provokant und musikalisch ungleich ausgereifter, verwies sie den Grafen musikalisch in in die Schranken, auch wenn das beim Publikum nicht unbedingt so ankam. Allerdings hat man als Vorband von Unheilig wohl sowieso schon verloren, denn das Publikum will nur den Grafen sehen.